ARCH+ 201/202


Erschienen in ARCH+ 201/202,
Seite(n) 205-206

ARCH+ 201/202

Online-Beitrag: Im Werden begriffen - Designperspektiven für Berlin

Von Bieling, Tom

Berlin, Stadt der Kreativen. 2006 zur „UNESCO City of Design“ ernannt, ist die Designszene der Stadt Anziehungspunkt für Praktizierende und Interessierte – national wie international. Was aber ist das eigentlich, eine kreative Stadt? Welches Potenzial, welche Verpflichtungen lassen sich, nicht zuletzt auf politischer Ebene, für die Stadt ableiten? Welche Entwicklungschancen bieten sich Berlin im Design-Sektor? Und was ist, jenseits der rhetorischen Floskel, das Spezifische an Berlin als Design-Standort?

In der Heimat der „urbanen Penner“, wie die unterbezahlten aber irgendwie glücklichen Freelancer der Designszene genannt werden, der „arm aber sexy“–Stadt sind die Grenzen zwischen Floskel und Realitätsbeschreibung, zwischen Mythos und Fakt fließend. Eine strategische Steuerung, zumal von politischer Seite, wird dabei schnell zur Gratwanderung. Doch auch in Berlin wird die Designbranche zunehmend als treibende Kraft für ökonomisches Wachstum und soziale wie wissenschaftliche Innovationen akzeptiert. Unlängst beauftragte daher die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen die Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF) mit der Erarbeitung einer Potenzialanalyse der Berliner Designbranche. Anhand einer qualitativen Analyse der Stärken und Schwächen wurde dabei eine Argumentationsgrundlage für eine kohärente Strategie für Berlin als Designstandort entworfen.

Design in Berlin – Status Quo

Was die Aufmerksamkeit und Wertschätzung des Designfeldes im Allgemeinen anbelangt, so hat Berlin in den letzten Jahren zweifelsfrei eine Erfolgsgeschichte erlebt. Große, international agierende Unternehmen wie Archimedes, Art+Com, Edenspiekermann oder Triad trugen zu diesem Erfolg bei. Im Bereich der Corporate Identity und Markenarchitektur ist Berlin im bundesweiten Vergleich prominent aufgestellt: 15 der 50 größten CI/CD-Agenturen haben sich in Berlin niedergelassen.

Markant ist zudem die Dichte der forschungs- und entwicklungsintensiven Einrichtungen in und um Berlin. Die ortsansässigen Fraunhofer-Institute setzen, ebenso wie die Deutsche Telekom Laboratories, verstärkt auf die Implementierung von Design in Forschungs- und Qualitätssicherungsprozessen. Unternehmen wie Semperlux, Bombardier, Wall AG und Burmester Audiosysteme mit starken Entwicklungs- und Innovationsabteilungen sind gleichermaßen Indiz für Stärke und Potenzial der Berliner Designlandschaft.

Doch gerade in ihrer Gesamtheit präsentiert sich die Berliner Designszene als experimentierfreudiges Feld. Charakteristisch ist dabei das Indiz der fortwährenden Veränderung. Plattformen wie die Transmediale sowie zahlreiche Ausstellungen und Events, die sich oft im Grenzbereich zur Bildenden Kunst und Clubkultur verorten, bieten Möglichkeiten zum Erproben experimenteller Modellprojekte. Gerade für Kleinstunternehmen finden sich hier häufig neue und alternative Formen des Zusammenarbeitens, des Wissenstransfers und der Netzwerkkultur, wie z.B. das Betahaus und deren kollaborative offene Werkstatt „Open Design City“. (Anm. d. Red.: vgl. den Beitrag von Bastian Lange in dieser Ausgabe)

Kleine und mittlere Unternehmen – vor allem im Bereich Visuelle Kommunikation – agieren in diesem Biotop der flexiblen Strukturen und weisen zum Teil breite Leistungsportfolios auf. Über Netzwerke von freien Kooperationspartnern/-innen bewegen sie sich am Markt und beschäftigen diese meist projektbezogen. Der klassische Mittelstand, wie er sich in Designmetropolen wie Mailand, London oder Paris findet, ist nicht gerade kennzeichnend für Berlin.

