ARCH+ 61

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Erschienen in ARCH+ 61,
Seite(n) 60-62

ARCH+ 61

Distanz – Stationen eines Planerlebens: Der Planerroman, 5. Teil

Von Schrooten, Friedhelm

Vorherige Episode: Distanz, 4. Folge

 

Allein hockte ich auf meinem Rucksack in der Abfertigungshalle des Flughafens. Um mich herum lauter feingemachte Pauschalreisende des Massentourismus. Über den Lautsprecher hörten wir, daß unsere Maschine 40 Minuten Verspätung hat. Ein Stöhnen ging durch die Menge. Schließlich fuhr uns ein Bus über das Rollfeld zur Maschine. Dicht gedrängt standen wir zusammen. Einige waren sehr aufgeregt, redeten andauernd vom Flug, Ankunft, Verschiebung und so weiter. Plötzlich Gebrüll im Bus, „da sind sie, hallo, huhu ... Guck mal, die sehen uns, die winken zurück.“ Ich grinste ein wenig mitleidig. Gleichzeitig staunte ich über die Unbefangenheit der Frau, die laut und deutlich ihre Emotionen zum Ausdruck brachte.

In der Maschine saß neben mir ein Ehepaar aus Bochum. Die meiste Zeit des Fluges blätterte ich in der Zeitung und las. Ab und zu blickte ich zu ihnen rüber. Er inspizierte die technische Umgebung, probierte alles aus und zeigte seiner Frau die Flugroute auf der Landkarte. Sie nesselte ständig im Handgepäck, fragte ihren Mann, welche Landschaft da unten gerade zu sehen war und machte ihm Anreichungen, Kamm, Erfrischungstuch, Bonbons.

Kurz vor der Landung fragte ich ihn nach der Uhrzeit. Er nannte sie mir, erklärte ausführlich die Zeitverschiebung, im Unterschied zu ihrem Ferienziel im letzten Jahr, zeigte mir den neuen Brustbeutel, den er sich gekauft hatte, weil ihm beim letzten Mal alle Papiere schon auf dem Flughafen gestohlen wurden und ermahnte mich, nicht fahrlässig mein Geld in der Hosentasche zu verwahren.

Vom Typ her glich er Gerd, dem Kollegen aus dem Amt. Eigentlich nicht unangenehm, trotzdem verhielt ich mich ihm gegenüber, als wäre er ein bißchen beschränkt, so von oben herab. Sicher war das Arroganz des Individualreisenden gegenüber den Pauschalreisenden. Andererseits denke ich, daß in dieser oberflächlich dummen Verhaltensweise auch das Bewußtsein, ein anderes Leben führen zu wollen und zum Teil zu führen, sich gebrochen widerspiegelte. Zu diesem anderen Leben will ich mich offen bekennen können. Schlimm ist dieser unbewußte Rückgriff und diese Beschränkung auf kleinbürgerlich distanzierende Arroganz.

Ich habe mich einmal sehr über eine DKP-Genossin, Kollegin und wissenschaftliche Angestellte aufgeregt, die im Vorgeplänkel einer Gewerkschaftsversammlung mit einem Kollegen der Stadtreinigung über Urlaub sprach. Er erzählte, daß er mit Familie in den nächsten Wochen nach Rottach-Egern aufbrechen würde, worauf sie geradezu in begeistertes Stöhnen ausbrach und in gespielten, sehnsüchtigem Bedauern versicherte, wie gern sie doch mitfahren würde! Bald darauf reiste sie in die Türkei und würde sicher nie auf den Gedanken kommen, ihren Urlaub in Rottach-Egern zu verbringen. Schon gar nicht zusammen mit der Familie des Müllfahrers.

 

Flascheninseln mit Erfrischungsgetränken steckten im Gewühl der B-Pläne und Kartenausschnitte. Zwischen den Inseln verteilt lagen die Atolle der Gläser voll perlender Kohlensäure und schwamm das Treibgut aus Filzschreibern, Zeichenstiften und Kronenkorken. Die Teilnehmer der Lagebesprechung versammelten sich vor der großen Stadtkarte an der Stirnseite des Raums. Der Oberstadtdirektor trat vor. Er trug einen grünen Kampfanzug mit Kniff in den Ärmeln und zugeschnürten Hosenbeinen. Sein Scheitel war wie immer messerscharf gezogen. Den rechten Arm zur Seite ausgestreckt schnippte er mit den Fingern und blickte suchend um sich. Der Verkehrsingenieur reichte ihm den ausziehbaren Zeichenstock. Der Oberstadtdirektor wandte sich wieder der Karte zu und umfuhr mit der Spitze des Zeigestocks eine grüne Fläche in einem Bachtal im Norden der Stadt.

