ARCH+ 189

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Erschienen in ARCH+ 189,
Seite(n) 2

ARCH+ 189

Soziale Diagramme. Planning Reconsidered

Von Wefelscheid, Heike /  Fezer, Jesko /  Wieder, Axel John

Heike Wefelscheid im Gespräch mit Jesko Fezer und Axel John Wieder

In den 1960er und 1970er Jahren entwickelte sich eine regelrechte Wissenschaft des Entwurfs in Architektur und Stadtplanung. Diese Planungstheorie setzte zunächst auf Wissenstransfer aus anderen Disziplinen. Ihr Ziel war es, die gesellschaftliche Entwicklung in zunehmend komplexeren Modellen zu fassen. Eine Ausstellung im Künstlerhaus Stuttgart zeige die Zeugnisse dieser Auseinandersetzung und in einem Gespräch mit der ARCH+ erklären die Kuratoren der Ausstellung, Jesko Fezer und Axel John Wieder, warum gerade Planungstheorie und Entwurfsmethodik der 1960er Jahre heute interessant sind und wie sie sich auf die aktuellen Planungsdiskurse auswirken können.

Das Spektrum der historischen Beiträge ist in der Ausstellung weit gefasst: Es zeigt die radikal kritischen Studienarbeiten der HFG Ulm aus den 60er Jahren, Videoaufnahmen der Studiengruppe für Systemforschung, die spielerischen Planungssimulationen Martin Geigers oder den Newsletter der Design Methods Group; außerdem gibt es Arbeiten von Horst Rittel, Christopher Alexander, SAR, Lucius Burckhardt, John Christopher Jones und vielen anderen zu sehen. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Dokumente ausgewählt?

JF: Thema ist das Verhältnis von Politik zu Entwurfsmethodik und Planungstheorie. Unsere Untersuchungsrichtung war dabei mehr kuratorisch-forschend als kunstgeschichtlich. Ohne dass wir Anspruch auf Vollständigkeit erheben wollten oder nach einer strengen Hierarchie oder Chronologie vorgingen, war interessant zu sehen, zwischen welchen Arbeiten Beziehungen oder Differenzen entstehen. So sind etwa die kolorierten Handzeichnungen von Lucius Burckhardt neben dem Newsletter der Design Methods Group ausgestellt, während es in einem anderen Raum John Christopher Jones’ cartoonähnliche Diagramme von Planertypen zu sehen gibt: Alle drei Arbeiten stellen die Frage nach dem Selbstverständnis der PlanerInnen, aber aus unterschiedlicher Perspektive. Positionen wie die von Christopher Alexander tauchen wiederum eher indirekt auf – zum Beispiel in den Diagrammen und Fotos einer von Martin Krampen entwickelten Maschine zur manuellen Matrixzerlegung, bei Anthony Wards Entwurf eines Gefängnisses oder in Alexanders Rückgriff auf ein Diagramm der Soziologin Ruth Glass, dem Angelpunkt seiner Argumentation in a „City is not a Tree“. Zugleich war die Ausstellbarkeit des Exponats ein wichtiges Auswahlkriterium: nicht im Sinne visueller Attraktion, sondern im Sinne von Darstellung und Mitteilung.

AW: Uns war klar, dass dieses Thema auf den ersten Blick als sehr theorielastig erscheint. Es hat sich auch tatsächlich vor allem im Medium Text oder Kopie abgespielt. Deswegen wollten wir Objekte finden, die schon bei Entstehung eine spezielle Vermittlungsform hatten und die bis heute die methodische Reflektion auf besondere Art und Weise anschaulich und begreifbar machen – wie zum Beispiel die SARModelle von Trägerstrukturen und Ausbauelementen für den Wohnungsbau, die auch auf Baumessen gezeigt wurden. Oder die Lehrfilme von der Projektgruppe Kommunikationsforschung: ein „Grundkurs Kommunikationstechnik für die Architekten- und Planerausbildung“, der im Rahmen des Fernstudiums im Fernsehen laufen sollte.

Auch wenn die historische Entwicklung für das kuratorische Konzept eher zweitrangig war – man spürt dennoch, wie sich das anfänglich mathematisch-technokratische Interesse an der Planungsmethodik zu einer selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der eigenen Profession weiterentwickelt hat. Ist dies der wichtigste Wandel innerhalb der Planungsmethodik?

JF: Diese Trennung zwischen technokratischem und politisch-sozialem Ansatz wird oft und gerne beschworen, auch viele der damaligen Protagonisten taten dies. Christopher Alexander beispielsweise hat sich sehr polemisch von seiner mathematisch geprägten Herangehensweise der frühen 1960er Jahre distanziert. Aber wir wollten diese vermeintliche Trennung nicht bestätigen, auch wenn sie auf den ersten Blick einleuchtet. Im Gegenteil: es lässt sich nachzeichnen, dass paradoxerweise gerade der ernsthafte Versuch der Verwissenschaftlichung der Entscheidungsprozesse diesen Ansatz in Frage stellte. Daraus leiteten viele Entwurfstheoretiker Ende der 1960er Jahre die, zugegeben zeitgemäße, Forderung nach umfassender Demokratisierung ab. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Freiheit und Planung, zwischen Demokratie und Technokratie, zwischen spontaner Politik und rationaler Wissenschaft wurde von den Entwurfsmethodikern so nicht geteilt.

Welche Relevanz haben diese Ansätze für die heutige Planergeneration?

AW: Die 1960er Jahre sind heute besonders interessant, weil sich die Art, wie Macht funktioniert, innerhalb der gesamten Gesellschaft verändert hat. Unter den gegenwärtigen Bedingungen des Postfordismus wächst die Aktivität und Verantwortung des Einzelnen auf gesellschaftlicher Ebene – beziehungsweise, sie wird geradezu eingefordert. Der „starke“ Staat, der über machtvolle Planungsinstrumente verfügt, ist heute in vielen Fällen gar nicht mehr existent, sondern im Prinzip der Privatisierung geopfert worden. Die Kritik an der Planung muss sich angesichts dieser Voraussetzungen ebenfalls ändern.

Wenn Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung immer wichtiger werden, was bedeutet das für Planungsmethodik und Partizipation?

JF: Man könnte inzwischen nahezu von einer Umkehrung der Situation im Vergleich zu den 1960er Jahren sprechen. Damals leitete man aus den offenkundigen Problemen hierarchischer Planungsverfahren die Forderung nach Selbstverantwortung, Mitbestimmung und Demokratisierung ab. Heute müsste man dagegen die Auswirkungen der Deregulierung erforschen und anhand dessen die Aufgabe von Planung neu definieren. Damals wurde der Mythos von Objektivität, Neutralität und Allgemeingültigkeit methodisch hinterfragt – heute könnte man auf ähnliche Art und Weise den Mythos von Individualität, Selbstorganisation und die Hoffnung auf marktförmig organisierte Prozesse hinterfragen. Wenn klar ist, dass Planung existiert – und sei es lediglich im Sinne von Lucius Burckhardt, dass unterlassene Handlungen planvolle Praxen seien – dann besteht weiterhin die Frage, wie man sie zu einem emanzipativen Instrumentarium weiter entwickeln kann. Das Gespräch führte Heike Wefelscheid, Fakultät für Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart und freie Autorin.

Die Ausstellung Soziale Diagramme fand im Künstlerhaus Stuttgart vom 20. Juni bis 23. August 2008 statt, kuratiert von Jesko Fezer und Axel John Wieder

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