ARCH+ 183

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Erschienen in ARCH+ 183,
Seite(n) 100-103

ARCH+ 183

Bilder des Gebrauchs

Von Harbusch, Gregor

Zur Entwurfsmethode Ludwig Leos

Ludwig Leo gehört zu jenen eigenwilligen und über Berlin hinaus kaum bekannten Figuren der deutschen Architektur, die in den 1960er Jahren für kurze Zeit West-Berlin in ein besonderes experimentelles Biotop verwandelten. In dieser Zeit hat der öffentlichkeitsscheue Einzelgänger mit dem Umlauftank (1967–75) eines der ungewöhnlichsten Bauwerke der Stadt geschaffen: Ein Laborgebäude, das sich aus einer riesigen rosafarbenen Rohrschleife und einer darauf aufsitzenden, mehrgeschossigen blauen Box zusammensetzt. In ihrer Entkopplung von jeglichem architektonischen Rezeptionsschema gehört die Forschungsanlage mit ihrer mysteriösen Großform zu den ganz wenigen Bauten, deren bildhafte und narrative Vielschichtigkeit für populäre und fachliche Interpretationen gleichermaßen ein weites Spielfeld eröffnet. Der Bau entwickelt im Stadtraum ikonische Qualität, weist auf die Postmoderne voraus und den Konstruktivismus zurück und bleibt dabei einem dezidierten Funktionalismus verpflichtet. Zugleich verstellt er den Blick auf das Wesentliche der Architektur Leos, die nie auf das schnelle Bild zielt, sondern sich aus der minutiösen Arbeit am Detail und der Beschäftigung mit dem Nutzer definiert.

Ludwig Leos Selbstverständnis als Architekt basiert ganz wesentlich auf einem sozialen Anspruch an die Architektur und der Orientierung des Entwurfs am Gebrauch durch die Nutzer. Diese Fokussierung des Gebrauchs zieht sich durch alle Maßstabsebenen seiner Architektur und ist als Neuakzentuierung der Paradigmen des Funktionalismus zu begreifen, gegründet auf einer subjektiven Bestimmung dessen, was Leo gesellschaftlich vernünftig nennt. Leo arbeitet sich am Erbe der Moderne ab, indem er dem Hang des klassischen Funktionalismus zur Problemreduktion unter formalistischen Formzeichen eine subjektive Affinität gegenüber den Komplexitäten des architektonischen Problems entgegensetzt. In diesem Sinne schließt er weniger an Walter Gropius, als vielmehr an Hannes Meyer an, dessen Funktionalismus weder Stil noch international war, sondern formal teilweise erstaunlich unprätentiös und regional rückgebunden. So etwa Meyers gebautes Hauptwerk, die ambitionierte und auf das Wesentliche reduzierte ADGB-Schule in Bernau bei Berlin (1928-30), die gerade eine denkmalgerechte Generalsanierung erfahren hat.[1]

Exzessiv wurde in den Plänen mit Bewegungslinien, Belichtungsdiagrammen und -berechnungen argumentiert und die ausgeführten Details in ihrer spartanischen Qualität auf den Gebrauch fokussiert. Das Diagramm greift dabei über die Konkretheit von Belichtungsfragen hinaus und gewinnt als Methode Relevanz, wie K. Michael Hays dargelegt hat: „Das Gebäude ist als Übersetzungsmaschine für die Ausbildung und Ausdifferenzierung sozialer Funktionen gedacht: es stellt sowohl ein Diagramm der vielfältigen Kräfte und Prozesse des sozialen Felds als auch einen Eingriff in diese dar.“[2] In Meyers konstruktivistisch geprägter Auseinandersetzung mit den technischen Bedingungen bleibt der Mensch jedoch eine abstrakte und unsichtbare Größe. Er taucht in den eigentlichen Entwürfen nur als anonyme Spur auf, etwa reduziert auf elegant geführte Bewegungslinien in den Grundrisszeichnungen, die den Topos reibungsloser Funktionsabläufe abbilden.

Leo hat diese Leerstelle gefüllt, indem er den Menschen als Gebrauchenden der Architektur zum expliziten Thema gemacht hat. Gebrauch meint in diesem Sinn eine funktionalistische Akzentsetzung, die sich dem Nutzer und dessen Handlungen in und am Bauwerk widmet, diese zu bestimmen versucht, um daraufhin die präzise passenden Formen für diese Aktivitäten zu entwickeln. Leos Annäherung an diese Handlungen erfolgt dabei imaginativ. Er wagt ein Hineindenken in die Handlungsmuster der Nutzer, indem er konkrete Situationen imaginiert, die in den vielfältigen Tätigkeiten der Nutzergemeinschaft wiederkehren. Die Stimulation gemeinschaftlicher Momente spielt dabei eine Rolle, jedoch nicht im Sinne eines modernistischen Begriffs der universellen Masse, vielmehr werden konkret greifbare Situationen zwischenmenschlichen Austausches auf der Mikroebene fokussiert: Begrüßung, Zutrittsmoment, Gespräch, Diskussion und gemeinsames Arbeiten tauchen beispielsweise als Themen auf.