Aufgrund immer noch vergleichsweise günstiger Lebenshaltungskosten wird Berlin als idealer selbstorganisierter Start-Up-Kontext für Unternehmensgründungen wahrgenommen. Diese Stärke des Standorts ist zugleich seine große Schwäche: Ein Handlungsdruck, betriebswirtschaftlich zu agieren, bleibt dabei bisweilen aus. Man hangelt sich von Projekt zu Projekt und verharrt im künstlerisch-subkulturellen Selbstverständnis. Das eigene Experimentieren wird von vielen jungen Akteuren als künstlerischer Prozess beschrieben, der Anerkennung und Abnehmer quasi ohne Vermittlung finden soll. Geringes Preisniveau ist ein Merkmal dieses Marktes, unter dem insbesondere junge Kleinst-Unternehmen leiden. Ihre berufliche Zukunft sehen sie etwa im Bereich der Editionsobjekte und dem Verkauf über Galerien. Eine eher spekulative Form der Zukunftsplanung, zieht man in Betracht, wie wenige Galerien sich in Berlin mit dem Verkauf von Designobjekten befassen.

Wider die Kategorisierung

Die Diversität in Berlin lässt keine klare Einordnung zu. Es gibt alles – von der unternehmerischen Zelle, dem einzelnen Freelancer, bis zum Global Player, vom Schmuckdesigner, Modelabel oder Grafiker bis hin zu interdisziplinären Forschungsprojekten. Im europäischen Städtewettbewerb um das Label der „Kreativen Metropole“ fällt Berlin darüber hinaus eine Sonderrolle zu: In seiner nicht nur geografischen Verortung als Bindeglied zwischen Ost und West, zwischen aufstrebend und etabliert, scheint Berlin auch ein Test- und Umschlagplatz für neue Gestaltungsformen, Lebens- und Arbeitsmodelle zu sein.

In der Außenwirkung entzieht sich Berlin somit jedem Versuch einer Kategorisierung. Vielmehr ist die Stadt eine Schnittstelle, die von einer „sowohl als auch“-Haltung geprägt ist. Im internationalen Vergleich wird die Stadt eher als inspirierender Durchgangsort denn als ökonomisch relevanter Handlungsraum empfunden. Der Attraktivität tut dies freilich keinen Abbruch.

Im Gegenteil. Gerade diese Rhetorik des im Werden Begriffenen zieht seit dem Fall der Mauer junge und international ausgerichtete Menschen nach Berlin. Im Verlauf der Jahre entwickelte die Stadt dabei ein beeindruckendes Kreativitätsversprechen: Berlin wurde das Image zuteil, ein idealer Experimentierraum für kreative Prozesse, Produkte und Praktiken zu sein. Freiraum – sowohl in räumlicher wie auch kultureller, mentaler und sozio-ökonomischer Hinsicht – ist der entscheidende Parameter, der bis heute maßgeblich zur Standortattraktivität der Stadt beiträgt.

Viele Designbüros, die später international für Furore gesorgt haben, wurden in den Neunziger Jahren in Berlin gegründet. Selbstorganisierte Initiativen wie der DESIGNMAI (2003- 2009) haben maßgebliche Impulse für die Vernetzung und Sichtbarkeit der bis dato recht unübersichtlichen Designszene gegeben und es geschafft, das internationale Interesse für Design aus und in Berlin zu wecken. Die Satellitenmesse DMY – ursprünglich für „DesignMaiYoungsters“ stehend, inzwischen synonym für Daily Monthly Yearly – hat sich seit 2008 zu einer eigenständigen, dauerhaften Plattform entwickelt. Veranstaltungen wie die Typo Berlin oder die Illustrative locken jedes Jahr eine breite Fachöffentlichkeit nach Berlin.

