ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 205-220

ARCH+ 200

Arch+ features 1: BARarchitekten

Von BARarchitekten /  Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

Vorbilder

ARCH+: In den Ausgaben zur „Off-Architektur“ und zum „Situativen Urbanismus“ haben wir die Arbeitsweise Eures Büros BAR – Base for Architecture and Research – bereits vorgestellt. Bisher haben wir eher auf den Aspekt des Research fokussiert, auf Euren dokumentarischen Ansatz und Euer Interesse am urbanen Alltag. Wir haben uns für Euren Blickwinkel interessiert, der sich immer auf das Verhältnis von Einzelobjekt zur Stadt, von Nutzung zum Raum richtet. Mit der Fertigstellung Eures Projekts in der Oderberger Straße bietet sich nun die Gelegenheit, über die Umsetzung dieser Ansätze zu diskutieren, also über den anderen Teil des Büronamens, über Architektur. Neben berufspraktische Aspekte wie Eurer Vorstellung von einer „integrierten Praxis“ treten dabei auch architektonisch-räumliche Fragestellungen in den Vordergrund. Um Euren Ansatz besser verstehen zu können, wäre es interessant, wenn wir zunächst kurz Euren Werdegang nachzeichnen. Wie habt Ihr euch kennengelernt?

BAR: Während des Studiums: Antje, Jürgen und Michael trafen sich an der HdK (heute UdK) in Berlin, Jack und Jürgen an der Architectural Association in London, als dieser 1986/87 sein Austauschjahr dort verbrachte. Beide haben zufällig Dostojewskis „Idiot“ gelesen – eine gute Grundlage für die Verständigung … (Gelächter) Jack schloss sein Studium an der AA 1990 ab, Jürgen im Jahr darauf an der HdK. Michael, der vorher Design in Essen und Wien studiert hat, wurde 1994 fertig. Nach seinem Studium zog Jack von 1991 bis 1996 nach Berlin. 1992 haben wir BAR gegründet, Antje stieß 1996 nach ihrem Diplom dazu.

Bei wem habt Ihr studiert?

Wichtige Bezugspersonen im Studium waren Peter Salter und William Firebrace. Bei beiden ging es darum, räumliche Konzepte aus der Beobachtung existierender Zusammenhänge zu entwickeln. Peter Salter hat starken Bezug auf den Landschaftsraum genommen, in dem wir zeitliche Prozesse der räumlichen Veränderung studiert haben. Gleichzeitig hat er einen sehr handwerklichen Aspekt in seine Lehre eingebracht, ein Teil der Studienprojekte bestand aus der Umsetzung von Prototypen, die bis zum 1:1-Maßstab reichten. Bei William dagegen ging es weniger um den Ort als um komplexe Strukturen und Handlungsabläufe.

Was meint „Beobachtung existierender Zusammenhänge“ konkret?

Für uns bedeutet es, die Beziehung zwischen dem gebauten Raum und den darin stattfindenden Prozessen, dem Gebrauch, den sozialen Verflechtungen und den zeitlichen Veränderungen zu erforschen. Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty unterscheidet den anthropologischen vom geometrisch konstruierten Raum. Den anthropologischen Raum am Beispiel von alltäglichen Situationen immer wieder zu analysieren, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit geworden. Ob es dabei um städtische oder landschaftliche Räume geht, wie bei Peter Salter, spielt zunächst keine Rolle. In unserer Architekturpraxis ist jedoch der Stadtraum zum zentralen Thema geworden.

Das heißt, der dokumentarische Ansatz, der Eure Arbeit stark prägt, stammt aus der Zeit des Studiums?

