ARCH+ 213

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Erschienen in ARCH+ 213,
Seite(n) 4-5

ARCH+ 213

Vorwort – Zum Konzept des Wettbewerbs "Out of Balance – Kritik der Gegenwart"

Von Kraft, Sabine /  Oswalt, Philipp /  Krausse, Joachim /  Weiss, Christian /  Kleefisch-Jobst, Ursula

2012 hatte die Zeitschrift ARCH+ in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau einen recht ungewöhnlichen Wettbewerb ausgeschrieben. Gefragt war eine Kritik der Gegenwart.1 Das Thema konnte, sofern es sich empirisch belegen ließ, selbst bestimmt werden, die Aufgabe bestand darin, die ausgewählten und analysierten Inhalte im Medium des Information Design anschaulich zu vermitteln. Im Konzept des Wettbewerbs kam der politischen Bedeutung des Information Design dasselbe Gewicht zu wie der Wahl des Themas. Zu beidem einige Anmerkungen: 

Thema 

Der kritische Blick auf die Gegenwart wird im neueren Diskurs mit dem Begriff des Anthropozäns2, des Zeitalters der fast vollständig vom Menschen überformten Erde, analytisch gefasst und projektiv gewendet, da sich vor diesem Hintergrund automatisch die Frage stellt, wie wir uns künftig in unserer Umwelt einrichten werden, wo die Grenzen unseres Gestaltungsspielraums liegen, in welchen Zeithorizonten wir planen müssen, inwieweit als Resultat unseres Handelns neue Zwangssituationen entstehen. Die Sackgasse, in der die Industriegesellschaften derzeit stecken, dürfte die schwerwiegendste Herausforderung seit Beginn der Industrialisierung sein, da der Wohlstand, den die fossile Ära gebracht hat, auf dem “Verbrauch” von Vergangenheit und Zukunft basiert, d.h. sich nicht allein den Leistungen der Gegenwart verdankt. Verschärfend kommt hinzu, dass es nicht gelungen ist, diesen Wohlstand gerechter und angemessener zu verteilen, sondern dass Ungleichheit, Benachteiligung und soziale Ausgrenzung wieder zunehmen. Knappe Ressourcen fördern aller Erfahrung nach nicht die Verteilungsgerechtigkeit. Es wäre zu kurz gegriffen, die vom Menschen geschaffene Umwelt auf die physischen Gegebenheiten zu reduzieren und den Begriff des Anthropozäns als Synonym für die massive ökologische Problematik, die die Fortexistenz der Menschheit gefährden könnte, zu verwenden. Die Frage, wie wir uns auf der Erde einrichten werden, ist untrennbar damit verbunden, wie die Menschen ihre Beziehungen untereinander gestalten – und dies umso mehr, als das Zusammenleben auf einem zunehmend dichter besiedelten und vernetzten Planeten Ausgrenzungen nicht mehr erlauben wird. Ob es sich um die Lösung elementarer Versorgungsfragen im Zusammenhang mit Bevölkerungswachstum, Verstädterungsprozessen und Ressourcenverknappung handelt, ob um die Einleitung der Energiewende und das Abpuffern der Folgen des Klimawandels, ob um den Schutz von Biodiversität und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, all diese Aufgaben sind in einer Art und Weise zu bewältigen, die gleichzeitig die sozialen Verhältnisse verbessert und die bestehenden Asymmetrien korrigiert. Man könnte von einem durch die soziale Problematik gesteigerten Schwierigkeitsgrad bei der Lösung der anstehenden Aufgaben sprechen, aber diese Art der Betrachtung würde in die falsche Richtung weisen. Es geht darum, die Chancen zu erkennen, die darin liegen, dass viele Menschen viel vermögen, zu erkennen, welche Implikationen das hat. So kann die im Sinne der Nachhaltigkeit geforderte Transformation des Stoffwechsels Mensch-Natur nur gelingen, wenn dieser Prozess die Gesellschaft selbst miteinbegreift, wenn der soziale Austausch neue Formen der politischen Teilhabe und Verantwortlichkeit hervorbringt – und zulässt. 

