ARCH+ 208

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Erschienen in ARCH+ 208,
Seite(n) 13

ARCH+ 208

ARCH+ features 13: Wenn schon bauen, dann als Herausforderung

Von Strobel, Peter

Mit seiner 13. Ausgabe nahm ARCH+ features Teil am Rahmenprogramm der „Großen Weltausstellung 2012“, die das Theater Hebbel am Ufer und raumlaborberlin (vgl. ARCH+ features 3) im Juni auf dem Tempelhofer Feld in Berlin veranstalteten. Im Amphitheater der Künstlergruppe „Umschichten“ verzichteten die Teilnehmer an ARCH+ features 13 nicht nur auf ein Dach über dem Kopf, sondern auch auf die übliche multimediale Unterstützung: Statt Beamer und Leinwand kam eine gezimmerte Drehbühne zum Einsatz. Diese diente dem Architekten Florian Köhl, dem Künstler und Architekturtheoretiker Nikolai von Rosen und dem Performance-Künstler John Bock als Instrumentarium, um anhand von Aushängen und Modellen ihr gemeinsames Projekt vorzustellen: Ein Baugruppenhaus, in dem der Architekt für die Künstler sehr individuelle Wohnungen realisierte. Für sie? Oder vielmehr mit ihnen? Oder waren es umgekehrt die Bauherren, die ihre Vorstellungen mit Hilfe des Architekten umsetzten?

Die Sprache spiegelt die Beziehung; so erzählt Nikolai von Rosen, wie Bauherren in den Dialog mit dem Architekten den Konjunktiv einbringen, die Möglichkeitsform: Was wäre, wenn? So öffnen sie dem Reich des Indikativs, des Faktischen und des Vorgegebenen, neue Perspektiven. „Wenn schon bauen, dann wenigstens als Herausforderung“, fasst von Rosen seine Rolle als Bauherr zusammen.

Eine Herausforderung ist eine solche Sicht zweifellos auch für den Architekten. Ist er „schon vorher da und wird dann im Verlauf des Prozesses rausgedrückt“? John Bock, der diese Verdrängung in einer Performance so anschaulich wie vergnüglich darstellt, hat ebenfalls seine sehr eigene Sichtweise auf das gemeinsame Bauen. Er stellt den Künstler als Parasiten dar, der andockt, wo „Wesenspräsenzen im Regelwerk“ aufeinandertreffen. Dieser Begegnung entzieht der Parasit Fragmente, verdaut diese Bruchstücke, bildet sie um und scheidet sie aus. Damit wirkt er auf seine Umgebung ein und setzt weitere Veränderungen in Gang, die idealerweise zu „Revolution und gesellschaftlicher Optimierung“ führen.

So unterhaltsam die Performance ist, so präzise beschreibt sie den Vorgang der Aneignung, der Transformation und der Entstehung von Neuem. In den Worten von AnhLinh Ngo: „Durch das Hinzukommen weiterer Autoren wird die Aufgabe verändert. Das Haus wäre ohne die Künstler so nicht entstanden.“

„Ein neues Verhältnis zwischen Architekt und mitarchitektisierendem Bauherrn“ konstatiert Nikolaus Kuhnert, der darauf hinweist, dass der Architekt seine Rolle und sein Selbstverständnis in dieser geteilten Autorenschaft noch zu finden hat: „Wer hat den Architekten die Zähne gezogen“, fragt er provokativ, denn ganz selbstverständlich sprechen Bauherren und Künstler in der Ich-Form. Der Architekt Köhl dagegen bevorzugt das halb-anonyme, sich als Individuum zurücknehmende Wir.

Der Theoretiker Felix Stalder (Zürcher Hochschule der Künste) erkennt einen Trend, eine Bewegung, die das Verhältnis von Auftraggeber und Dienstleister verändert. Beide begegnen sich als Autoren zunehmend auf Augenhöhe und der Nutzer beansprucht und bekommt zunehmend einen Expertenstatus, welcher bislang dem Architekten vorbehalten war.

Ist diese neue, geteilte Autorenschaft besonderen Umständen geschuldet und den privaten Bauherren oder gar der kreativen Kraft von Künstlern vorbehalten? Oder lässt sie sich auch auf Großprojekte, auf institutionelle Bauherren übertragen, bei denen Effizienz und Profitabilität eine viel stärkere Rolle spielen? Das vorgestellte Baugruppenprojekt ist ein Beispiel im kleinen Maßstab. Konsequent fortgesetzt, erreicht das partizipative Prinzip die städtebauliche Größenordnung: „Wie lässt man in einer Stadt Freiräume zu und bringt damit Dinge zur Entfaltung?“ Oder, mit den Worten von John Bock, zur „Revolution und gesellschaftlichen Optimierung“.

Die vollständige Fassung des Beitrags finden Sie unter www.archplus. net/features: ARCH+ features 13: Geteilte Autorschaft. John Bock, Florian Köhl und Nikolai von Rosen im Gespräch mit Matthias Lilienthal und Felix Stalder

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