„Meine Herren, sehen Sie her. Diese Fläche ist der neuralgische Punkt der gesamten städtischen Bebauungsplanung. An ihrer Offenhaltung wird sich zeigen, ob die Verwaltung in der Lage ist, den expansiven Einfamilienhausboom auf die dafür vorgesehenen Flächen zu beschränken. Mit der Einberufung dieser Besprechung folge ich der dringenden Empfehlung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung an die Verwaltung, die notwendigen Flächen zur .Lufterneuerung und der Erholung der Bevölkerung vor den Bauinteressenten zu sichern. Allein im letzten Monat gingen der Stadt über 100 ha Grün- und Freiflächen an wild besetzende Eigenheimbauer verloren. Weitere Detaillierungen können wir uns im Moment sparen. Meine Herren, der Ernst der Lage ist nicht zu übersehen. Bei einer Restkapazität von ca. 5000 ha werden wir in absehbarer Zeit die vollständige Vernichtung aller Freiflächen erleben, ohne dagegen angehen zu können. Ich habe diese Besprechung einberufen, um die militärische Front der Bauabwehr zu eröffnen. Angesichts der Lage erscheint es mir dringend notwendig, Maßnahmen über den beschränkten rechtlichen Rahmen hinaus zu ergreifen. Ich beziehe mich hier auf die Ausführungsbestimmungen zur Notverordnung 326 „Militärischer Einsatz im Stadtgebiet“ und erbitte ihre Stellungnahme“.

Erwartungsvoll beobachtete der Chef die Runde. Keiner erklärte sich. Einige brummelten undeutlich bis zustimmend vor sich hin. Andere sahen an die Decke oder sonst wo hin, nur nicht in die Augen des Oberstadtdirektors.

„Nun gut", sagte der Chef gelangweilt, „ich habe das Amt für Vermessungswesen beauftragt, eine Matrix zu erstellen, aus der exakt abzulesen ist, wieweit rechtliche und im Unterschied dazu militärische Maßnahmen geeignet sind, den Boom in geordnete Bahnen zu lenken.“ Aus der Gruppe löste sich ein junger Ingenieur des Vermessungsamtes. Er räusperte sich und begann mit der Erläuterung der Matrix I, „Rechtliche Möglichkeiten“.

Lautes Geklapper vor der Tür unterbrach ihn. Pferdegewieher und Rufe „Ho, Ho" und „Brrr, Brrr“ mischten sich dazwischen. „Ruhig, Silberpfeil, ruhig. Ist ja gut, mein Alter, ist ja gut.“ Die Tür wurde aufgerissen. Der reitende Bote der Stadtverwaltung trat ein. Sein Gesicht war rußgeschwärzt, seine Uniform, in den Stadtfarben Rot und Grün, verschmutzt. Er trat einige Schritte vor, riß die Hacken zusammen und legte die Hände an die Hosennaht. Mit tiefer Verbeugung und schwungvoll gezogenem Dreispitz grüßte er die Anwesenden. Schräg über die Brust trug er an einem Gürtel seine schwarze Botentasche. Er entnahm ihr eine Pergamentrolle, hielt sie entrollt vor sich und sprach, ohne darauf zu blicken, zu den Versammelten. „Herr Oberstadtdirektor, meine Herren! In höchster Eile ritt ich zu Ihnen. Ich überbringe Ihnen die Nachricht vom bevorstehenden Fall des Freigeländes Tannenbergstr.“ Betroffenheit ergriff den Krisenstab. Geraune und Gemurmel erfüllte den Saal. In seiner Warnung bestätigt, sprang der Oberstadtdirektor auf und markierte das gefährdete Grundstück auf der Karte.

