Gemeinsam mit der ARCH+ Redaktion haben wir als Gastredakteurinnen der vorliegenden Ausgabe es uns zum Ziel gesetzt, nicht nur ein Porträt Istanbuls und seiner Architekturszene zu entwerfen, sondern darüber hinaus die derzeitige dynamische Veränderung der Stadt widerzuspiegeln. Istanbul ist heute stark den Auswirkungen der Globalisierung ausgesetzt, so dass es uns ein besonderes Anliegen ist, auf die dadurch hervorgerufenen Konflikte und Widersprüche einzugehen.
Als zeitlichen Bezugsrahmen für diese Betrachtung Istanbuls im Licht des Wandels haben wir das vergangene Jahrzehnt gewählt. Was diese Jahre für die Stadtentwicklung so bedeutsam macht, ist das zunehmende Interesse ausländischen Kapitals am Investitionsstandort Istanbul, die verstärkte Öffnung des Bildungssystems nach außen mit Programmen wie Erasmus, die Rückkehr türkischer Architekten nach ihrem Auslandsstudium in die Türkei sowie den Anschluss an die weltweite Architekturproduktion mithilfe verschiedener fachlicher Plattformen wie Konferenzen, Biennalen usw. Außerdem sind in diesen zehn Jahren die Ergebnisse und konkreten Ausformungen neoliberaler Politik besonders deutlich sichtbar geworden, ausgehend von der Tendenz der Umwandlung von Raum in Kapital seit den 1980er Jahren. Um 2000 vollzieht sich diese räumliche Umgestaltung nicht mehr nur im lokalen, sondern auch im globalen Maßstab. Am Beispiel der türkischen Baubehörde TOKİ wird im vorliegenden Heft aufgezeigt, wie sich direkte Eingriffe des Staates in die Raumgestaltung auswirken und welche gegensätzliche Interessen die beteiligten Akteure (öffentliche Hand, Architekten, Bewohner, Stadtplaner, Privatleute) kennzeichnen. Um hervorzuheben, welche wichtige Rolle die einzelnen Akteure in diesem Prozess spielen und welche Positionen sie einnehmen, wollten wir insbesondere solche Arbeiten präsentieren, die dafür als exemplarisch gelten können. Auch bei der Auswahl der vorzustellenden Architekturbüros war letztendlich der Wunsch ausschlaggebend, die unterschiedlichen Formen architektonischen Schaffens, die sich in diesem Zusammenhang entwickelt haben, zu zeigen. Was städtebauliche Projekte angeht, so haben wir vor allem solche ausgewählt, die mit ihren Beiträgen bei innerstädtischen Wettbewerben für Diskussionen gesorgt haben. Während der zehnmonatigen Arbeit an diesem Heft war es unser Ziel, eine kritische Perspektive einzunehmen. Es werden nicht allein bestimmte Projekte und Architekten vorgestellt, sondern es wird darauf eingegangen, welche Bedeutung diese Projekte für die Stadt als Ganze haben und welche weiteren Akteure an ihnen beteiligt sind. Besonderes Augenmerk wird auf die staatliche Stadterneuerung gerichtet. In diesem Kontext stellt sich die dringliche Frage, welchen Wert man Räumen beimisst – nicht nur in architektonischer, sondern auch in soziophysischer, umweltlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Die meisten hier vorgestellten Büros und Projekte haben wir nach dem Kriterium ausgewählt, dass sie in exemplarischem Zusammenhang mit der sich derzeit vollziehenden urbanen Umgestaltung stehen sollten. Sowohl bei der Recherche als auch bei der Bewertung von Stadtplanung und Architektur haben wir stets darauf geachtet, welche Rolle ökonomische Faktoren bei der Neugestaltung von Räumen nach globalen Maßstäben und lokalen Dynamiken spielen, wie eine raumbezogene Produktion und ihre verschiedenen Akteure sich auf die lokale Administration auswirken und hinsichtlich welcher Probleme und Debatten sich die Verstädterung Istanbuls von der anderer Weltstädte unterscheidet....