Im Lauf der Zeit hat die Stadt dabei den Charakter eines Showrooms entwickelt, der letztlich auch mit der Tourismusbranche eine interessante Verbindung eingeht: Zeitlich begrenzte Pop-Up-Stores oder multidisziplinäre Concept Stores, kurzfristige Ausstellungen und Aktionen in öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Räumen sind typisch für Berlin.

Design in Berlin Design in Berlin – eine repräsentative Auswahl (alphabetisch geordnet) DGTF

Erweitertes Innovationsverständnis

Gleichwohl überdeckt der Hype um „kreatives“ Schaffen die mitunter prekären Arbeitsbedingungen der Marktteilnehmer. In Berlin sind daher in den letzten Jahren zahlreiche Förderprogramme und Initiativen ins Leben gerufen worden, die die Designszene wirtschaftlich ankurbeln sollen. Um allerdings das branchenübergreifende Potenzial von Design entsprechend auszuschöpfen, und die allgemeinen Rahmenbedingungen zur Förderung der Designwirtschaft gezielt zu festigen, ist ein erweitertes Verständnis von Design notwendig, das mit einem entsprechenden Innovationsbegriff in der Designwirtschaft einher geht. Und somit auch mit der Erweiterung des bislang meist allein technologisch verstandenen Begriffs der Innovation um kulturelle und soziale Dimensionen. Dies hat nicht nur Auswirkungen für die Akzeptanz der kreativen Branchen im Verhältnis zu dominanten Technologie- und Produktionskomplexen, sondern auch auf die Förderfähigkeit von Design. Von Bedeutung für eine Bestandsaufnahme des Status Quo Design in Berlin und seinen spezifischen Kontextbedingungen, sind somit nicht nur neuartige Produkte, etwa im Spannungsfeld zwischen Technologie und Kunst zu würdigen. Vielmehr sind die prozessuale sowie kontextspezifische Dimension in den Vordergrund zu stellen, die für die Ideenfindung und -entwicklung relevant sind.

Wichtige Faktoren für Innovationen Wichtige Faktoren für Innovationen DGTF

Ein solches Verständnis von Innovation, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit geprägt, erfordert spezifische soziale und technologische Infrastrukturen. Diese lassen sich insbesondere in den hybriden Strukturen zwischen Universität und Wirtschaft, öffentlicher Hand und informellen Netzwerken finden. Beispielsweise am sogenannten „Campus Charlottenburg“, auf dem die Zusammenarbeit zwischen den ansässigen Universitäten UdK und TU sowie die Anbindung an die Wirtschaft vorangetrieben wird; oder bei bestehenden Kooperationen zwischen Industrie- und universitären Partnern, etwa im Rahmen des EICT (European Center for Information and Communication Technologies).

Überhaupt bietet die hohe Dichte an Berliner Wissenschaftseinrichtungen (Hochschulen sowie Forschungsinstitute wie der Helmholtzgesellschaft, Max-Planck- und Leibniz-Institute) eine gute Voraussetzung für disziplinenübergreifende Zusammenarbeit, sowohl für global agierende Institutionen als auch für innovative Neugründungen – ein Potenzial, dem unbedingt eine erhöhte Aufmerksamkeit gebührt.

Chancen und Herausforderungen

Das sich dynamisch entwickelnde Feld des Designs stellt sowohl die Politik als auch die Akteure der Branche selbst vor große Herausforderungen. Jedoch: Als eine Stadt, welcher der nicht zuletzt historisch begründete Ruf vorauseilt, sie befände sich in einem dynamischen Prozess des Sich-Immer-Neu-Erfindens, kann Berlin genau diesen Zustand zur Primärqualität erheben. Denn eben dieser dynamische Wandel befördert zwangsläufig den gestalterischen und unternehmerischen Wagemut. Joachim Sauter, UdK Professor und Gründer von Art+Com fasst das als elementare Vorraussetzung für Innovation zusammen: Die „Offenheit zum Experiment und Offenheit zum Scheitern“.