Ja, wir haben im Studium erkannt, dass die Visualisierung der eigenen Beobachtung für uns von Bedeutung ist, weil sie die Suche nach einer eigenen Handschrift schärft und weil sich daraus für uns relevante Themen ableiten. Wir haben uns auch für den Dokumentarfilm und verwandte künstlerische Gattungen interessiert. Daraus haben wir viele Anregungen geschöpft. Eines unserer ersten gemeinsamen Projekte war DAS BLATT. Es handelt sich um ein DIN A2 großes Blatt, auf dem wir jeweils ein BAR-Projekt oder eine alltägliche städtische Situation in Berlin dokumentiert haben. Dieses Blatt haben wir dann als Blaupause an Freunde oder Zeitschriften verschickt. DAS BLATT haben wir als einen Kommentar zur Nachwendezeit verstanden, als die großen Wettbewerbe in Berlin durchgeführt wurden. Zwischen 1992 und 1995 sind insgesamt zehn Blätter entstanden. Dieses Interesse für alltägliche Situationen konnten wir später, als wir Margaret Crawford und ihr Konzept des „Everyday Urbanism“ kennengelernt haben, theoretisch untermauern.

Ihr bezieht euch auch häufig auf Dieter Hoffmann-Axthelms Stadtdiskurs. Welche Rolle spielt Hoffmann-Axthelm für Euch?

Wir haben uns für seine stadttheoretischen Arbeiten interessiert und teilten seine Kritik an den Berliner Investorenprojekten und der Politik, die nach dem Fall der Mauer Projekte wie den Potsdamer Platz ermöglichte. Marcel Ophüls hat diese Entwicklung in seinem Berlin-Film „Novembertage“ gezeigt. Dieter Hoffmann-Axthelm hat unser Interesse für die Stadtstruktur und Jonas Geist für die Nutzungsstruktur des Berliner Mietshauses geweckt, Letzterer während des Studiums an der HdK. Jonas Geist hat später einen kurzen Text zu unserem ersten Projekt, dem Durchgangsbad geschrieben. Das Durchgangsbad von 1994 war das Ergebnis unserer Auseinandersetzung mit dem unmodernisierten Mietshaus. Wir haben das Bad als Möbel uminterpretiert, durch das man hindurchgehen kann, da es immer nur für kurze Intervalle genutzt wird. Wir haben das Durchgangsbad als alternativen Modernisierungsplan für den Badeinbau im Berliner Mietshaus entwickelt, um eine größere Flexibilität des Wohnungsgrundrisses zu erreichen. Ein weiterer wichtiger Lehrer war Ludwig Leo, den wir erst nach unserem Studium bei verschiedenen Treffen kennengelernt haben. Die Durchdachtheit seiner Projekte und seine Kompromisslosigkeit in Bezug auf das Bauen haben uns sehr beeindruckt.

Mit dem Durchgangsbad habt Ihr sehr früh mit selbstinitiierten Projekten begonnen. Habt Ihr nach dem Studium zunächst noch für andere Architekten gearbeitet?

Wir haben uns eigentlich sofort selbstständig gemacht. Dass das nicht so einfach ist, haben wir natürlich zu spüren bekommen. Deshalb haben wir versucht, sehr genau die Arbeit anderer Architekten zu studieren. Es kam auch vor, dass wir für Wettbewerbe mit anderen Büros kooperiert haben, wie zum Beispiel mit Michael Wilkens von den Baufröschen in Kassel. Es gab auch Wettbewerbserfolge oder Projekte wie die Neustrukturierung und den Umbau der Ortschaft Sophienreuth in Oberfranken, wodurch wir über die Runden kamen. Aber unser Konzept war es, klein anzufangen. Wir haben mit Möbeln, dem Durchgangsbad und Wohnungsumbauten begonnen. Wir hatten eine kleine Werkstatt im Keller; die Kreissäge war immer dabei, sie existiert auch heute noch.

Learning from Ted Smith

Euer erstes größeres Projekt war dann der Umbau des Wohn- und Geschäftshauses in der Schwedter Straße.

Kurioserweise gab eine gemeinsame Reise in die USA den Anstoß dazu. Wir haben 1998 Jack besucht, der nach seinem Intermezzo in Berlin nach Kalifornien gegangen war. Er hat dort den Architekten Ted Smith, Inhaber des Büros „Smith and Others“, kennengelernt und uns dessen Zeichnungen geschickt. Wir fanden die Projekte und die Arbeitsweise sehr interessant, vor allem im Hinblick auf unseren Versuch, Projekte in Eigeninitiative voranzubringen. Wir hatten nämlich versucht, für das Durchgangsbad Aufträge zu bekommen, z.B. bei Wohnungsbaugesellschaften und dem Studentenwerk. Wir sind aber sehr schnell an diesen Organisationen gescheitert, weil sie letztlich eine bestimmte Vorstellung haben, was Nutzer wollen und was nicht. Wir waren daher sehr gespannt, die Arbeitsweise von einem Architekten kennenzulernen, der Alternativen zum beherrschenden Markt entwickelt.