Konzentriert übermittelte der Bote weitere Einzelheiten. „Der Treck der Bauwilligen steht zur Zeit einen Kilometer vor dem Gelände. Die Vorhut wird in etwa zwei Stunden die Grundstücksgrenzen erreichen. In breiter Front wälzt sich der Zug über die B 223. Fünf Fahrzeuge der städtischen Baupolizei gingen beim Versuch, den Treck zu stoppen, in Flammen auf. Barrikaden der städtischen Bauhöfe I und II wurden überrannt. Die mobilen Einheiten der Verteidigungsgruppen ziehen sich auf den Kreuzpunkt B 223/Herzogstr. zurück.“ Der Oberstadtdirektor umfuhr mit seinem Zeigestock die genannte Kreuzung. „Die Siedler sind mit Spaten und Hacken ausgerüstet“, fuhr der Bote fort. „Von fahrenden Baugerüsten herunter werden sie von Architekten und Baustoffhändlern über Megaphone angefeuert. Die bauwilligen Massen halten bereits fertige Baupläne in Händen, die von den Architekten in Serie erstellt und verkauft wurden. Dem Siedlertreck folgt eine kilometerlange Schlange von Baufahrzeugen und Materialtransportern. Argumente und Diskussionsangebote der Spezialisten des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit lösten bei der fanatisierten Menge Empörung aus.

Aber nun zu den Konsequenzen, wenn ich mir diese Bemerkung noch erlauben darf.“ Niemand widersprach. Alle starrten ihn an. Also fuhr er fort. „Das Grundstück ist ohne neue Anweisungen und entsprechende Verstärkung nicht länger als zwei Stunden zu halten. Die Mannschaften der städtischen Bauhöfe müssen dringend durch frische Truppen der inneren Verwaltung ergänzt werden.“ Erregt schritt der Bote vor der großen Stadtkarte auf und ab. Dann wandte er sich seiner Tasche zu, die er auf dem Tisch abgestellt hatte. Griff hinein, fand aber nicht sogleich, was er suchte. Der Krisenstab wurde unruhig. Der Oberstadtdirektor bestieg einen Stuhl, weil ihm die Mitarbeiter die Sicht auf den suchenden Boten verstellten. Endlich war er soweit. Inder Hand hielt er triumphierend einen Marschallstab. Er reckte sich, zog die Uniformjacke straff und trat an die Stadtkarte. Ein geringschätziger Blick streifte den Oberstadtdirektor, der immer noch auf seinem Stuhl stand. Der Bote tippte feierlich mit dem Marschallstab an das noch freie Gelände Tannenbergstraße. „Meine Herren, sehen Sie her. Merken Sie sich gut, was ich Ihnen zu sagen habe ...“

Eine Stunde später lag ich als Vertreter der Abteilung Stadtentwicklung im eilig ausgehobenen Verteidigungsgraben. Neben mir keuchte der Oberstadtdirektor. Nervöse Zuckungen liefen über sein Gesicht.

Unter Führung des städtischen Boten waren alle verfügbaren Kräfte der inneren Verwaltung ausgerückt. In Eilmärschen erreichten wir, unter weiträumiger Umgehung des Siedlertrecks, das Gelände gerade noch rechtzeitig. Schon sah ich die Spitzen des Trecks zwischen alten Blöcken des sozialen Wohnungsbaus der 50er Jahre auftauchen.

 

Vater und Großvater waren Maurer. Er selbst brachte es bis zum Gesellenbrief in diesem Beruf – was ich ihm nie zugetraut hätte – und versuchte trotzdem, im schwarzen Paderborn an der kirchlichen Hochschule Priester zu werden. Er rühmte die gründliche philosophische Ausbildung der kirchlichen Hochschule und die intellektuelle Kapazität ihrer Lehrer. Überhaupt fand er viel Lob für die katholische Kirche. Warum ist er dann nicht Priester geworden? „Tja“, sagte er schmunzelnd, „da muß ich doch etwas ausholen, um Ihnen die Krise meiner philosophischen Entwicklung darzustellen.“

Gestenreich referierte er über die Bedeutung der Philosophie für das katholische Religionsverständnis im Unterschied zum evangelischen Glaubensbekenntnis. Die kausale Logik im Katholischen faszinierte ihn besonders. Bis eines Tages Heisenberg an die Hochschule kam. Heisenberg, der große Physiker, stellte in einer großartigen Gastvorlesung die wissenschaftliche Geschlossenheit der katholischen Theologie total in Frage. Von nun an nagte der Zweifel an unserem Oberstadtdirektor. Sehr schnell ging er auf Distanz zur Theologie, bis er schließlich das Studium aufgrund der neuen Erkenntnisse aufgeben mußte.