Insgesamt ergibt sich somit ein nicht ganz so pessimistisches Bild der Berliner Designwirtschaft. Sie hat das Potenzial, als Schnittstellenbranche stärker in die regionale Gesamtwirtschaft integriert zu werden. Denn gerade in den neuen Arbeits- und Organisationsformen der Designwirtschaft zeichnen sich Modelle ab, die in Zukunft auch auf andere Wirtschaftsfelder übertragen werden können.

Vier Thesen wurden vor diesem Hintergrund im Rahmen der DGTF-Studie formuliert, anhand derer sich – wenn auch vorsichtig – übergeordnete Ziele, Ansätze und Optionen zur Ausgestaltung einer Designstrategie ableiten lassen. Sie könnten ein erster Schritt zur Begründung entsprechender Handlungsfelder sein:

  

Prototypen

Berlin hat das Potenzial, sich zukünftig auf die Generierung von innovativen Prototypen – ob in Prozessen, Produkten oder Objekten – zu konzentrieren. Ein Schwerpunkt könnte etwa in der Entwicklung neuer kollaborativer Arbeitsformen und Designprozesse liegen. Eine solche Kompetenz Berlins, Blaupausen für zukünftige Arbeits-, Denk-, Produktions- und Vertriebsweisen zu entwickeln, kann strategisch gefördert werden.

 

Spezialisierung

Im Zuge der Konzentration auf Prototypen bedarf es in der Designbranche einer „Strategie der Spezialisierung“, um Berlin international als Ort hochwertiger und innovativer Designprodukte und -prozesse zu positionieren. Dies könnte, so eine Empfehlung der Studie, in Form einer Spezialisierung der Messen und Festivals passieren. Etwa durch eine Aufspaltung in eine Designmesse für Nachwuchstalente und eine für thematisch spezialisierte sowie national und international ausgewiesene Marktteilnehmer.

 

Innovation

Designwirtschaft muss als innovative und produktorientierte Querschnittsbranche stärker im Konzept der Kultur- und Kreativ-Wirtschaft verankert und als kreativer Motor in andere Technologie- und Forschungsbereiche integriert werden. Dazu gehört explizit die Verknüpfung von Design mit anderen Wirtschaftsbranchen und Kompetenzfeldern.

 

Akzeptanz

Die gesellschaftliche Vermittlung und Anerkennung der Designwirtschaft muss gefördert werden. Die Designbranche bedarf einer breiten Akzeptanz und einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung. Gerade in Bezug auf seine Rolle als Innovationsfaktor, und gerade an der Schnittstelle zu anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen. Dazu ist es auch nötig, dass die Designbranche ihre Interessen stärker bündelt.

 

Im Hinblick auf die Chancen und Herausforderungen für die Design-Stadt Berlin gibt die Designerin Juli Gudehus zu Bedenken, dass die „wichtigsten Impulse immer von Menschen, nicht von Städten“ ausgehen. „Und Menschen bewegen sich“. Nichtsdestoweniger besteht die Möglichkeit, Berlins Position als Designmetropole auszubauen, wenn die Vernetzung im internationalen Kontext sowie mit angrenzenden Disziplinen und anderen Wirtschaftsbranchen gelingt. Ansonsten droht, was Cornelia Horsch, Leiterin des Internationalen Design Zentrums Berlin (IDZ), zugespitzt formuliert: „Das Potenzial allein reicht auf Dauer nicht. Es altert auch. Man ist dann irgendwann nicht mehr arm und sexy, sondern nur noch arm“.

Einige der Inhalte dieses Artikels basieren auf der Potenzialanalyse der Berliner Designbranche, erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung e. V. (DGTF). Die Studie erfolgte im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen des Landes Berlin (Herausgeber) und wurde gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung im Rahmen des EU-Projektes „Creative Metropoles“. Autoren/-innen der Studie: Birgit Bauer, Bianca Herlo, Dr. Bastian Lange, Inga Wellmann. Projektleitung: Prof. Dr. Gesche Joost.