Der Anstoß, Projekte in Eigenregie zu machen, kam also von Ted Smith?

Bekannt geworden ist Ted Smith in den 1980ern mit seinen ersten selbstentwickelten Projekten, dem sogenannten Go Homes in Del Mar, einer Suburb von San Diego. Es handelt sich um ein alternatives Wohnmodell mit individuellen artist studios, die sich eine gemeinsame Küche teilen. Das Projekt vereint den Individualismus des Einfamilienhauses mit einem kollektiven Ansatz. Das Konzept dient jedoch auch dazu, die Bauvorschriften zu umgehen, da der Bebauungsplan von Del Mar nur suburbane Einfamilienhäuser zulässt. Durch die Zuordnung der Studios zu einer gemeinsamen Hauptküche konnte er die Vorschrift aushebeln, die je Wohneinheit und Küche einen eigenen Stellplatz vorschreibt.

Die gemeinsame Küche war also ein Trick, um im suburbanen Kontext ein quasi kollektives Wohnmodell anzubieten und die Parkflächen zu minimieren?

Richtig. Indem etwa vier Studios an eine Küche gekoppelt sind, zählt es formal als eine Einheit. Im Prinzip handelt es sich um eine kollektive Idee, die aber jedem Studio durch den optionalen Einbau einer eigenen Küche eine gewisse Unabhängigkeit erlaubt.

Welche anderen Strategien, neben dem kreativen Umgang mit der Bauordnung, hat Euch Ted Smith noch vermittelt?

Das zweite, was wir von ihm gelernt haben, ist der Mut, die Kompetenzen des Architekten zu erweitern, oder wie er es nennt, eine „Integrated Practice“ zu entwickeln. Er ist eben nicht nur Architekt, sondern auch Entwickler und Bauausführender. Auf der einen Seite verlangt diese Arbeitsweise mehr Risiko und Verantwortung, auf der anderen Seite begrenzt sie einen auch. Als Mitbauherr kann man eben nicht „global“ tätig werden, sondern muss lokal arbeiten, sich sehr genau mit einem Ort und seinen Nutzungen beschäftigen. Dadurch kann man jedoch auch Gebäude mit einem ganz anderen Programm entwickeln und eine ganz andere städtische Dichte erzeugen. Deswegen haben Teds Projekte immer auch einen sozialen Aspekt.

„Integrated Practice“

Konkret bedeutet das, dass Ihr euch bei Euren Projekt praktisch in vier Firmen aufteilt: eine Grundstücksgesellschaft mit (aktiven oder stillen) Anteilseignern, ein Architekturbüro, eine Baufirma und später auch eine Hausverwaltung. Wie läuft so ein Projekt ab?

Für das Projekt in der Schwedter Straße haben wir eine GbR gegründet, in der es zwei stille Partner gab, die das nur als Investment gesehen haben; sie sind aber nach wie vor Teil der GbR. Bei der Oderberger ist es anders: Wir haben zunächst eine Grundstücksgesellschaft gegründet, die „Oderberger 56 GbR“. Der nächste Schritt war, daraus eine Baugruppe zu machen, wobei die Grundstücks-GbR bestehen blieb. Um diese herum haben wir mit drei zusätzlichen Partnern eine neue GbR gebaut, die dann zum Bauherrn für das Projekt wurde. Aus der Grundstücks-GbR wurde nach Fertigstellung schließlich die Vermietungs-GbR, die die fünf Ateliers im 1. OG, die Läden im EG und die beiden Mietwohnungen vermietet. Sie hat Einkünfte, mit denen sie den aufgenommenen Kredit bedient, während die Bauherren-GbR nur Ausgaben hat und für die Finanzierung des Projekts zuständig war.

Welchen Vorteil hat dieses Konstrukt für Euch?

