Die Ausgabe beschäftigt sich mit den großen Architekturprojekten der letzten Jahre. Diese haben Alexander D’Hooghe dazu verführt, von einem “monumental turn” zu sprechen, was sich jedoch präziser als “public turn” beschreiben läßt. Denn diese Projekte zeichnen sich allesamt dadurch aus, daß sie das Öffentliche in die Architektur zurückführen und die sie umgebende Stadt neu organisieren. Der öffentliche Charakter dieser Projekte ist jedoch nicht Selbstzweck. Vielmehr erwächst er aus der Überlagerung von zwei Strategien: der Weiterentwicklung des modernen Programms – unter diesem Gesichtspunkt sind sie die klassischen Beispiele einer projektiven Architektur, die den Plan als sozialen Kondensator ernst nimmt – und der “Einverleibung” avancierter und historischer Kulturtechniken in die Gebäude. Der zweideutige Begriff der “Einverleibung” macht das Spannungsfeld deutlich, in dem sich diese Architekturen stets bewegen: zwischen dem der Stadt “gestohlenen Raum” (Baldauf ) und der “public form” (D’Hooghe).
Neben Alexander D’Hooghes Überlegungen zu diesem Thema beschäftigt sich Sylvia Lavin mit der Atmosphäre der Bibliothek in Seattle und Sylvain Malfroy vergleicht den Aspekt der Immersion bei Koolhaas und Le Corbusier. Ole W. Fischer zeigt dagegen in seinem Text die Verbindungen dieser Tendenzen mit der aktuellen Diskussion um Post-Criticality und leitet damit auch über zu den vielfältigen Rollenwechseln jenseits der Architektur bei AMO. Neben den realisierten Projekten möchten wir mit den neueren Entwürfen wie dem Kongreßzentrum CCC in Cordoba, dem vertikalen Campus in Tokio und dem Charles and Dee Wyly Theater in Dallas Ausblicke auf eine Weiterentwicklung dieser Ansätze und Thesen geben. Um viele dieser Themen wird es auch im Gespräch mit Rem Koolhaas gehen, dessen erster Teil in diesem Heft sich vor allem mit dem Thema Kohärenz beschäftigt und das im Heft 175 über AMO fortgesetzt wird.
Pro-jekte und Pro-jektionen – OMA/AMO Arch+ hat die Arbeit von Rem Koolhaas seit Mitte der 1980er Jahre stetig begleitet. Die Herangehensweise von OMA unterschied sich damals deutlich von anderen Positionen der Zeit. Denn in einem Feld zwischen Post-Moderne und Dekonstruktion schien in den Arbeiten von OMA eine moderne Haltung zu Architektur und Gesellschaft fortzuleben. Der unverklärte Blick auf die Realität und die rätselhaften Antworten mit ihrer lebendigen Radikalität trugen Rem Koolhaas in dieser Zeit den fast unverwüstlichen Ruf eines kritischen Architekten ein, der zwar viel spricht, jedoch wenig verstanden wird und noch weniger baut. Heute, nach S,M,L,XL, nach Content, nach unzähligen Beiträgen für Zeitungen und Fernsehen und nicht zuletzt nach der Fertigstellung einer Vielzahl kleiner und großer Bauwerke hat sich die Situation vollständig geändert: Koolhaas ist massentauglich geworden und die Radikalität seiner Entwürfe vorhersehbar. Es scheint, daß das Verhältnis sich umgekehrt hat und die Kritik an Koolhaas zum Mainstream geworden ist. Warum also gerade jetzt ein Heft über OMA? Und warum eines über AMO? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen läßt sich nun anhand einer hinreichenden Anzahl fertiggestellter Projekte der Ansatz der konzeptionellen Architektur an der gebauten Realität überprüfen. Und zum anderen sind bei näherer Betrachtung Koolhaas’ Position und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten gerade in einer Zeit interessant, in der eine sinnvolle Differenz zwischen Kultur und Kommerz immer weniger möglich erscheint.