Dieses Denken in Bildern prägt nicht nur Leos Sprechen über Architektur. Es kommuniziert sich auch durch handelnde und tätige Figuren in den Entwurfszeichnungen und bestimmt hieraus funktionale Abläufe, ist jedoch keinesfalls auf diese Form der gebrauchsorientierten Funktionalisierung von Räumen beschränkt, sondern spielt gerade auf der abstrakten Ebene des Entwurfsdenkens eine zentrale Rolle. Denn bei aller Behauptung des Vernünftigen gibt es einen zutiefst nichtkausalen Impuls in Leos Prozess der architektonischen Entscheidungsfindung. Zwar behauptet er einen radikalen Funktionalismus seiner Entwürfe, ist jedoch in seinem Entwurfsprozess (und in diesem Fall meint dies gerade auch die Frage der Formfindung) ein dezidierter „Bilddenker“[3], höchst assoziativ, spielerisch und frei im Kombinieren der unterschiedlichsten Einflüsse, Erinnerungsbilder und Traditionen, wobei die assoziierten Elemente nicht selten eine Rückbindung in die regionale Geschichte und auf das funktional Altbewährte markieren. Die Methode des Assoziierens greift dabei über die Problemanalyse und -zerteilung des reduktionistischen, rein objektivistisch und wissenschaftlich argumentierenden Funktionalismus hinaus und ist als subjektive Affirmation der Vielschichtigkeit planerischer Probleme zu begreifen.

In diesem Sinne ist Leos Bilddenken als gebaute Funktionalismuskritik zu verstehen. Er stellt dem Paradigma des universalen Raums in seiner Tendenz zur formalen Unbestimmtheit eine dezidierte und präzise entwickelte Form gegenüber. Diese Form wird zwar funktionalistisch legitimiert, sie ist jedoch das Ergebnis eines vielschichtigen und individuellen Entwurfsprozesses, der reich ist an Verweisen auf historische und lokale Traditionen und sich aus der Arbeit an zwischenmenschlichen Situationen und den Möglichkeiten mechanischer Apparaturen ableitet. Die Vielfalt seiner Entwürfe macht gleichzeitig deutlich, in welchem Spannungsfeld zwischen Bestimmung und Ermöglichung sich dieses Denken in Bildern bewegt. So steht etwa die Organisation der Innenräume für das Studentendorf Eichkamp in Berlin (958, zusammen mit Georg Heinrichs und Hans C. Müller)[4] in der Tradition der Minimalgrundrisse der 1920er-Jahre. Dementsprechend führen die Figuren in den Entwurfszeichnungen vor allem das Potenzial der kleinen Räume und derer Details vor.

Greifbar wird dies insbesondere im Grundriss für die Einzelzimmer, in dem die Konturen von fünf Personen skizziert werden, die sich in zwei gemeinschaftlichen Situationen einfinden und das Nutzungspotenzial der Innenraumgestaltung tatsächlich gebrauchen, indem sie Bodenstufe, Fensterbrett und Bett als Sitzgelegenheiten benutzen. Die Zeichnung fungiert in diesem Sinne als Gebrauchsanleitung für eine Architektur, die aus den extern bedingten Platzbeschränkungen ein Maximum an Nutzungspotenzialen zu entwickeln versucht. Dementsprechend wird der Innenraum des Einzelzimmers aus einem Gebrauchsbild heraus organisiert, das die Bildung einer Arbeits- und einer Diskussionsgruppe vorsieht und auf neuneinhalb Quadratmetern fünf Personen Plätze zuordnet. Die Zeichnung ist dabei nur die zweidimensionale Projektion einer bildlichen Vorstellung, die nicht nur räumlich imaginiert ist, sondern auch die Abfolge von Nutzungssituationen in der zeitlichen Dimension mitdenkt. Momente der gemeinsamen Arbeit und Diskussion stehen dabei im Fokus und spielen eine raumkonstituierende Rolle. Der ideelle Hintergrund des hochpolitisierten Studentenwohnheimbaus der Nachkriegszeit schlägt sich in diesen bildhaften Momenten nieder und wird durch diese direkt in die spezifische Formlösung Heinrichs, Müllers und Leos überführt.