Der Vorteil liegt in unserem Vermietungsmodell, mit dem wir ein städtisches Programm gestalten können. Wir können dadurch Wohnen und Arbeiten im Gebäude kombinieren. Man findet z.B. kaum Käufer für Ladenflächen. Jemand muss dieses Risiko übernehmen. Das ist das Grundproblem bei Baugruppen: Sie wissen oft nicht, was sie im Erdgeschoss machen sollen. Baugruppen sind auf Wohneigentum ausgerichtet und im Erdgeschoss hat man dann nicht selten den Fahrrad- oder Müllraum. Unser Ziel war von Anfang an, eine städtische Mischnutzung zu haben mit Wohnen, Arbeiten und Gewerbe. Wir wollten eine Sockelzone entwickeln, als eine durchlässige Schwelle, die einen langsamen Übergang vom Städtischen zum Privaten schafft: mit den Läden im EG, dem Musik-Unterrichtsraum im Souterrain und den Ateliers im 1. und 2. OG.

In der Schwedter Straße habt Ihr zweieinhalb Geschosse aufgestockt und für Euch selbst ausgebaut. In die Oderberger Straße seid Ihr mit Eurem Büro eingezogen. Ist es wichtig, dass Ihr jeweils Nutzer der Häuser seid?

Es hat den großen Vorteil, dass wir dadurch die Perspektive des Nutzers einnehmen und direkt erleben, wie das Gebäude funktioniert, was eine Rückwirkung auf zukünftige Projekte hat. Außerdem ermöglicht es dem Gebäude einen guten Start. Am Anfang gibt es viele kleine Probleme bis es einigermaßen rund läuft.

Ihr seid also auch Hausmeister?

Das ist eigentlich die wichtigste Firma … (Gelächter) Dieser Job ist aber auch insofern wichtig, weil wir ein Haus immer auch als ein soziales Gefüge begreifen. Hier in der Oderberger Straße haben wir eine große Nutzungsmischung erreicht: Die Ateliers bieten Arbeitsplätze, werden aber auch für temporäres Wohnen genutzt. Wohnen und Arbeiten wird in der Wohnung oder im Haus kombiniert. Andere kommen von außen zur Arbeit. In den Ateliers und Gewerbeeinheiten gibt es insgesamt vier Existenzgründungen.

Wie viel Zeit nimmt die Hausverwaltung in Anspruch?

Es ist kein Traumjob, aber inzwischen haben wir das ganz gut raus. Im ersten halben Jahr hat man viel zu tun, vielleicht einen Tag in der Woche. Wenn sich das eingespielt hat, dann sind es pro Woche vielleicht ein bis zwei Stunden für Hausmeistertätigkeiten und Hausverwaltung. Dies ist natürlich auch günstiger als externe Dienstleister.

Ihr steckt sehr viel Zeit in die städtische Programmierung des Gebäudes. Eure Arbeit als Architekten umfasst nicht nur die architektonisch-entwurfliche Tätigkeit, sondern auch den betriebswirtschaftlichen und handwerklichen Bereich. Bedeutet es nicht auch ein Stück weit eine Überforderung des klassischen Architektenberufs? Die „Integrated Practice“ nennt Ihr auch etwas ironisch „empowering the architect“. Normalerweise wird der Begriff „empowerment“ eher von der Nutzerseite her diskutiert. Ihr dreht den Spieß gewissermaßen um.

Wir meinen damit die Stärkung des Architekten, damit er seiner Verantwortung für die Programmierung der Stadt gerecht werden kann. Der Architekt hat die Schlüsselkompetenzen, um moderne Lebensräume und alternative urbane Programme anzubieten. Gleichzeitig ist es eine andere Art der Planung, wenn er die volle Verantwortung und das Risiko trägt. Dafür braucht er auch neue Kompetenzen oder gute Berater: betriebswirtschaftliche und juristische Kenntnisse, genauso wie architektonische und handwerkliche Fähigkeiten …

Wie hoch ist der Selbstbauanteil bei Euren Projekten?

Das ist bei jedem Projekt anders. Für die Schwedter Straße hatten wir sogar eine eigene Holz- und Bautenschutz Firma gegründet und einen Mitarbeiter angestellt. Dagegen haben wir bei der Oderberger Straße nach zwei Jahren Planung nur im letzten halben Baujahr selbst mitgebaut.

