ARCH+ 215


Erschienen in ARCH+ 215,
Seite(n) 2

ARCH+ 215

Jedes Haus ein zerbrochener Spiegel

Von Brandes, Nikolai

Die Biennale in São Paulo würdigt Kunst und brutalistische Architektur aus der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur

Vilanova Artigas’ 1969 fertiggestellte Architekturfakultät für die Universidade de São Paulo bildet den Ausgangspunkt. Fotografien inszenieren eine skulpturale, massive Anlage, zeigen aber auch, wie sich die Studieren­ den das Gebäude zu eigen machten. Ein durchaus beabsichtigtes Ergebnis. Hängematten spannen sich durch große, offene Räume. Selbst Schlafen wird zum öffentlichen Vorgang. Mit der Ausstellung Modos de Atravessar („Formen des Durchquerens“) rekonstruiert das Museu de Arte de São Paulo (MASP), wie die brutalistische Architektur und eine engagierte Kunstszene ab den 1960er Jahren das bürgerliche Brasilien herausforderten. Die Forderung nach offenen und öffentlichen Räumen, gesellschaftlicher Teilhabe und gleichberechtigter Kommunikation prägten dieses Engagement. Die Ausstellung war Teil der Architekturbiennale von São Paulo, die vom 12. Oktober bis zum 1. Dezember 2013 stattfand. Brasilien befand sich in den 1960er Jahren im Aufbruch. Brasília war fertiggestellt und die Modernisierung und Demokratisierung im Land sollte auch über das Ingenieurswesen voran­ getrieben werden. Die erste Generation an Architektinnen und Architekten nach Niemeyer – Vilanova Artigas, Paulo Mendes da Rocha, Lina Bo Bardi – dachte ihre Konstruktionen als Teile öffentlicher, urbaner Infrastruktur. Die Gebäude wurden als wuchtige und ungemütliche Baukörper zum Teil ihres urbanen Umfelds. Das war nicht nur eine Entscheidung für eine kostengünstige und streng nutzungsorientierte Bauweise, sondern auch ein Angriff auf eine verhasste bürgerliche Privatsphäre.

„Jedes Haus von Artigas zerbricht alle Spiegel des bürgerlichen Wohnzimmers“, wird Bo Bardi zitiert. Die Abneigung gegen alles Private teilte auch Mendes da Rocha: „Für einen Architekten ist der Begriff des Raums öffentlich, es gibt keinen privaten Raum. Nicht einmal unser Denken ist ein privater Raum.“ …

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