Für den Artikel hat Tom Bieling mit einigen Akteuren der Berliner Designszene Interviews geführt.

 

Interview mit Reto Wettach

Eines Ihrer jüngsten Projekte trägt den Titel „Stadt & Interaktion“. Es geht darin um das dynamische Spannungsfeld zwischen Architektur und digitalen Technologien und die damit verbundenen Herausforderungen und neuen Aufgaben für Gestalter, Architekten und Städteplaner. Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen aus dem Projekt?

Es hat mich erst einmal überrascht, wie wenig Architekten bisher das Potenzial sehen, über das sie mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen über Raum und Stadt verfügen. Es scheint häufig so zu sein, dass Architekten wirklich nur „Straße“, „Fassade“ oder „Haus“ als ihr Aufgabengebiet ansehen. Sie scheinen nicht zu berücksichtigen, wie viel sie eigentlich von Interaktion im Raum verstehen. Beispielsweise ist ein Verständnis von öffentlichem, halböffentlichem und privatem Raum zentral bei der Gestaltung mit mobilen digitalen Technologien.

Sind Sie der Ansicht, dass eine engere Zusammenarbeit von Architekten und Designern diese Verengung aufbrechen könnte?

Eindeutig! Das wäre bereichernd für beide Seiten. Nehmen wir zum Beispiel die Thematik rund um „Location based Services“: Hier wird Architektur verändert! Ein Einzelhändler braucht unter Umständen gar kein Schild mehr für sein Geschäft, weil er seine Kunden ganz anders erreichen kann, nämlich durch digitale Medien – wie die ganzen illegalen Clubs in Berlin beweisen. So verändert sich Architektur.

Gleichzeitig verändert sich so auch unsere Wahrnehmung von Stadt bzw Architektur. Ich navigiere anders durch die Stadt seit der Einführung von Smart Phones und Navigationssoftwares und Augmented Reality. Das Wissen von Architekten über menschliche Wahrnehmung von räumlichen Strukturen kann den Interface-Designern dabei helfen, diese Tools zu gestalten.

Inwiefern macht sich der Einfluss digitaler Kultur auf das Denken und die Praxis von Architekten und Gestaltern bemerkbar und wie können wir damit umgehen?

Ich möchte diese Frage gerne anhand eines Projektes illustrieren aus dem Forschungskurs „Stadt und Interaktion“, den ich gemeinsam mit Markus Löffler leite: eine Gruppe von Studenten hat analysiert, wie digitale Technologien unsere Formen des Zusammenarbeitens verändern und wie Büroarchitektur darauf reagieren muss. Speziell in der Kreativindustrie erleben wir das Aufkommen von Co-Working-Spaces, die flexibel auf die Bedürfnisse dieser neuen Arbeitsform reagieren. Das verlangt nicht nur nach der Veränderung der konkreten Architektur, sondern hat auch einen Einfluss auf das Zusammenspiel vom Ort im Realen und der Online-Repräsentation. Dadurch ergeben sich sehr spannende Fragen für Architekten, die einen erweiterten Begriff von Architektur erfordern.

Als Professor an der FH Potsdam und als Design Director von IxdS arbeiten Sie an der Schnittstelle zwischen der akademischen und der Welt der Designpraxis. Worin bestehen für Sie die Berührungspunkte, worin mögliche Gefahren?

 

Zum einen komme ich aus der Praxis. Ich habe bei Sony, bei IDEO, bei Daimler, in den USA, Japan und Deutschland gearbeitet. Mein Design-Know-how habe ich durch diese Arbeiten bekommen und halte es als Lehrender für wichtig, diesen Bezug zur Praxis aufrecht zu erhalten. Meine praktische Tätigkeit befruchtet meine Lehrtätigkeit, indem ich sehe, was gebraucht wird, was die wichtigen Themen sind, wie methodisch vorgegangen wird und wie Design vermittelt werden kann.