Der „professionelle Selbstbau“, wie Ihr das nennt, ist also einerseits die klassische Muskelhypothek. Spielt aber nicht andererseits auch der Gestaltungswille eine Rolle?

Wir können nur sehr wenig Eigenkapital aufbringen, können dafür aber die Architektenleistung und den Anteil am Innenausbau einrechnen. Selbstverständlich haben wir neben dem finanziellen Aspekt auch das Interesse, unsere eigene Gestaltungsarbeit einzubringen. Ein Projekt von Null zu beginnen und es bis zum Ende zu führen, gibt uns die Chance einer künstlerischen Arbeitsweise und ermöglicht es uns, mit dem Raum zu experimentieren. Der Selbstbau hält den Entwurfsprozess für uns offen und dient uns als Möglichkeit, Prototypen zu entwickeln und neue Lösungen auszuprobieren, die nicht immer DIN-konform sind.

Architektur als soziale Plastik

Ihr habt ein Programm entwickelt, das sowohl gewerbliche Nutzungen als auch Wohnnutzungen umfasst. Der städtische Sockel mit den ersten drei Geschossen umfasst gewerbliche Nutzungen in Form von Geschäften und Ateliers, das Wohnen fängt erst im dritten Obergeschoss an. Es entstehen dadurch abgestufte Schwellenräume, die vom Städtischen ins Private führen. Wann ist diese Konzeption entstanden?

Relativ früh, als wir uns mit den Parametern des Ortes auseinandergesetzt haben. Wir konnten von der städtischen Situation der Kastanienallee und der Oderberger Straße profitieren. Uns war von Anfang klar, dass es ein Gebäude werden soll, welches eine Durchlässigkeit für das städtische Leben in der Sockelzone besitzt. Die richtige Mischung zu finden, war ein ganz wesentlicher Bestandteil der Überlegungen. Wir sehen das Haus als eine „soziale Plastik“, die Lebendigkeit von innen nach außen und von außen nach innen erzeugt. Das war unser Ziel bei diesem Projekt, daran haben wir alles andere ausgerichtet. Uns kam gelegen, dass häufig keiner ins erste Obergeschoss ziehen will. Also haben wir die Idee der Mischung auch dazu genutzt, das Wohnen erst weiter oben beginnen zu lassen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass unsere Überlegungen richtig waren, kleine Arbeitsräume anzubieten. Die Läden und Ateliers ließen sich leicht vermieten. Im Grunde war hier Flexibilität das Wichtigste.

Wie habt Ihr das Programm in räumliche Prinzipien umgesetzt?

Es gab unterschiedliche räumliche Konzepte, die wir mit Modellen getestet haben. Wir haben auch sehr genau Vorbilder studiert, etwa das Narkomfin von Moisei Ginzburg von 1928-30, aber auch die Projekte von Ted Smith. Wir haben beim Projekt in der Schwedter Straße bereits Erfahrungen darin gesammelt, mit unterschiedlichen Raumhöhen Dichte sowie eine gewisse Großzügigkeit zu erzeugen. Wir haben unterschiedliche Raumtypen entwickelt, die mit einer stringenten Struktur verknüpft sind: Die Ateliers sind mit einer Höhe von 5,10 Meter komplett zweigeschossig, um bei der kleinen Grundfläche, die zwischen 17 und 23 Quadratmetern liegt, eine gute Raumhöhe zu erhalten. Die Wohnungen sind hingegen räumlich stärker differenziert. Wir wollten hier keine klassische Maisonette, sondern einen hohen Raum, der stellenweise durch eine Galerieebene unterteilt werden kann.

Die Wohnungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie kombinierbar sind. Es gibt immer eine größere und eine kleinere Wohneinheit, wobei die kleinere Einheit zugeschaltet oder abgetrennt werden kann. Welche Überlegungen stecken dahinter?

