ARCH+ 208

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Erschienen in ARCH+ 208,
Seite(n) 12

ARCH+ 208

Pack’s an-Städtebau

Von Schnell, Angelika

„Hands-on Urbanism“ hieß eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien, und es ging nicht bloß ums urbane Gärtnern (ob mit oder ohne Guerilla), sondern viel umfassender um Modelle selbstorganisierten Wohnens und Lebens in Städten seit dem späten 19. Jahrhundert. Was die Kuratorin Elke Krasny auf der Basis ausführlicher Recherchen im Frühjahr 2012 gezeigt hat, war nicht ohne Grund ständig gut besucht, und das nicht nur von Architekturinteressierten. Insgesamt 19 Fallstudien in Europa, USA, Südamerika und Asien, verteilt über den Zeitraum von 1850 bis 2012, waren zu besichtigen und zu studieren: Fotos, Zeichnungen, Videointerviews und jede Menge Text haben niemanden abgeschreckt, vielmehr hat die von Alexandra Maringer inszenierte Ausstellungsarchitektur, bestehend aus Metallbauzäunen und lose aufgestellten oder aufgehängten Grünpflanzen nicht nur das oft Provisorische der Projektbeispiele wiederholt, sondern auch zum ungezwungenen Durchschlendern der Alten Halle, des größten Ausstellungsraums des AzW eingeladen.

Die Pflanzen erinnern freilich auch an den Untertitel der Ausstellung: „Vom Recht auf Grün“ lenkt die Aufmerksamkeit der Besucher und Besucherinnen auf die Tatsache, dass die vorgestellten städtebaulichen und architektonischen Modelle die Integration von Nutzgärten zum Überleben ihrer Bewohner und Bewohnerinnen brauchen. Das älteste gezeigte Projekt, der „Schreberplatz“ in Leipzig, benannt nach seinem Initiator, dem Pädagogen Daniel Gottlob Moritz Schreber, stand selbst wiederum Pate für die bis heute in Deutschland und Österreich weit verbreiteten Schrebergärten. Es war aber vor allem das Elend der Arbeiterklasse in den industrialisierten Städten, die zudem nicht über ausreichende öffentliche Plätze und Grünanlagen verfügten, welches Schreber zur Gründung eines Vereins brachte, dessen Zentrum ein Kinderspielplatz war, um den herum sich Gartenanlagen ausbreiteten, die von den sich selbst „Ackerbürger“ Nennenden selbstorganisiert bepflanzt und genutzt wurden.

Not lag und liegt auch den anderen in der Ausstellung vorgestellten Beispielen zugrunde. Die ständig krisenhafte Situation der Städte seit der Industrialisierung, so die Kuratorin, bringt die gärtnerische Selbstorganisation als „radikale Strategie“ einer Selbstermächtigung in Bezug auf Grund und Boden hervor. Neben bekannten Beispielen wie der Wiener Siedlerbewegung der Zwischenkriegszeit, den „activist gardeners“ von New Yorks Lower East Side, deren erste Community Gardens in den 1970er Jahren entstanden, Christopher Alexanders Mexicali-Projekt von 1976 und dem erst seit 2009 existierenden „Prinzessinnengarten“ in Berlin-Kreuzberg zeigt die Ausstellung auch weniger bekannte Projekte, denen gemeinsam ist, dass sie sich gegen einen ausschließlich renditeorientierten Städtebau zur Wehr setzen, was freilich auch – wie in New York – den paradoxen Effekt haben kann, dass das Viertel anschließend aufgewertet wird – die Gentrifizierung kann beginnen.