„Und daraufhin wurden Sie Dialektiker, oder?“

„Damals war das natürlich eine Alternative, mit der ich sympathisierte. Aber auch der Marxismus hat ja seine Geschlossenheit als wissenschaftliches Gebäude verloren. Die Krise, die die Sowjetunion mit ihren Abweichlern durchzumachen hat, ist Beweis genug. Kritik an der Sowjetunion ist Abfall von der wahren Lehre, so wie Luther von der katholischen Kirche abfiel. Ohne den Einsatz von Waffengewalt, siehe Czechoslowakei, können die Sowjets den Verfall nicht aufhalten. Ebenso geht es der katholischen Kirche. Die Reinerhaltung einer Ideologie ist letztlich immer eine Machtfrage“, sagte er.

„Nur hat das, was Sie meinen, nichts mit dialektischem Materialismus zu tun. Die Lebendigkeit und der Wahrheitsgehalt des Es gab Gründe genug, über ihn zu fluchen. Er war ein Schwein und uns trotzdem nicht unsympathisch. Auf jeden Fall war er klüger und wohl auch begeisterungsfähiger als seine Beigeordneten-Kollegen. Zeitweilig hatten wir zu ihm das persönlichste Verhältnis, verglichen mit den anderen großen und kleinen Chefs. Ein Jahr zurück hatte er seinen ersten Zusammenbruch. Die Ärzte stellten Krebs fest und operierten mehrmals erfolgreich.

 

Auch Heinrich war weg. Seit Wochen oder Monaten – das kann ich nicht sagen. Es muß schon lange zurückliegen, als ich ihn zum letzten Mal auf dem Flur traf. Wären es nur zwei, drei Wochen, so käme mir nie in den Sinn, er könnte weg sein. Heinrich existierte für mich mehrere Jahre nur in Verbindung mit dem Flur. Er war Teil dieses Verkehrsweges der fünften Etage, auf dem immer die gleichen Menschen in nicht offensichtlichen Geschäften aneinander vorbeizogen.

Ich sah ihn verbissen, manchmal etwas vor sich hinbrummelnd, versunken den Kopf kratzend, plötzlich die Richtung wechselnd, mir entgegenkommend oder vor mir hergehend. Mehrmals versuchte ich zu grüßen, beiläufig, wie zu einer vertrauten Person kurz die Hand zu heben, mit dem Kopf zu nicken oder ein knappes „Morgen“ von mir zu geben. Erwidert wurden meine Grüße nie. Ich hielt ihn deshalb nicht für bösartig, eher für mit sich selbst beschäftigt und auf seine Weise Das Buch zum Roman zahlreiche Abbildungen 32,-DM dialektischen Materialismus beweist sich gerade durch die politische Rebellion gegen einen alleinigen Machtanspruch und die Herabwürdigung der Philosophie zur Theologie des Staates. Die ewige Existenz des Widerspruches und die Notwendigkeit zum Widerspruch begründet Rebellion und macht den Kern der marxistischen Philosophie aus. Nicht Statik und Geschlossenheit, Revolution machen und nicht stehen bleiben, das ist für uns der Inhalt des Marxismus“, sagte ich. Wir konnten den Punkt nicht ausdiskutieren. Er blieb dabei: Widersprüche und Angriffe auf das Zentrum wären eher Verfallsmomente als Beweis für die Richtigkeit des Marxismus. Als er aus dem Zimmer war, fragten sich die Kollegen, was die ganze Diskussion sollte. Warum deckte er seine persönliche Geschichte und seine Schwächen auf? Ist das moderne Personalführung? Zog er uns auf den Leim, ohne daß wir es merkten? Wir hörten, er habe einen Herzinfarkt erlitten. Sechs Monate Ausfall wären das Mindeste, hieß es aus dem Vorzimmer. Er lag auf der Intensivstation. Marion war traurig. Auch ich hatte Mitleid mit ihm. konsequent. Selber legte ich auch keinen Wert darauf, ständig von Leuten gegrüßt zu werden, die mir völlig gleichgültig und fremd waren. Jahrelang wurde gegrüßt und zurückgegrüßt, ohne je weiter miteinander zu reden, ein anachronistisches Ritual der Höflichkeit. Es reizte mich, seine Verschlossenheit zu durchbrechen. Deshalb versuchte ich, ihn zu grüßen, nicht aus Prinzip oder Gewohnheit. Die Geste blieb ohne Resonanz.

 

Eines Tages kam er zu uns, genauer zu Wim. Damals saß ich noch mit Wim im gleichen Zimmer und hörte mit.