Umgekehrt arbeiten wir in einem Bereich, der neu und fragil ist und daher noch viel Forschung braucht. Hochschulen bieten den idealen Raum dafür. Wir sind, ähnlich wie die Köln International School of Design (KISD), sehr aktiv in der Forschung. Ein großes Thema ist bei uns die Entwicklung von Tools, so dass Gestalter mit High Tech überhaupt umgehen können. In diesem Zusammenhang wäre zum Beispiel „Fritzing“ (www.fritzing.org) zu erwähnen, eine Open Source-Initiative für den gestalterischen Umgang mit Hardware.

Das andere große Thema ist die Erforschung des digitalen Materials, also zu untersuchen, was überhaupt möglich ist, wenn beispielsweise interaktive Techniken und Medien zunehmend in den öffentlichen Raum drängen.

 

Reto Wettach ist Professor an der Fachhochschule Potsdam, wo er „Physical Interaction Design“ unterrichtet und an innovativen, körper-fokussierten Ansätzen der Mensch-Maschine-Interaktion forscht. Zudem ist er Design Direktor der Agentur Interaction Design Studios. www.ixds.de

 

Interview mit Cornelia Horsch

Welche Idee steckt hinter Ihrem Interessenverband und worin bestehen die Aufgaben des IDZ?

Das IDZ hat seinen Sitz in Berlin, und wir fühlen uns dieser wunderbaren Stadt eng verbunden, weswegen wir auch immer wieder Berliner Interessen vertreten. Jedoch sind wir als internationales Designzentrum nicht nur auf lokale Aktivitäten beschränkt. Gegründet wurde das IDZ im Jahr 1968 als Initiative aus Wirtschaft und Politik. Die Schnittstellenposition zur Designszene ist nach wie vor von großer Bedeutung. Es geht darum, Design nicht nur isoliert zu betrachten, sondern es im Bezug zu seinen kulturellen und gesellschaftlichen Aufgaben zu sehen. Schließlich muss man es auch als politische Kraft verstehen. So wurden im IDZ auch schon früh Ökologiedebatten geführt und Fragen der Demografie thematisiert.

Bis in die 90er Jahre wurde das IDZ durch das Land Berlin institutionell gefördert. Seit inzwischen mehr als 10 Jahren ist diese Förderung jedoch eingestellt und wir sind als gemeinnütziger Verein frei finanziert.

Unsere Projekte setzen wir in verschiedenen Kooperationen mit Politik und Wirtschaft um. Die Themen generieren wir inhaltlich vor allem aus unserem Anliegen, der Verantwortung im Design eine Plattform zu geben. Das heißt, wir thematisieren Verknüpfungen zwischen den Disziplinen und stellen Zukunftsfragen. Welche Entwicklungen kommen auf uns, auf unsere Gesellschaft zu? Gibt es darin Fragen, auf die Design eine Antwort geben kann oder muss? Welche Akteure könnte man dafür miteinander ins Gespräch bringen? Aus diesen Prozessen heraus entwickeln wir Projektvorhaben, die entweder durch Unterstützung aus der Wirtschaft oder durch Förderinstrumente der Politik umgesetzt werden.

 

Vorrangig geht es dabei immer um übergeordnete Themen, wie den ökologischen oder demografischen Wandel?

Das sind für uns natürlich zwei ganz zentrale Themen. Aber darüber hinaus treiben uns auch die kleinen Fragen um, die die Designerinnen und Designer in ihrem Alltag beschäftigen. In einem aktuellen Projekt verfolgen wir gerade das Ziel, Berliner Designer und polnische Produzenten und Unternehmen in einen Austausch zu bringen. Die Tatsache, dass Design nicht nur ein ökonomischer, sondern auch ein starker kultureller Faktor ist, macht dieses Projekt zu einem schönen Instrument für die deutsch-polnische Annäherung.