Dennoch: Die Ausstellung konzentriert sich vornehmlich auf die visionären und oft auch kämpferischen Anfänge der ausgewählten Projekte, auf ihre Hauptakteure und -akteurinnen, auf den politischen und ökonomischen Hintergrund, auf die unmittelbaren Ziele der Aktionen. Auffallend sind die vielen Frauen, die aktiv für die Verbesserung der Lebensverhältnisse ihrer Nachbarn und Nachbarinnen einstehen. Die Feministin und Friedensaktivistin Jane Addams, die 1931 als erste Amerikanerin den Friedensnobelpreis erhalten hat, gründete in den 1880er Jahren in Chicago das Gemeinschaftsprojekt Hull House nach dem Vorbild von Toynbee Hall in London, um Menschen zu „helfen, sich selbst zu helfen“. In jüngerer Zeit wäre Dona Marli Medeiros zu nennen, die in Brasilien als „Rainha da sucata“, als „Trash Queen“ bekannt ist. Sie engagiert sich seit über 40 Jahren für die Rechte der Frauen und für die Armen in den brasilianischen Slums. 1996 gründete sie in Vila Pinto, einem der schlimmsten Slums in Porto Alegre, das CEA (Centro de Educação Ambiental), eine genossenschaftlich organisierte Plantage, die Abfall recycelt, ein Ausbildungsprogramm integriert hat und ausschließlich von Frauen geleitet wird.

Jedes Projekt hat seine eigene Geschichte; manche haben tatsächlich städtebauliche Strukturen geprägt, andere existieren gar nicht mehr. Ihr Erfolg hängt, und das macht die Ausstellung deutlich, nicht an einem bestimmten architektonischen Modell, sondern an der politischen Durchsetzungsfähigkeit seiner Initiatoren und Initiatorinnen, die je nach gesellschaftspolitischem Hintergrund Siedler, Kolonisten, Besetzer oder Aktivisten genannt werden.

Für ein eingehendes Studium bietet sich zudem der lesenwerte Katalog an, der nicht nur zeitgenössische Aufsätze zu den einzelnen Beispielen anbietet, sondern teilweise den Originalton wiedergibt. Langjährige ARCH+-Leser und -leserinnen werden den Wiederabdruck von Klaus Novys „Selbsthilfe als Reformbewegung. Der Kampf der Wiener Siedler nach dem 1. Weltkrieg“ bemerken, der 1981 in Heft 55 erschien und vor dem Hintergrund der West-Berliner Hausbesetzungen den Wert „genossenschaftlich-gemeinwirtschaftlicher“ Modelle kritisch diskutierte, die bei falscher Anwendung allzu leicht in „Spießigkeit“ umschlagen könnten. Der Vergleich zu heutigen Strategien, die ebenfalls kämpferisch, aber weniger dogmatisch sind, liegt auf der Hand. Um Recht auf Stadt, um neue Formen der Gemeinschaft geht es auch heute, aber der Pragmatismus und die Akzeptanz individualisierter Lebensmodelle sind gestiegen.

Besonders die Einbeziehung ökologischer Fragen generiert zunehmend eher wissenschaftlich geprägte Netzwerke als ideologisch überhöhte soziale Strukturen, wie die Studie in der bedrohten Topographie der Quebrada Navarro in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, oder die „R-Urban-Strategie“ des französischen Büros aaa (atelier d’architecture autogérée) demonstrieren, die digitale Diagramme als Darstellung, aber auch als Organisationsinstrument für ein sich selbst steuerndes Bottom-up-Netzwerk an Beteiligten, Wissen und Praktiken ökologischer Erneuerung der Stadt nutzt. Da das von aaa in der Pariser Peripherie vorgestellte Projekt zugleich eines der seltenen „Hands-on-Urbanism“-Beispiele ist, das von Architekten und Architektinnen selbst initiiert ist, plädieren Ausstellung und Katalog implizit auch für ein verändertes Rollenverständnis derjenigen, die für die Planung zuständig sind.

 

Katalog in deutsch oder englisch: Elke Krasny (Hrsg.): Hands-on Urbanism. Vom Recht auf Grün, Architekturzentrum Wien, Verlag Turia + Kant, Wien 2012, 36 €

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