Heinrich war um die 60 Jahre alt. Sein großer Kopf mit Schnauzbart saß ihm tief zwischen den Schultern. Immer trug er einen ärmlichen, abgewetzten grauen Anzug. Er arbeitete im Tiefbauamt. Sein Schreibtisch stand zwei Zimmer neben unserem. Er kannte Wim aus gemeinsamen Gesprächen über die Arbeit an Straßenbauprojekten. Heinrich war für die ordnungsgemäße Abrechnung der Baumaßnahmen zuständig. Natürlich sammelte er als Nichttechniker eine gehörige Portion Erfahrung auch im Entwurf und in der Beurteilung von Sinn und Zweck verschiedener Verkehrsprojekte. In der Kritik am Projekten und Kollegen verstanden sich die beiden sehr gut.

Er war erregt und erzählte sehr schnell. Soweit ich mitbekam, hatte sich Eduard, der Leiter der Verkehrsabteilung des Planungsamtes, beim stellvertretenden Leiter des Tiefbauamtes über Heinrich beschwert. Heinrich hatte sich in einigen fachlichen Fragen direkt an Wim und nicht erst an Eduard gewandt. Eduard reagierte empört. Er fühlte sich in seiner fachlichen Kompetenz übergangen und rächte sich mit einer Beschwerde bei seinem Intimus, dem stellvertretenden Leiter des Tiefbauamtes. Der hatte seinerseits nichts Eiligeres zu tun, als den ungemütlichen Nörgler Heinrich zu rügen und auf die Einhaltung des Dienstweges hinzuweisen.

Der Konflikt war lächerlich. Heinrich geriet unfreiwillig in die Konkurrenz Eduard gegen Wim. Fachliche Differenzen zwischen der Verkehrsabteilung und der Stadtentwicklung im Planungsamt gab es seit der Existenz der Stadtentwickler im Amt. Gelegentlich tobten sie sich in Form persönlicher Konkurrenz aus. Statt Wim direkt anzusprechen und sich der Gefahr der Lächerlichkeit preiszugeben, weil inhaltlich von Kompetenzüberschreitung keine Rede sein konnte, versuchte Eduard über den Umweg Tiefbauamt und Heinrich, Wims Aktionsradius zu beschneiden. Das war ein kläglicher Versuch. Wir versuchten Heinrich zu beruhigen. Er interpretierte den Vorfall als Beweis eines Komplotts des stellvertretenden Amtsleiters gegen ihn.

„Ich lasse mir mein Bürgerrecht, mit allen reden zu dürfen, mit denen es fachlich und dienstlich vereinbar ist, nicht nehmen“, sagte Heinrich fest entschlossen. Für ihn steckten da politische Gründe hinter, deren Geschichte bis in die Kriegsjahre zurückreichte. In Bruchstücken deutete er uns den Hintergrund seiner Komplotttheorie an. Er sprach von umfangreichen Akten voller Beweismaterial gegen zahlreiche SPD-Mitglieder, die sich über Straßenbaumaßnahmen an städtischen Geldern bereicherten. Die lokale SPD war für ihn ein Sammelbecken von Opportunisten. Sogar alte Nazis kamen da unter. Er nannte Namen aus Hauptamt, Personalamt und Stadtkasse. Seine Schlußfolgerungen waren nicht ungewöhnlich. Schließlich ist bekannt, daß in einer SPD-Hochburg nur durch Parteieintritt eine Karriere, besonders eine bescheidene, von ganz unten nach viertel oben möglich ist.

Aber Heinrich vertrat keine abstrakten Positionen. Er kannte Namen und Details aus politischen Biographien der letzten 30 Jahre. Aus Protest, wie er sagte, blieb er parteilos. Er legte sich mit vielen an. Die alte Führungsclique der SPD nahm ihm heute noch die Zusammenarbeit mit den Russen in der Kriegsgefangenschaft übel. Damals hatte er sich zu Agit-Prop-Gruppenführer ausbilden lassen, viel dabei gelernt und bis heute dafür bezahlt. Er hielt seine damalige Haltung für Notwendigkeit, um zu überleben, ließ aber keinen Zweifel daran, auch heute noch KPD zu wählen, wenn Kommunisten eine Chance hätten, ins Parlament zu kommen.

Ich stellte mir vor, wie Heinrich in endlosen Auseinandersetzungen mit Opportunisten und Parteigängern alt, Einzelgänger, verbitterter Nörgler und unverständlicher Querulant geworden war.

