ARCH+ 215


Erschienen in ARCH+ 215,
Seite(n) 7

ARCH+ 215

Nikola Dischkoff zum Gedenken

Von Wilkens, Michael /  Hoffmann-Axthelm, Dieter

Am 8. Mai 2013 ist nach kurzem Leiden Nikola Dischkoff in Frankfurt gestorben. Damit hat die Zunft der Stadtplaner einen ihrer interessan­ testen, zuletzt aber kaum noch beachteten Reformer verloren. 1970, kaum mit dem Studium in Karlsruhe fertig, sollte der 32jährige Bulgarienflüchtling dort bei der Stadt die Ausschreibung eines Wettbewerbs zum Neubau des „Dörfles“, eines Stücks der strahlenförmig um das Schloss organisierten Altstadt vorbereiten; eines beschränkten (!) Wett­ bewerbs, beschränkt auf die damals bekannten Vertreter des „urbanen Bauens“. Aber Nikola Dischkoff, der noch ganz unerfahrene Hochschul­ absolvent, brachte es fertig, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass man hier einen internationalen Wettbewerb auf höchstem Niveau brauchte. Schließlich ginge es um die Erhaltung dieser wunderbaren Stadt. Er überzeugte auch den Bauaus­schuss und versetzte bald mit seiner Begeisterung das ganze Planungsamt in Aufruhr. Schon sah man selbst Ab­teilungsleiter auf dem Boden der Rathaus­ Korridore herumkriechen, damit beschäftigt, Pläne der Altstadt „für den Nikola“ farbig anzulegen. Auch das Bewertungsverfahren sollte reformiert werden. Statt allein die eingereichten Arbeiten nach ihrer architektonischen Qualität beurteilen zu lassen, sollte deren Nutzwert mit den damals noch neuen Möglichkei­ten der Digitalrechner möglichst objektiv festgestellt werden. Obendrein hatte jeder der Vorprüfer einen Teil der Arbeiten als Verteidiger im Preisgericht zu vertreten. Und dort saßen neben dem Holländer Jacob Bakema die damals noch kaum bekannten Lucius Burckhardt und O. M. Ungers. So wurde die Barockstadt vor ihrer Zerstörung durch ein neues zehngeschossiges Beispiel „urbanen Bauens“ gerettet. Stattdessen lieferten die Gewinner des 1. Preises, die beiden frisch diplomierten Heinz Hilmer und Christoph Sattler, ein erstes Beispiel „behutsamer Stadtreparatur“ mit weitgehender Erhaltung der alten Straßen und des Altbaubestands. Das war 1970, zehn Jahre vor den ersten Beispielen be­hutsamer Stadtsanierung durch die IBA­Alt in Berlin! 1973 erstellte Dischkoff im Auf­trag der Stadt Bonn eine gutachterliche Studie zum „Regierungsviertel“ und erhielt daraufhin von der Stadt das Angebot, die Leitung der „Sonderplanung Hauptstadt“ zu übernehmen. Er zog aber ein gleichzeitiges Angebot der Regionalen Planungs­ gemeinschaft Untermain (RPU) vor, wohl vor allem wegen des von ihm hoch geschätzten Leiters Reinhard Sander. Als es dort, 1976, wieder um die Durchführung eines Wettbewerbs ging, um einen Plan für die Stadterweiterung von Dietzenbach bei Frankfurt, sah Dischkoff darin die Chance, die in Karlsruhe begonnene Reform des Wettbewerbswesens fort­ zusetzen. Mit einer Projektgruppe der Gesamthochschule Kassel entwickelte er einen Zwei­Stufen­Wettbe­ werb: In der ersten Stufe sollten im DIN­A3­Format mit vorgeschriebener Legende gezeichnete Konzeptstudien eingereicht werden, die dann – digital nach Ähnlichkeiten zu sechs oder sieben Lösungstypen sortiert – die wesentlichen Kriterien der Lösungs­ möglichkeiten erkennbar machen sollten. Damit konnte die betroffene Öffentlichkeit die Lösungstypen und ihre Vor­- und Nachteile kennenlernen und diskutieren. Erst wenn man sich auf diese Weise über die Zielvorstellungen bewusst geworden war, sollte in einer zweite Stufe der Plan gefunden werden, der diesen Wünschen am ehesten gerecht wird. Dieses „Dietzenbacher Modell“ war ein voller Erfolg. Doch die Architektenkammer entschied sich, auch nachdem es für die Landeszentralbank in Frankfurt erfolgreich angewandt worden war, gegen eine Zulassung dieses Verfahrens, angeblich, weil darin die künstlerische Handschrift der Architekten unterdrückt würde. 1979 wurde der parteilose Disch­ koff von der Frankfurter SPD zum Planungsdezernenten unter Martin Berg designiert, was dann aber an der Wahl des CDU­Politikers Walter Wallmann zum Frankfurter Ober­ bürgermeister scheiterte. In dieser Zeit propagierte er auch die Idee, den ehemaligen Schlachthof für eine in­nenstadtnahe Stadterweiterung zu nutzen. Der Elan und Optimismus dieser Jahre wurde später durch fami­liäre Nöte gedämpft: Die Frau und Mutter seiner beiden Kinder erkrankte an Krebs und starb schließlich 1993. Seine Schwester, die ihn aus Bulgarien besuchte, verunglückte in Paris schwer und blieb fortan als Behinderte dort. Doch gibt es aus dieser Zeit viele Aufsätze zu städte­ baulichen Themen. Und es gab viele Einladungen, u.a. zum Berliner Stadtforum, an die ETH Zürich, nach New York und daraufhin, ein Jahr später, nach Berkeley. Dabei zeigte er Planungen, die nur von Landvermessern und Entwässerungsingenieuren erstellt worden waren und kritisierte das unnötige Stadtdesign der Architekten, die ohne Grund von den bewährten städtischen Strukturen ab­ wichen und zwanghaft immer Neues erfanden. Doch wer unter einem Titel wie „Stadtplanung: einfach! Konzepte: gewöhnlich!“ veröffent­lichte und nebenbei auch noch als Karikaturist arbeitete, passte offenbar den Feuilletonisten nicht recht ins Bild. Als wir später in einer größeren Veranstaltung an der GH Kassel einen der dort anwesenden international bekannten Stadtplaner fragten, warum er den Karlsruher Wettbewerb nicht als den Beginn der behutsamen Stadterneuerung erwähnt hatte, erhielten wir zur Antwort: Der hätte ja „kulturell keine Rolle“ gespielt. Es scheint so, als ob dem Erfinder dieser Idee das gleiche Schicksal beschieden ist. Ein Grund mehr, sich an ihn zu erinnern.

Michael Wilkens, Dieter Hoffmann-Axthelm  

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