Wir haben das Treppenhaus so konzipiert, dass man von den Zwischenpodesten in die Wohnungen gelangen kann. Wir konnten dadurch die größtmögliche Flexibilität erreichen. Es gibt 80 bis 90 Quadratmeter große Einheiten mit einem hohen Raum, daneben die zuschaltbaren Einheiten, die 30 bis 40 Quadratmeter groß sind. Dadurch passen sich die Wohnungen den Lebensbedingungen an und nicht umgekehrt. Man kann sich viele Szenarien vorstellen, in denen die Abtrennung einer kleineren Einheit sinnvoll wären: z.B. wenn jemand temporär auf Mieteinnahmen angewiesen ist, als Kinderwohnung mit separatem Eingang, wenn die Kinder größer werden, oder im Alter zur Unterbringung einer Pflegeperson.

Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Gibt es neben dem Narkomfin weitere Vorbilder?

Nicht direkt, wir haben wie erwähnt das Narkomfin sehr genau studiert, insbesondere dessen Erschließung bzw. dessen Ökonomie der Erschließung: Mit nur zwei Gängen sind drei verschiedene Wohnungstypen auf sechs Ebenen erreichbar.

Eine Art Rue intérieure wie bei Corbusiers Unité d’habitation, über die unterschiedlich große Wohnungen angebunden sind.

Ja, wobei das Raumsystem der Unité einfacher ist, die Geschosshöhen basieren auf dem Verhältnis 1:2. Das Narkomfin besitzt hingegen eine komplexere räumliche Verschränkung der Geschosshöhen im Verhältnis 1:2 und 2:3, die in unserem Projekt wieder auftauchen.  Die Rue intérieure ist bei uns sozusagen das Treppenhaus. Wir nutzen zusätzlich die Zwischenpodeste zur Erschließung. Das resultiert in einer strukturellen Durchlässigkeit des Hauses. Man konnte das sehr schön im Rohbau erleben, als die Öffnungen und Durchgänge noch nicht geschlossen waren. Die einzelnen Geschosse waren komplett aufgelöst, weil man von jeder Ebene, von jedem Zwischengeschoss aus wieder eine Wohnebene betreten konnte.

Wenn man etwa an andere Baugruppenprojekte wie das Holzhaus e3 von Kaden Klingbeil denkt, gibt es den gemeinschaftlichen Raum der vorgelagerten Treppe. Roedig Schop haben in ihrem Projekt ten in one auch eine Dachterrasse mit einer Gästewohnung. Ihr habt ähnliche Elemente eingesetzt, aber bei Euch liegt der Akzent eben nicht auf dem Gemeinschaftlichen, sondern auf dem Verhältnis zur städtischen Situation. Ist das vor allem der Lage geschuldet?

Natürlich ist das hier mit einem zehn Meter breiten Gehweg eine besondere Lage, aber wir können uns so ein hybrides Gebäude auch an anderer Stelle vorstellen. Wir haben ein Faible für den Gebrauch, für Situationen, die auch einen Witz haben. Im Erdgeschoss der Oderberger Straße gibt es als Experiment die kleinste Einheit im Haus: Sie ist fünf Quadratmeter groß, 3,60 Meter hoch und hat eine schmale rote Tür, die in einem Fassadenelement sitzt, das man komplett herausnehmen kann. Das ist ein Performance Space, der im Augenblick von einem Künstler kuratiert wird. Der kleine Raum steht in Spannung zur Breite des Gehwegs und soll die Schwelle zwischen Stadt und Haus thematisieren, im besten Fall überwinden.

Indem Ihr auf Ginzburg verweist, stellt sich für uns die Frage nach dem Spannungsverhältnis zwischen dem Kommunitarismus, der erzwungen wird durch die Struktur, und der Urbanität, die von der Individualität der Menschen und der Mischung lebt.

Bei unseren Anleihen geht uns nicht um die Ideologie des Kommunitarismus, sondern um das räumliche Modell, in unserem Fall zweier so unterschiedlicher Modelle wie dem Narkomfin und dem Berliner Mietshaus. Aber es geht uns dabei nicht um eine direkte Unterscheidung von Tradition und Moderne. Die Flexibilität des Mietshauses und seine Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten Formen des Gebrauchs machen es als urbanen Prototypen relevanter als viele Wohnungsbauten der Moderne. Wir begreifen das Mietshaus nicht als eine Kategorie der Tradition, da es nach wie vor ein wichtiger Container für die Evolution der Stadt ist. Natürlich hat die Moderne auch interessante Wohnungstypen und neue Verknüpfungen entwickelt, wie zum Beispiel im Narkomfin. Auch wenn wir darauf Bezug nehmen, verkörpern die ineinandergreifenden Volumen in der Oderberger Straße nicht die Frühform des Kommunitarismus. Für uns stehen sie vielmehr für eine weniger deterministische Form der „sozialen Plastik“.