Wir hörten ruhig zu. Langsam kam er auf seinen letzten Kampf und den aktuellen Hintergrund für seine Komplotttheorie zu sprechen. Seit einigen Jahren bemühte er sich erfolglos um eine Höhergruppierung in der Gehaltshierarchie. Ein privat bestellter Rechtsanwalt vertrat seine Klage gegen die Stadt vor Gericht. Die ÖTV hatte ihm angeblich den Rechtsschutz versagt. Daraufhin trat er aus der Gewerkschaft aus und in eine umfassende Rechtsschutzversicherung ein. Die Leitung des Tiefbauamtes und der zuständige Personalrat, zufällig ein Kollege im selben Amt, unterstützten ihn nicht. Im Gegenteil, es waren ihnen alle Mittel recht, um ihn zur Aufgabe zu zwingen. Ich hatte keine Ahnung, wieweit Heinrichs Ansprüche den Tarifvereinbarungen entsprachen, aber ich konnte mir gut vorstellen, daß er systematisch übergangen wurde. Es wäre nicht der einzige Fall, von dem ich hörte. Aber Einzelgänger wie Heinrich machen es auch mir schwer, mich mit ihnen zu solidarisieren. Nicht nur, weil er Unterstützung von niemandem erwartet, sondern weil er auch nie anderen welche geben würde. Er erzählte uns seine Geschichte, um seinen Ärger los zu werden, vielleicht erwartete er Verständnis, aber sicher keine Hilfe.

 

Nach einigen Monaten Krankenhausaufenthalt kehrte unser Oberstadtdirektor zurück. Es hieß, er wäre wieder hektisch und herrisch wie früher. Ein Kollege sah ihn aber nicht gerade kraftvoll die Treppe raufschleichen.

Nach dem fachlichen Teil eines Dienstgespräches begann er eine fast private Unterhaltung. Wim und ich saßen ihm gegenüber. Er schimpfte über den herrschenden Provinzialismus, die Lobbyisten im Rat und die Rathauslakaien um ihn herum. Wir waren uns einig in der Verurteilung des lokalen Filzes in Sport und Kultur, der Initiativen erstickte und Opportunismus großzog. Er forderte uns auf, neue Ideen zu entwickeln und engagierte Leute in die Stadt zu holen, denn die kriminelle Energie der Alten in der Partei und Verwaltung ließe notwendig mal nach und junge Leute müßten sich beizeiten profilieren. Seine süßen Worte blieben nicht ganz ohne Wirkung. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob es nicht einen Versuch wert wäre, engagierte Kulturleute in die Stadt zu holen und mit Unterstützung des Chefs linke Kulturpolitik zu machen. Für kurze Zeit verunsicherte mich sein Werben. Warum machte er uns Angebote, die er niemals einhalten würde?

„Die Bewerbungsfrist für die Stelle des neuen Planungsdezernenten ist zu Ende. Sie werden in Zukunft unmittelbar mit ihm zu tun haben, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir eine Liste Ihrer Auswahlkriterien an die Hand geben würden. Ich lege Wert auf Ihre Meinung, denn auch für mich ist es wichtig, nicht mit einer Niete zusätzlich belastet zu werden.“ „Es tut mir leid, ich verstehe Ihre Aufforderung nicht. Die Wahl eines Dezernenten ist doch eine vorwiegend politische Entscheidung. Unsere Kriterien zählen weder politisch noch fachlich. Der neue Dezernent wird nicht unser Mitarbeiter und Kollege, sondern unser Vorgesetzter sein. Und vom großen gemeinsamen Engagement im Rathaus halten wir sowieso nichts.“

Er nickte resignierend. „Sie können sich Ihr Betätigungsfeld noch aussuchen. Aber versetzen Sie sich mal in meine Lage. Für mich ist hier Endstation.“ Wim behauptete, der Chef sähe in uns doch mehr als nur Wasserträger, er fühle sich von uns herausgefordert, seine eigene Rolle zu überdenken. Ich vermutete, der Mann war fertig. Er suchte Unterstützung, oder wenigstens die Selbstbestätigung, noch motivieren zu können, eine Zusammenarbeit mit ihm vielversprechend erscheinen zu lassen. Krebs und Herzinfarkt hatten den Glauben in seine Leistungsfähigkeit erschüttert, und woran sollte er sonst glauben? Noch ein Jahr, und der Oberstadtdirektor ließ sich auf Drängen der Partei und der Beigeordneten- Kollegen pensionieren.