 

Wohin sollte man den Designstandort Berlin steuern?

Das kreative Potenzial der Stadt ist international hoch attraktiv und ein Pfund, das die Stadt nutzen sollte, solange sie es (noch) hat. Natürlich ist es schwierig, eine so kleinteilige und eigenwillige Szene zu fassen zu kriegen, dennoch glaube ich dass es einige zentrale Ansatzpunkte gibt.

Eine wichtige Frage ist sicherlich die, wie man die hohe Zahl frei arbeitender Autorendesigner an entsprechende Märkte heranführen kann. Bislang fehlen der Stadt gut funktionierende Vertriebsplattformen, die ähnlich wie etwa Galerien für den Kunstbetrieb, eine Schnittstelle zum Endverbraucher oder auch zum Produzenten darstellen.

Die Professionalisierung, das „Erwachsen-Werden“ der Szene ist enorm wichtig, wenn sich das kreative Potential auf Dauer erhalten soll. Damit einher geht auch die Frage nach Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten für Designerinnen und Designer.

Nicht zuletzt gestaltet Design nicht nur hübsche Produkte, sondern vor allem auch Prozesse. In der interdisziplinären Zusammenarbeit mit anderen Bereichen liegen enorme Innovations- und Wertschöpfungspotentiale. Diesen Mehrwert von Design für Berlin zu nutzen, ist ein weiterer Ansatzpunkt, den ich sehe. Berlin investiert intensiv in Technologieparks, und es wäre sinnvoll, hier Anreize zu schaffen, sodass in der Technologieentwicklung von Anfang an mit Design kooperiert wird. Aus der Wirtschaft wissen wir schließlich, dass Unternehmen, die Design bereits in der Konzeptionsphase bewusst und intelligent einsetzen, wirtschaftlich erfolgreicher sind. Ich bin mir sicher, dass für Berlin in der Verknüpfung von Technologieentwicklung, Forschung und Design enorme Potenziale liegen.

 

Cornelia Horsch (geb. 1965) studierte Design in Basel, Straßburg und Berlin. Die Produkt- und Kommunikationsdesignerin arbeitet seit 1997 in den Bereichen Konzeption und Projektmanagement. Seit Oktober 2008 leitet sie das Internationale Design Zentrum Berlin.

 

Interview mit Torsten Posselt

Gemeinsam mit Deinen Kollegen Frederic Gmeiner und Benjamin Maus hast Du das Projekt Extracts of Local Distance entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Visualisierungstool, das vordergründig nah an den Bereich der Architektur gekoppelt ist. Wie kam es zur Idee, und wie kam das Projekt zustande?

Entstanden ist das Ganze zunächst als Experiment im Rahmen eines Semesterprojekts mit dem Thema Computational Photography. Wir hatten das Glück mit dem Architekturfotografen Klaus Frahm aus Hamburg zusammen zu arbeiten. Im Zuge dieser Kooperation haben wir uns erstmalig intensiv mit Architekturfotografie beschäftigt, und waren – gelinde gesagt – geplättet von der Ästhetik dieser Fotos. Es ist schon beeindruckend zu sehen, wie dort etwa Perspektive und Räumlichkeit aufgegriffen werden. Oder wie sehr zum Beispiel horizontale und vertikale Linien die Ästhetik der Bilder dominieren. Bei uns kam dann bald die Frage auf, ob es möglich ist diese Eigenschaften aufzugreifen, mit Hilfe von ComputerVision Algorithmen zu extrahieren, um daraus wiederum einen neuen Ausgangspunkt zu schaffen, um neue Räume zu gestalten.

 

In welchen Schritten läuft das genau ab? Wie funktioniert Extracts of Local Distance?

Als Ausgangsmaterial dienen Scans von Architekturfotos. Diese werden im ersten Schritt nach ihren Fluchtpunkten analysiert. Diese Fluchtpunkterkennung läuft halbautomatisiert ab, da es uns sehr wichtig war als Gestalter immer Einfluss auf den Prozess nehmen zu können.