Der Wettbewerb wurde in diesem Sinne konzipiert. Er wurde international und offen ausgeschrieben, jeder konnte teilnehmen. Selbstverständlich ging es in einem ersten Schritt um herausragende Einzelleistungen, das ist schließlich der Sinn eines Wettbewerbs, aber was das Ergebnis insgesamt betrifft, so wie es in dieser Publikation vorliegt, formieren sich die eingereichten Arbeiten unbeschadet ihrer unterschiedlichen Qualität und Heterogenität zu einem gemeinsamen Bild, dessen besondere Qualität gerade in der Vielstimmigkeit liegt. Das war auch für die Auslober, die doch davon ausgegangen sind, dass die geforderte Kritik der Gegenwart eine Angelegenheit aller sein sollte, unerwartet. Aber was ist es eigentlich für ein Bild, das da entstanden ist? Eine kritische Bestandsaufnahme der Gegenwart, eine Art Atlas sozialräumlicher Schieflagen, ein ökologisches Schwarzbuch? In Ansätzen ist von allem etwas präsent, doch es trifft nicht den Kern. Die drei genannten Formate benötigen ein Konzept, eine inhaltliche Systematik, die im Vorhinein zu entwickeln und schrittweise auszufüllen wäre und die eine gewisse Vollständigkeit aufweisen sollte. Das alles ist nicht der Fall. Es ist etwas Neuartiges entstanden, das sich einer präzisen Klassifizierung noch entzieht. Durch die Ausschreibung wurde ein Prozess angestoßen, der in seiner Verbreitung unerwartet und in den thematischen Überraschungen nicht vorhersehbar war. Die Wahrnehmung des Wettbewerbs ging weit über die Bekanntmachungen der Auslober hinaus (es registrierten sich für eine Teilnahme über 500 Teams aus 42 Ländern) und die Aufgabenstellung traf offensichtlich auf ein Bedürfnis vorrangig in der jüngeren Generation, das eigene Unbehagen zu artikulieren und “dingfest” zu machen. Die Parallelen dieses Prozesses zum Wachstum des Internets liegen auf der Hand – so wie die selbsttätige Verbreitung des Wettbewerbs auch über das Netz erfolgte. Im Internet organisiert sich Vielstimmigkeit in einer historisch einmaligen Weise, zwar bisher vor allem im Bereich trivialer Kommunikation und im Austausch von Meinungen, aber die jüngeren politischen Ereignisse zeigen, dass sich aus diesem merkwürdigen Gemisch von Informationsvermittlung und subjektiver Kommentierung situationsspezifisch eine politische Kraft formieren kann, die aus der elektronischen in die physische Welt überwechselt und dort in der Lage ist, Lawinen loszutreten – sie zeigen, welch immenses Potential in den neuen Formen der Vielstimmigkeit liegt.