Die „integrierte Praxis“ – ein Modell?

Um das Gespräch abzuschließen, würden wir gerne noch nach dem Vorbildcharakter Eures Ansatzes fragen. Wir eröffnen mit Euch die Reihe ARCH+ features, die bewusst nach alternativen Modellen fragt. Inwieweit kann Eure Arbeitsweise ein Modell für andere sein? Einerseits ist der wirtschaftliche Ertrag der Projekte äußerst gering. Andererseits seid Ihr dadurch Hausbesitzer geworden und verfügt über Grundbesitz. Man muss hier also zwischen einer kurz- und einer langfristigen Strategie unterscheiden.

Die Besitzbildung stand für uns nicht von vornherein im Mittelpunkt und realisiert sich auch erst im Laufe von ca. 25 Jahren. Die Frage für uns war: Wie kommen wir zum Bauen? Wir wollten als Architekten aktiv werden, unsere Ideen testen und nicht auf Wettbewerbserfolge warten – bedauerlicherweise kommt man mit Wettbewerbserfolgen häufig auch nicht zum Bauen. Deshalb haben wir von Anfang an selbst gebaut: Modelle, Möbel, Bäder, Hütten … Mit unseren selbstinitiierten Projekten konnten wir uns in den letzten Jahren finanzieren. Ob es ein Modell für andere sein kann, ist schwierig zu beantworten. Vielleicht insofern, dass man als Architekt selbst initiativ wird, ein anderes Raumangebot schafft und dabei weitestgehend seine Autonomie bewahrt – das alles natürlich vor dem Hintergrund des eigenen Risikos.

Das Feature erscheint in der Ausgabe zum Thema Kritik, und einer der Kritikpunkte, mit denen Ihr euch bei allen guten Intentionen auseinandersetzen müsst, ist der Vorwurf, dass Ihr den Prozess der Gentrifizierung vorantreibt.

Der Vorwurf der Gentrifizierung ist so unspezifisch geworden, dass er auf fast jede Entwicklung zutrifft, die nicht den Status quo festschreibt. Ein frei finanzierter Neubau, noch dazu ein Niedrigenergiehaus, hat logischerweise höhere Mieten als ein abbezahlter Altbau. Aber für uns liegt die Ökonomie in einer dichten Raumorganisation, wodurch wir sehr erschwingliche Arbeitsräume anbieten können, die gerade zunehmend verloren gehen. Man kann dem Vorwurf der Gentrifizierung letztlich nur entgehen, wenn man ein freies Grundstück unter den gegenwärtigen politischen und ökonomischen Bedingungen nicht bebaut. Aber lässt sich die Veränderung der Stadt aufhalten? Wir denken nicht. Daher lautet die einzig wichtige Frage für uns: Was wollen und brauchen wir heute für eine Stadt. Und in dieser Hinsicht sind wir der Überzeugung, dass wir etwas beitragen können, das sich sowohl von der Investorenarchitektur als auch vom Ansatz der Baugruppen unterscheidet.

Was habt Ihr als nächstes vor?

Wir wollen den Gedanken der städtischen Programmierung weiterführen, die Oderberger Straße ist nur ein Beispiel, wie ein Gebäude als Wohn- und Atelierhaus programmiert werden kann. Neue Lebens- und Berufswelten fordern neue räumliche Zuordnungen heraus, die entwickelt werden müssen. Unser Interesse für einen „Situativen Urbanismus“ und für die Dokumentation städtischer Situationen geht auf das Interesse an sich verändernden Nutzungsprogrammen in der Stadt zurück. Durch den Inhalt – die Vernetzung eines Gebäudes nach innen wie nach außen – kann ein hybrides Gebäude zu einem lokalen Motor, einem urbanen Katalysator auch an einem schwierigen Ort werden.

 

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