ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 102

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Schwingtür

Von Zinganel, Michael

Schwingtüren oder Pendeltüren benötigen keine umständliche Betätigung von Türgriffen, um geöffnet oder geschlossen zu werden. Man kann die Tür -> Thür, Thüre freihändig aufstoßen und sie schwingt nach dem Durchschreiten automatisch zurück. Ihr technisches Kernstück sind die doppelten Pendeltürscharniere: Das eine Scharnier öffnet die Tür in die eine, das andere in die Gegenrichtung, so dass das Türblatt ohne Anschlag nach beiden Seiten schwingen kann. Die Scharniere sind jeweils mit innen liegenden Spiralfedern ausgestattet, die das Türblatt in die geschlossene Mittelstellung zurück bewegen.

Über Jahrzehnte wurden Schwingtüren bevorzugt in den Erschließungsbereichen stark frequentierter öffentlicher und halböffentlicher Bauwerke eingesetzt, so etwa in Bahnhöfen, Postämtern, Amtsgebäuden, Hochschulbauten, Krankenhäusern, Theatern, Kinos, Hotels und Restaurants – vor allem dort, wo Menschen in beiden Richtungen die Tür durchschreiten müssen, und dabei die Hände nicht immer frei haben. Da es zur Sicherheit der Passanten sinnvoll war, rechtzeitig erkennen zu können, ob sich jemand von der Gegenseite der Tür näherte, waren ihre Füllungen in der Regel mit Festverglasung ausgestattet. Die vielen repräsentativen zweiflügeligen Schwingtüren, die einst die Raumfolgen in solchen Gebäude strukturierten, wurden aber aufgrund verschärfter Brandschutznormen und höherer Anforderungen an die Klimakontrolle zusehends vom Markt verdrängt. In der Regel wurden sie durch automatische Vollglas-Schiebetüren -> Schiebetür oder -> Drehtüren ersetzt.

Einflügelige Schwingtüren werden vor allem in der Gastronomie eingesetzt, um den Durchgang zwischen- Gästebereich und Küche zu verschließen. Sie sollen den Küchenlärm und -geruch vom Gastraum abhalten und ermöglichen es den Kellnern, schnell und einfach – auch mit Tellern in beiden Händen – zwischen den beiden Raumzonen zu wechseln. Gerade diese Typologie hat es in der Soziologie zu beträchtlicher Prominenz gebracht: In der Interaktionstheorie des Soziologen Erving Goffman dienen sie zur Illustration der Schwellensituationen in jenen Bühnenlandschaften, die ihm zufolge jegliche soziale Interaktion strukturieren – als Beispiel einer offensichtlich materiell ausgeführten Schwellensituation zwischen einer für das Publikum einsichtigen Vorderbühne und einem ihm verschlossenen Hinterbühnenbereich. Die Schwingtür hat in der Regel ein an Bullaugen erinnerndes -> Fenster, um die Durchsicht in die Küche zu minimieren, aber gleichzeitig etwaigen Gegenverkehr rechtzeitig erkennen zu können. Für den Kellner bedeutet die Schwingtür zudem auch den Übergang von einem mitunter recht rüden, militanten Küchenjargon zum zuvorkommenden Auftreten des Dienstleisters. Die Schwingtür ist eine Verhaltensschwelle, an der sich zudem die Aggressionen des Dienstleisters durch die Stärke seiner Fußtritte gegen die Tür abbauen lassen. Nachdem er die ersten Schwingungen des Türflügels abgewartet hat, betritt er scheinbar entspannt und mit freundlicher Miene die Vorderbühne. Die Schwingtür ist genau der Ort, an dem der Rollencharakter des Kellners an- oder abgelegt wird.

 

- Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 2003, S. 110, 112f.

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