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Exkurs 60er Jahre: „When attitudes become form“
Gegenmedien der 1960er Jahre

Autor(en):
Breuer, Gerda

Selten ist Architektur so sehr mit dem grafischen Erscheinungsbild seiner publizistischen Medien in Verbindung gebracht worden wie in den 1960er Jahren. Das liegt nicht nur daran, dass viele ihrer Entwürfe dem Stadium der Idee und der konzeptionellen Beschreibung verhaftet blieben. Im Zuge der allgemeinen Ablösung von der Grafik zur visuellen Kommunikation lotete die Dekade vielmehr auch ihre Möglichkeiten aus, sich szeno-grafisch zu präsentieren und erprobte, was heute gängig ist: den medialen „Auftritt“.

Vor dem Hintergrund der neuen performativen Qualitäten der visuellen Kommunikation erweist sich, nüchtern betrachtet, das Bild von der Geschlossenheit der Architektur-Gegenmedien der 1960er Jahre als von Selbstinszenierung, Legendenbildung und falschen Erbfolgen umflort. Bei weitem nicht alle alternativen Blätter entfalteten eine so experimentelle farbige Pop-Sprache wie die britische Gruppe Archigram in ihren Collagen oder die italienischen Architekten von Superstudio in ihren Negativutopien – im Gegenteil. Viele wählten die A-Form und Anti-Ästhetik als visuellen Ausdruck ihrer subversiv-provozierenden Haltung wie die Hefte von IN, dilettierten bewusst und verweigerten sich den neuen, auf Visualität umgestellten Codes kommerzieller Printmedien. Andere pointierten ihre apokalyptischen Visionen und architektonischen Gegenmaßnahmen, dem Ernst der Lage entsprechend, durch tiefes Schwarz, in das sie ihre Ausgaben hüllten, wie das französische Blatt architecture principe, und suchten jegliche optische Ablenkung durch ein ordnendes konventionelles Layout zu verhindern. Die Welt als eine Anthologie von Bildern erscheinen zu lassen, entsprach der eher schrift- und wortlastigen Kultur Frankreichs nicht. Die typografische Gestaltung ergänzten die Herausgeber allenfalls mit traditionellen Zeichnungen. Die Studierenden der Hochschule für Gestaltung in Ulm wiederum lehnten sich in ihrem bescheidenen Heftchen out put, trotz provozierender Inhalte, an die strengen Regeln der visuellen Kommunikation an, die ihnen ihre Lehrer vermittelten. Noch ganz den Ideen der klassischen Moderne verpflichtet, sprachen sie der Gestaltung, trotz revoltierender Attitüde, Zauberkraft im Einfluss auf die Welt zu. Was im Rückblick als transnationale lingua franca der Revolte erscheint, war in Wahrheit ein compositum mixtum unterschiedlicher Dialekte, deren Sprecher einander nicht immer verstanden....

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Seitenzahl: 6