Diese Fluchtpunkte werden dann, zum Bild zugeordnet, in eine Datenbank eingetragen. Im zweiten Schritt werden die Bilder mit Hilfe eines GraphCut-Algorithmus nach verschiedenen visuellen Parametern segmentiert. Danach werden die erzeugten Segmente den vorher definierten Fluchtpunkten zugeordnet und wiederum in einer Datenbank abgelegt. Die ersten beiden Schritte dienen somit dem Aufbau einer Datenbank an Segmenten und Koordinaten.

Für den letzten Schritt der Komposition haben wir ein Interface geschaffen, welches uns erlaubt, diesen Prozess von hinten aufzurollen – mit der Perspektive als Ausgangspunkt. Dies ermöglicht es, Fluchtpunkte zu setzen und um diese herum eine Art Perspektivgitter zu erzeugen. Nun lässt sich die Datenbank nach passenden Segmenten durchsuchen. Die Möglichkeit, Fluchtpunkte zu verschieben oder Parameter zu verändern, bleibt dabei immer bestehen. Auf diese Weise werden Collagen generiert, die neue Optionen für Raumgestaltung offenbaren.

Mit Hilfe bestimmter, den Originalfotos zugeordneter Schlüsselbegriffe lassen sich zudem noch andere Parameter aufgreifen, wie z.B. Baustil, Materialien oder Architekten, und damit eine Metaebene auf die generierten Bilder anwenden.

 

Man durchläuft eine Art Zyklus.

Und der beginnt beim Architekten, während am Ende das real gebaute Objekt steht. Dann kommt der Fotograf, der das Gebäude in seiner Vielfalt und Aussage, basierend auf seinem eigenen visuellen Verständnis, fotografisch festhält. In unserem Prozess kommt jetzt schließlich die dritte Person ins Spiel, in dem Fall: Wir, oder das Programm, welches diese Ansichten wieder dekonstruiert und uns erlaubt, sie neu zusammenzufügen, was letztlich wieder zu der Möglichkeit führt, aus diesen Elementen neue Räume zu schaffen.

 

Was sagt das Projekt über die unterschiedlichen Ansätze der beteiligten Disziplinen aus? Was können diese voneinander lernen?

Die Ansätze von Architekten und Designern sind gar nicht so unterschiedlich. Am spannendsten war die Zusammenarbeit mit dem Fotografen, der als vorwiegend visuell-ästhetisch geprägter Mensch, der seit 30-40 Jahren analog fotografiert, einen ganz anderen Zugang zu Technik hat. Die Computertechnik interessiert ihn im Grunde nicht.

Genau das ist aber ein sehr spannender Punkt: Viele Menschen beschäftigen sich wenig mit neuen Techniken, solange diese nicht in ihrem alltäglichen Leben auftauchen. Demgegenüber steht immer eine ganze Reihe hochtechnologischer Ansätze und Entwicklungen, die zwar alle wunderbar sein mögen, zumindest aus der Perspektive der Entwickler, aber von denen noch keiner so recht weiß, wozu sie eigentlich gut sind. Genau an dieser Stelle kann nun der Designer aktiv werden und eine Vermittlerrolle übernehmen.

 

 Torsten Posselt studiert Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin. In der „Digitalen Klasse“ (Leitung: Prof. Joachim Sauter und Prof. Jussi Ängeslevä) bewegt man sich dort an der Schnittstelle zwischen digitalen Medien, Technologie und Kunst. Parallel dazu arbeitet er als Freelancer in artverwandten Bereichen. www.sort-of.net

 

Tom Bieling studierte Design in Köln (KISD) und Curitiba (UFPR, Brasilien) und arbeitet als Designforscher im Design Research Lab der Universität der Künste (UdK) in Kooperation mit den Deutschen Telekom Laboratories in Berlin. Er ist zudem aktives Gründungsmitglied des Design Research Network. www.tombieling.com

 

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