Form

Durch die Aufgabenstellung des Information Design weist der Wettbewerb neben dem Thema oder besser: in notwendiger Ergänzung dazu, eine zweite Besonderheit auf, die ihn von den üblichen Architektur- und Designwettbewerben unterscheidet. Letztere fordern (sofern sie nicht zweistufig sind) dazu auf, Ideen zur Lösung einer Aufgabe zu entwickeln und etwas Neues in die Welt zu bringen, während im vorliegenden Fall der kreative Prozess nicht in der Erfindung liegt, sondern in der Vermittlung, in der möglichst klaren und einfachen Darstellung komplizierter Sachverhalte, die sich aus der Anschauung der Welt und den empirischen Befunden ergeben. Diese Verpflichtung zur Verständlichkeit ist konstitutiv für das Information Design. Sie bedeutet, sich der kommunikativen Aufgabe bewusst zu stellen und hier liegt der große Unterschied gegenüber herkömmlichen Entwürfen. Sie macht aus mehr oder weniger distanzierten Sachbearbeitern Anwälte eines Anliegens, verwandelt (elektronische) Stammtische in Diskussionsforen und sie bringt gleichermaßen die Verpflichtung zu Wahrhaftigkeit und einem sorgfältigen Umgang mit Informationen mit sich. Es ist uns in der Regel kaum bewusst, in welchem Ausmaß unsere physische und geistige Umwelt vom Information Design durchdrungen ist, in welchem Ausmaß wir auf bildliche und zeichenhafte Darstellungen angewiesen sind, um uns zu orientieren, in welchem Ausmaß Visualisierungen zum Verständnis der Welt beitragen und in welchem Ausmaß unser alltägliches Handeln durch sie geprägt wird. Das reicht, was die physische Orientierung betrifft, von Beschilderungen, Leit- und Sicherheitssystemen, Busund U-Bahnplänen, Wetterkarten bis zu Google Map und Navigationshilfen; für die Handhabung und Steuerung von Geräten, Automaten und technischen Gadgets greifen wir zu Bedienungsanleitungen, Reparaturhilfen und spezieller Software; im Verständnis sozialer, politischer und ökonomischer Sachverhalte helfen uns Balken-, Säulen-, Torten- und Kurvendiagramme zu Altersstruktur, Einkommensverteilung, Politikerranking und Sitzverteilung im Parlament, zu Börsenkursen und der Entwicklung von Handelsbilanzen, um nur die prominentesten Beispiele zu nennen, keine Tageszeitung, keine Nachrichtensendung verzichtet auf die tägliche Präsentation von Diagrammen; und was die Organisation des eigenen Lebens betrifft, helfen uns visuell gestaltete Ratgeber zu schlichtweg allem, von Kochbüchern, Leitfäden für Gymnastikübungen und gesundes Leben bis zu jeder Art von Do-it-yourself-Anleitungen – nicht zu vergessen die rasante Verbreitung und Entwicklung immer neuer Apps für die mobilen Geräte, die das Hier und Jetzt, wo immer es sich gerade befindet, bedienen und zeitaufwendige Suchprozesse in Big Data erübrigen sollen. Das Information Design ist nicht etwa von der elektronischen Kommunikation und dem Internet abgelöst worden, im Gegenteil, in die Gestaltung und Fortschreibung des Interfaces zwischen User und Gerät, der Benutzeroberflächen und Bedienelemente ist das grafische Repertoire eingeflossen, das seit der Moderne in dem neu ins Leben gerufenen Feld der "Visuellen Kommunikation" entwickelt wurde. Bildsymbole wie die Icons, die elektronischen Geschwister der Piktogramme, dienen der Navigation, so wie sich aus der Verständigung mit Hilfe visueller Kürzel, die auch Befindlichkeiten ausdrücken können, eine neue, vorerst noch infantil anmutende Bildersprache zu entwickeln scheint, die keine nationalen Sprachbarrieren mehr kennt. Die angeführten Beispiele verweisen auf die wachsende Bedeutung des Information Design in einer sich in ihren globalen Verflechtungen immer unübersichtlicher präsentierenden Welt, unübersichtlich auch in der Überfülle an Informationen, die tagtäglich generiert werden. Es sind nicht nur die alltagspraktischen Anforderungen, die durch Information Design unterstützt werden können, sondern es geht um mehr: um die Transparenz gesellschaftlicher Zusammenhänge, um unsere Weltanschauung und das Verständnis der Gegenwart als Grundlage gesellschaftlichen Handelns. Das ist eine gewaltige Verantwortung. In der Ausschreibung des Wettbewerbs wurde der Fokus auf diese politische Rolle des Information Design gelegt und dafür das Studium des bildpädagogischen Werks von Otto Neurath empfohlen, der in mehrfacher Hinsicht als ein Pionier des Information Design gelten kann. Die grafischen Regeln, die er für die leicht verständliche Visualisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge entwickelt hat, haben auch nach sieben Jahrzehnten nichts an Aktualität und die Grafiken selbst nichts an optischem Charme verloren. Der Hauptgrund für seine Vorbildfunktion aber liegt in der sein Lebenswerk wie ein roter Faden durchziehenden Verknüpfung von Aufklärung und Aufforderung zu politischem Handeln. Der Wettbewerb war ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Die Ergebnisse zeigen eine Organisation von Kompetenz und Vielstimmigkeit jenseits der bekannten demokratischen Mechanismen. Es könnte sich lohnen, ein solches Modell für die Förderung neuer Formen der politischen Teilhabe vor allem der jüngeren Generation zu institutionalisieren. Doch das ist Zukunftsplanung. Jetzt wünschen wir beim Studium der einzelnen Arbeiten Anregung und vor allem Freude an der Fantasie und Vielgestaltigkeit, die sich in diesem Wettbewerb entfaltet hat.  

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