War Heinrich noch im Amt? Ich fürchtete, auch er könnte am Ende sein. Wim hatte gehört, Heinrich wäre in Behandlung, für längere Zeit zur Kur oder in einer Klinik. Kurz nach seinem Besuch bei uns hörten wir ihn noch einige Male auf dem Flur laut maulen und schimpfen. Es hatte uns amüsiert. Wir dachten nicht an Krankheit. Heinrich ließ sich eben nichts gefallen. Außerdem unterbrach sein Maulen angenehm die stumpfsinnigverhaltene Geschäftigkeit in den Amtsstuben.

Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die mir der Personalrat des Tiefbauamtes auf dem Flur erzählte. Der Personalrat, ein Kerl von 1,90 m und 2 1/2 Zentnern Lebendgewicht, früher Bergmann, heute technischer Zeichner, war völlig verängstigt und verstört. Mit Blicken nach links und rechts flüsterte er mir ins Ohr: „Heinrich bedroht mich. Glaub mir, er will mich umbringen!“ Also, wie sollte ich eine solche Mitteilung ernst nehmen? Der Personalrat wußte in seiner Verwirrung nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Heinrich bedrohe ihn, weil er sich nicht für dessen Höhergruppierung einsetze. Dabei hätte er alles Mögliche versucht. In der Sache wäre einfach nichts drin. Ich konnte mir das Gegenteil vorstellen. Dirk kannte die Fortsetzung. Vor einigen Wochen saß Heinrich mit Kollegen zusammen in der Kantine. Es ging das Gerücht um, Heinrich hätte an diesem Nachmittag dem Kollegen beiläufig eine Pistole gezeigt, die er in der Hosentasche trug. Wurde die Waffe wirklich gesehen oder täuschte er ihre Existenz vielleicht nur mit einem Schlüsselbund in der Tasche vor? Auf die Frage, was er mit der Waffe vorhabe, soll er geantwortet haben, und zwar so laut und deutlich, daß es der Personalrat am Nachbartisch hörte: „Damit leg' ich ihn um!“

Heinrich war und blieb weg. Der Personalrat überlebte. Angenommen, Heinrich wurde nicht gebrochen, wie so viele Einzelkämpfer vor ihm: Ich stell: mir vor, er setzte ganz bewußt die Morddrohung in die Welt, um seine vorzeitige Pensionierung durchzusetzen, nachdem er einsehen mußte, daß er erneut vor Gericht mit seinem Höhergruppierungsantrag scheitern würde. Vielleicht halfen ihm aber auch die Akten.

 

Eines Tages brachte mir Andreas aus der Stadtgärtnerei zwei große Palmen. Ein Gewerkschaftskollege fuhr den Dreitonner der Gärtnerei. Zu dritt schleppten wir sie vom Fahrzeug in den Lastenaufzug, surrten in den fünften Stock und zerrten die großen Kübel über den Flur in mein Zimmer. Mit Mühe plazierten wir die Pflanzen zu beiden Seiten des Schreibtisches. Über der Tischmitte bildeten die ausladenden Fächer ein grünes Dach.

Darunter saß ich und arbeitete. Langsam wurde ich in die Veränderung der Atmosphäre des Raums einbezogen, die von den beiden Palmen ausging. Ich drehte die Heizung auf. Auch in den Sommermonaten ließ ich sie an, damit gleichmäßig tropische Wärme entstand. Nach einigen Monaten hatte ich mich an die Hitze gewöhnt, aber die Pflanzen bekamen braune Spitzen. Die Luft war zu trocken. Ich schaltete die Sprenkleranlage an. So kam ich aus der Wüste in die Tropen. Jeden Mittag zwischen zwölf und zwei prasselte der Monsun von der Decke. Ein Saunabarometer zeigte Temperatur und Luftfeuchtigkeit an. Ich stellte die Anlage auf die Höhe von Akkra ein, also daß ungefähr das gleiche Klima herrschte.

Der Regen regte die Kulturen meines Zimmers unwahrscheinlich an. Bakterien entwickelten sich völlig anders. Der Verfalls- und Wachstumsprozeß überschlug sich. Das Leben wurde intensiviert, wahrscheinlich weil alles Leben irgendwie aus dem Wasser kommt. Ihr kennt die Schilderungen von Südamerika, die dumpfen Tropenwälder, schnell umschlagendes Wetter, Regenfälle wie Sintfluten. Die Intensität des Klimas und der Natur überträgt sich auf den Menschen und schüttelt seine Gefühlsregungen zwischen Liebe und Haß wie Fieberanfälle.

