ARCH+ 208

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Erschienen in ARCH+ 208,
Seite(n) 11

ARCH+ 208

Brutalismus – eine Phantomdebatte?

Von Dreher, Florian /  Schmidt, Annelen

Der Brutalismus markiert einen Wendepunkt der Nachkriegsmoderne. Heute ist sein baukulturelles Erbe durch Spekulationen und Rekonstruktionen bedroht. In einem 2-tägigen internationalen Symposium Brutalismus. Architekturen zwischen Alltag, Poesie und Theorie, das noch von dem im vergangenen Jahr gestorbenen Werner Sewing konzipiert wurde, widmete sich das Fachgebiet Architekturtheorie und der Master Altbauinstandsetzung des KIT zusammen mit der Wüstenrot Stiftung, der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Brutalismus sowie Fragen der Denkmalpflege für Bauten der 1960er Jahre. Werner Düttmanns Akademie der Künste im Berliner Hansaviertel bot nach seiner Sanierung den atmosphärischen Rahmen.

“Brutalism was not what Reyner Banham was talking about.” (Peter Smithson)

Der Brutalismus, jenes Projekt einer jungen Generation, deren Kritik an der Heroischen Moderne ansetzte, ist seit seiner Entstehung Mitte der 1950er Jahre im Nachkriegsengland schwer zu durchdringen. Mit einem neuen Anspruch auf Authentizität von Gesellschaft und Architektur, in der Aneignung des Gebauten im alltäglichen Leben und der sinnlichen Anmutung des béton brut, versuchte der Brutalismus wieder an die verloren geglaubten Motive der Moderne anzuschließen. Seine theoretische Kodifizierung durch Reyner Banham oder durch Alison und Peter Smithson bleibt bis heute umstritten und widersprüchlich. Dabei ist vor allem der Brutalismus aus dem lokalen Kontext, so Kenneth Frampton, zwischen Post War, New Empiricism und Townscape zu betrachten. Auf internationaler Ebene wurde über den Brutalismus während der legendären Team 10 Meetings verhandelt, was seine Verarbeitung im Metabolismus und Strukturalismus fand.

Krieg und Frieden

Als entscheidenden Subtext der Entwicklung identifizierten viele Referenten die Kriegserfahrungen der Protagonisten: Die Trümmer der in Schutt und Asche liegenden europäischen Städte wurden regelrecht zur Geburtsstätte des Brutalismus erklärt. Beatriz Colomina entschlüsselte die biografischen Verflechtungen der Mitglieder der Independent Group, wie Nigel Henderson und Peter Smithson, und zeichnete das mentale Diagramm dieser Generation – das Gedächtnis des Brutalismus. Ruinen, zunächst eingebrannte Sinnbilder der Zerstörung, avancierten, so Stanislaus von Moos, zum Symbol der Hoffnung einer ganzen Generation, eine neue Gesellschaft verwirklichen zu können.

Neben den Bildern prägten ebenso die traumatischen Erfahrungen das Schaffen der jungen Architekten. Insbesondere vor dem Hintergrund der nuklearen Bedrohungen des Kalten Krieges mag die Sehnsucht nach Schutz und Beständigkeit bedeutsam für die „Extrem-Ästhetik” des Brutalismus gewesen sein.

Inwieweit kann vor diesem Hintergrund der Brutalismus als internationales Projekt der Bewältigung politischer und gesellschaftlicher Psychosen betrachtet werden? Erklärt diese Auslegung auch die heute neu aufkeimende Brisanz und das Interesse an den Bauten und damaligen Konzepten, befinden wir uns gerade in einer ähnlichen Phase gesellschaftlicher Erosionen und kapitalistischer Ausweglosigkeiten, wie Kenneth Frampton behauptete?

The School of Brutalism

Brutalistische Projekte waren ihrer großen Maßstäblichkeit und ihres rohen Materialcharakters wegen nicht immer beliebt, so betonte Ingrid Scheurmann, dass der potentielle Denkmalpflegewert dieser Bauten eben in „Brüchen, Brachen und Leere” erkannt und vermittelt werden muss. Joan Ockman positionierte die Bauten des Brutalismus darüber hinaus als wichtige Zeugen gesellschaftspolitischer Ereignisse, wie sie am Beispiel der Kent State University und den Studentenprotesten von 1970 eindrucksvoll erläuterte.

Gegen Ende der 1960er Jahre geriet der Brutalismus in eine Krise, die sich durch die Abkehr der Smithsons von der Independent Group hin zum Team 10 entwickelte. Es ging jetzt um eine Suche nach Strukturen und Systemen des Urbanen, die über die Bildhaftigkeit einer Banham’schen Definition von Brutalismus weit hinausreichten. Wurde der Brutalismus durch die Abkehr von der Objektfixiertheit gewissermaßen aus den Angeln gehoben?

Nahezu allen Teilnehmern der Tagung fiel es schwer, den Brutalismus zeitlich zu datieren oder ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt für beendet zu erklären. Im Gegenteil: In seiner Diffusität über einen Stilbegriff hinausgehend, so Dirk van den Heuvel, sollten eher die wesentlichen Momente nachgezeichnet, als eine chronologische Linie aufgebaut werden. Das Phantom Brutalismus glitt den Beteiligten demnach mal als dehnbarer Begriff, mal als handfestes Konzept, immer wieder aber als widersprüchliches Konfliktfeld durch die Finger.

Betrachtet man den Brutalismus hinsichtlich seines Anspruchs, Gesellschaftskonzepte zu hinterfragen, so hat er bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Alle Beiträge der Tagung sollen in einer Publikation festgehalten und weitergedacht werden.

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