Den paradigmatischen Gegenpol hierzu bildet Leos unrealisiert gebliebener Entwurf für die Laborschule in Bielefeld von 1971, den er zusammen mit Justus Burtin, Rudi Höll und Thomas Krebs entwickelte. Die Laborschule ist eine Experimentalschule für das Programm des Reformpädagogen Hartmut von Hentig. Dessen Zielsetzung für die Laborschule war die „Entschulung der Schule“ zu einem „Erfahrungsraum“. Als bauliche Konkretisierung hierfür wurde ein zeittypischer Großraum gefordert, der sich jedoch vom Gros der zeitgenössischen Schulbauten unterschied, da dem damaligen technokratischen Paradigma der regulierten Raumklimatik das klassisch moderne Konzept der natürlichen Belüftung und Belichtung entgegengestellt wurde. Die Konzeption der Architekten um Leo verdeutlicht sich in zwei wichtigen schematischen Schnitten der Laborschule, von denen der eine als Erklärung des Gebäudes in seiner räumlichen und technischen Struktur (Klimahülle) zu verstehen ist, während der andere den Gebrauch der Architektur durch die Nutzer an Hand unterschiedlicher Situationen exemplifiziert (Gebrauchsbilder).

Im technisch orientierten Schemaschnitt werden mehrere, räumlich nicht zusammenhängende Ebenen überlagert, um eine erläuternde Gesamtschau des Projekts innerhalb einer einzigen Zeichnung zu ermöglichen. Belichtung, Belüftung und die vertikale Gliederung des Raums durch offene Halbgeschosse werden dargelegt, dazu einige Einzelelemente der Ausstattung sowie die topographische Situierung des Gebäudes. Die Be- und Entlüftungstechnik wird in ihren wichtigsten Elementen skizziert, indem die Entlüftung durch das Dach sowie die Frischluftsammlung und -zufuhr bezeichnet werden. Im unteren Bereich der Zeichnung überlagern sich grafische Darstellungen der Tageslichtverteilung auf den verschiedenen Ebenen, Anmerkungen zum Grundwasserspiegel sowie die vertikale Lage der Sporteinrichtungen. Der mittlere Streifen der Zeichnung zeigt das Verhältnis der drei Hauptebenen zueinander und führt zwei bewegliche Elemente ein, die als integraler Teil der Architektur zu verstehen sind. Zum einen schlägt Leo eine ausfahrbare Tribüne vor, die gestufte Sitzmöglichkeiten bietet. Außerdem werden kleine Wagen gezeigt, die in den Zwischenräumen der Halbgeschosse stehen und die Modularisierung des Unterrichts in symbolischer und funktionaler Hinsicht in einen Gebrauchsgegenstand der Architektur übersetzen. Der Schnitt untermauert komprimiert die substantiellen funktionalen Momente des Entwurfs und verdeutlicht das Konzept des Gebäudes als Klimahülle, wobei die Darstellung durch die Überlagerung unterschiedlicher Ebenen einer ästhetisierung der Argumentation verpflichtet ist.

In der zweiten Zeichnung zeigt Leo eine Reihe von Gebrauchssituationen im architektonischen Raum und deutet an Hand der Bibliothek an, wie es zur Überlagerung unterschiedlicher Tätigkeiten innerhalb des Großraums kommen soll. Die Figuren in der Zeichnung sind aktiv oder kommunizieren miteinander. Keine der Figuren steht frei und untätig im Raum. Alle sind beschäftigt, sitzen lesend in speziellen Möbeln, suchen in den Bücherregalen, arbeiten an Tischen, diskutieren untereinander oder lehnen sich an eine horizontale Kante an. Letzteres geschieht dabei keineswegs zufällig, sondern zeigt die Legitimation der Halbgeschosse aus dem menschlichen Maßstab. Die Nutzer beleben den Raum also nicht nur, sondern vollziehen aneignende Handlungen im Raum, was Leo sicherlich nicht zufällig am Bibliotheksbereich exemplifiziert, da in den Büchern der drei Ebenen der Bibliothek die wichtigsten programmatischen Ansprüche der Laborschule andeutungsweise zusammenlaufen: die Forschungstätigkeit der Lehrer, das selbstbestimmte Lernen der Schüler und die Erweiterung der Schule in die Freizeit. Die Zeichnung transportiert somit die übergreifende Konzeption der Schule als Gesamtbild, welches wiederum in einzelne Situationen aufgelöst wird, die direkt auf das Verhältnis von Nutzer und Form zielen. Sie macht vor allem deutlich, wie letztere aus den imaginierten Gebrauchsbildern entwickelt wird – gerade auch in den Details.