An den Wänden des Zimmers bildeten sich Pilze, sprengten Ausbuchtungen in die Wand, wie Schwamm beulten sie sich unter der Tapete, wucherten und brachen durch. Filzschuhe ragten aus der Wand, als wenn ein Fuß von der anderen Seite durch die Wand getreten worden wäre. Überall, wo an den kühlen Scheiben sich Tropfen niederschlugen und in den Ecken der Fensterrahmen hängen blieben, wuchs Moos. Die Fenster waren ständig beschlagen, immer mehr von grünen Algen überzogen. Sie waren glitschig und ließen sich mit der Hand schlecht fassen und entfernen. Das Licht im Zimmer entsprach dem Strahleneinfall auf den Grund eines tiefgrünen Inlandsees.

Es war die Dunkelheit des Dschungels. Aus den Palmenkübeln wucherten fremdartige Gewächse, deren Samen lange Zeit in der Erde lagen, ohne keimen zu können. Die Akten wellten sich. Die Deckel platzten an den gehefteten Kanten auf. Pappe quoll heraus. Tinteneintragungen zerflossen und sickerten durch die verschiedenen Papierschichten, die Schreibmaschinenschrift verwischte und die Blätter kräuselten sich wie Haare in der Brennschere, Metallhalter verrosteten. Alles verwandelte sich in Blüten und Knospen fleischfressender Pflanzen oder anderer schöner Parasiten des Urwalds.

Wasser stand auf dem Boden. Der häufige Regen ließ keine Zeit zum Verdunsten. Langsam stieg es an. Der Fußbodenbelag löste sich auf. Eine schleimige Masse, erste Algen entstanden, knöcheltiefer Morast aus herunterfallenden Essensresten, Kot und Abfall. Von meiner langen Hose riß ich die Beine ab. Aus den Armen des Hemdes flocht ich ein Stirnband. Auf dem Tisch errichtete ich mein Lager aus Aktendeckeln und Schrankwänden. Schon mal ließ ich nachts den Regen an und lauschte seinem Prasseln auf dem Dach der Hazienda. Ein Papagei saß auf einer Stange an der Wand und schrie ununterbrochen. In der Waschkabine brüllte der Jaguar. Nur wenn ich fest gegen die Tür der Kabine trat, verstummte er für kurze Zeit.

Das Wasser stieg weiter. Bald stand es an der Tischkante. Ich wußte nicht, wie ich mein Lager nochmal verlassen sollte. Erschöpft lag ich auf der Papiermatte und wagte nicht aufzustehen. Die Gelenke schmerzten. Fieberträume schüttelten mich. Immer wieder hatte ich die gleiche Szene vor Augen. In der Kneipe von Kay Lago, mit dem Ventilator an der Decke, sitzt H. Bogart schweißtriefend im Schaukelstuhl. Mit einem Griff lockert er den Schlipsknoten um seinen Hals. In der anderen Hand hält er seinen cremefarbenen Hut mit dem nassen Schweißband und fächert sich Luft zu. – H. Bogart bin ich.

Immer wieder die gleiche Szene. Irgendwann, das Wasser stand schon bis zur Bettkante, hörte ich dumpfe Schläge. Wie die Tritte gegen eine Musikbox bei einem Sprung in der Platte, lösten sie meine Sperre im Kopf. Der Film lief endlich weiter.

Die Tür zur Veranda wird aufgerissen. Drei Männer stürmen herein. Ich ahne nichts Gutes. Sie kommen auf mich zu. Durch die offene Türe dringt das Donnern und Krachen eines nächtlichen Gewitters. Westlich des Hauses schlägt ein Blitz ein. Das Zimmer, die Hütte, der Papagei und H. Bogart, die drei Männer in ihren durchnäßten Sommeranzügen, alles dreht sich. Immer schneller und schneller, wie der Strudel im Sog eines überdimensionalen Abflußrohrs, fiel alles in sich zusammen, Wasser und Schlick rissen dem Tisch die Füße weg. Apathisch lag ich auf der zum Floß gewordenen Tischplatte. Mit lautem Krachen rauschten wir durch die eingeschlagene Türe auf den Flur des fünften Stocks.

Stunden später erwachte ich aus tiefer Ohnmacht und sah in die Augen von Herrn Müllberg. Er hatte die Tür meines Zimmers aufbrechen lassen, weil es für den neuen Dezernenten renoviert werden sollte.

 

Fortsetzung und Schluß: im nächsten Heft

 

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