Die Fähigkeit, sich das Fremdeeinzuverleiben und es zugleich zu verwandeln, postulierte der brasilianische Intellektuelle Oswald de Andrade 1928 in seinem „Anthropophagischen Manifest“ als Wesensmerkmal der brasilianischen Kultur. Wie sich der „Kannibale“ die Kräfte und den Mut des Feindes buchstäblich einzuverleiben suche, könne Brasilien die kulturelle Abhängigkeit und damit die postkoloniale Machtkonstellation nur überwinden, indem es das Fremde verschlinge und verinnerliche. Die Anthropophagie steht dabei als Metapher für einen ungehemmten Synkretismus und eine selbstbewusste Form der Kulturaneignung. Und in der Tat scheint sich Brasilien die architektonische Moderne dergestalt einverleibt zu haben, dass es – im Gegensatz zu China und Indien, den beiden anderen von uns bisher behandelten BRIC-Staaten – unsere Sehnsucht nach einer Erneuerung der Moderne perfekt bedient. Eine Moderne, die weit über ihre europäischen Ursprünge hinausgeht. In ihren besten Beispielen hat sie eine zivile, ethische und urbane Architektur hervorgebracht, die den Traum der europäischen Moderne transzendiert.
Vor diesem Hintergrund wollen wir nicht wie gewohnt nur urbanistisch argumentierten, d. h. mit einem eurozentrischen Blick auf die Probleme, Auswüchse und Dynamiken der städtischen Agglomeration São Paulo hinweisen. Stattdessen setzen wir mit dem vorliegenden Heft die Stadtreihe mit einem eher architektonischen, besser gesagt: mit einem „stadtarchitektonischen“ Fokus fort. Den Begriff „Stadtarchitektur“ verwendet der brasilianische Architekt Alexandre Delijaicov im Heft, um das besondere Stadt- und Architekturverständnis seines außergewöhnlichen Schulbauprojekts CEU in São Paulo zu charakterisieren. Dieses Projekt hält in der Verschränkung der beiden Ebenen ein einzigartiges Raumkonzept bereit, das in der Lage ist, den „Knoten der schizophrenen Aufteilung in Architektur und Urbanismus“ zu lösen, wie es der brasilianische Pritzker-Preisträger Paulo Mendes da Rocha gefordert hat.
In diesem Heft wollen wir uns auf São Paulo und auf die nach der Stadt benannte Paulista-Schule konzentrieren, deren derzeit prominentester Vertreter Paulo Mendes da Rocha ist. Im Zentrum unseres Interesses steht der Beitrag dieser Architekturrichtung zur Herausbildung eines sozialen Raumkonzepts, das den Kern einer neuen „Stadtarchitektur“ bildet. Indem wir auf die zivile, ethische und urbane Dimension der brasilianischen Architektur verweisen, wollen wir zugleich unterstreichen, dass die Lösungsansätze für ein drängendes Problem der heutigen brasilianischen Stadt im Kern bereits vorliegen. Die Stadtsoziologin Teresa Caldeira benennt dieses Problem mit der metaphorischen Beschreibung São Paulos als „Stadt der Mauern“. Damit weist sie auf die soziale Segregation der Stadt hin, die Architekten und Urbanisten vor große Herausforderungen stellen.
ARCH+ 190 STADTARCHITEKTUR SÃO PAULO Ausblick auf ein soziales Raumkonzept 120 Seiten, mit umfangreichen Texten und Projekten, 16 Euro