Hartmut von Hentigs Konzept eines Erfahrungsraums wird im berühmt gewordenen, langen, streifenförmigen Schemaschnitt der Laborschule greifbar, in dem ein Maximum an Nutzungssituationen innerhalb der Raumhülle vorgestellt wird. Substantiell hierbei ist die enge Verknüpfung der wechselnden Situationen mit der Architektur in ihren Details. Der Raum dient weder als frei bespielbare Bühne, noch als bloße Hülle, sondern bietet materielle Anknüpfungspunkte für den Gebrauch. Klappbare Tribünen, bewegliche Leitern, ein präzise eingepasster Gabelstapler als Verteiler von modularisiertem Unterrichtsmaterial und das Potenzial unterschiedlicher Raumhöhen werden in die Gebrauchsbilder eingebunden, durch diese erklärt und legitimiert. Der Großraum wird ausdifferenziert, bietet weite Flächen, in denen Leo Labore und Filmvorführungen ansiedelt, und enge Halbgeschosse, in die sich die Schüler zum Spielen zurückziehen. Von Hentigs „Schule als Erfahrungsraum“ korreliert mit Leos Imagination vielfältiger Situationen des Lernens und Arbeitens.

Während Leos Eichkamp-Konzeption in mehrerer Hinsicht den 1920er-Jahren verpflichtet ist, schließt sein Entwurf für die Laborschule konzeptuell an den zeitgleichen Strukturalismus niederländischer Provenienz und dessen Programmatik von uniformer Struktur und individueller Aneignung an. So argumentiert beispielsweise Herman Hertzberger in seinen Publikationen mit dokumentarischen Aufnahmen menschlicher Verhaltensmuster und Aneignungsformen von Räumen. Seine Basis hierfür bilden anthropologische und ethnographische Forschungsansätze. Hertzberger beobachtet die Nutzung von Architektur und Stadträumen, hält diese Beobachtungen im Bild fest und entwickelt in Reaktion auf diese Nutzungsmuster Formen, die für unterschiedliche Aneignungsformen offen sind. Vor diesem Hintergrund wurde Leo als „eigentlich der einzige Strukturalist“[5] in Deutschland bezeichnet, wobei sein Beobachten wohl weniger systematisch als vielmehr intuitiv erfolgt. Die Verbindungen scheinen dabei nicht nur in den Detailformen auf, sondern eben auch in der Rückbindung von Entwurfsentscheidungen an ein Denken in Bildern des Gebrauchs, der Nutzungssituationen und der Formen des Austauschs zwischen Menschen. Gleichzeitig zeigt sich in der Unterschiedlichkeit der beiden hier vorgestellten Projekte das Potenzial einer freilich rein subjektiven Methode, die theoretisch auf die unterschiedlichsten Herausforderungen zu reagieren im Stande ist, sofern das Denken in Bildern dieses als Raumkonstituens begreift, die Bilder also funktional und mehrdimensional durchdacht und nicht als bloße Illustrationen funktionalisiert werden.

Für Gregor Harbusch, der soeben seine Magisterarbeit über Ludwig Leo abgeschlossen hat, stellt dessen Architektur das konsequente Ergebnis einer Denkweise dar und ist deshalb erst in zweiter Hinsicht formal zu beschreiben. Folgerichtig nähert sich der Autor dem Werk über die intentionale Ebene, die – kurz gefasst – in einer subjektiven und undogmatischen Anknüpfung an die materialistisch argumentierenden Ideale der vergessenen sozialistischen Architektur der Zwischenkriegszeit gründen. Die zweite wichtige Verständnisebene, die in der Entwurfsmethodik zu suchen ist, wird im Folgenden ausschnittsweise dargelegt und als exemplarische Position des Denkens in Bildern, genauer: in Bildern des konkreten Gebrauchs, vorgestellt.

 

[1] (Anm. d. Red.) Siehe Beitrag über die ADGBSchule in diesem Heft

[2] K. Michael Hays, Modernism and the Posthumanist Subject. The Architecture of Hannes Meyer and Ludwig Hilberseimer, Cambridge (MA)/London 1992, S. 136

[3] Dieter Hoffmann-Axthelm, Ludwig Leo zum 80. Geburtstag am 2. September 2004, in: Bauwelt, Jg. 95, 3.9.2004, Nr. 34, S. 6 ff., hier S. 7

[4] siehe BAR, in diesem Heft

[5] Michael Wilkens, Architektur als Konstruktion, Basel/Boston/Berlin 2000, S. 187

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