ARCH+ 215


Erschienen in ARCH+ 215,
Seite(n) 16-23

ARCH+ 215

Von Jörn Janssen zu Rossi - Eine hochschulpolitische Affäre an der ETH Zürich

Von Schnell, Angelika

Autonome Architektur versus „Soziologismus“

Die Architekturabteilung der ETH Zürich genießt heutzutage einen ausgezeichneten Ruf und scheint im Gefüge der Schule fest verankert. Freilich erinnert sich Bernhard Hoesli, Vorsteher des Departements von 1968 bis 1972, in einem 1980 publizierten Rückblick auch an andere Zeiten. Er berichtet von teils ablehnenden Positionen der anderen Abteilungen, denen das Fach Architektur als unwissenschaftlich und politisch unberechenbar erschien. Forderungen nach einer Ausgliederung des Studienganges aus der ETH wurden unverhohlen besonders in den Jahren nach 1968 geäußert. Damals sorgte eine hochschulpolitische Affäre an der Architekturabteilung, in deren Zentrum linke Hochschullehrer und insbesondere ein „marxistisches“ Seminar des Berliner Architekten Jörn Janssen standen, für Schlagzeilen in der gesamten Schweiz und bewog in der Folge die Architekturabteilung zu einem deutlichen Kurswechsel. Man wendete sich von einer gerade begonnenen Öffnung für politischen Unterricht wieder ab und strebte stattdessen die vermeintlich reine Fach- und Entwurfslehre an. Dieser Kurswechsel wurde durch einen äußerst geschickten Coup besiegelt. Auf Janssen folgt Aldo Rossi. Mit Rossi wird in Zürich bis heute eine als autonom verstandene Architektur verbunden, die dem „Soziologismus“ unversöhnlich gegenübersteht. So wollte – halb-ironisch – Rossis ehemaliger Assistent Heinrich Helfenstein die eher unscharfe Vorstellung von mehr oder weniger radikal-linken Architekturlehrern, die sich auf sozial- und wirtschaftspolitische Aspekte des Bauens konzentrieren statt Entwurf zu lehren, auf den Begriff bringen. Mehrere Publikationen, die hauptsächlich auf Erinnerungen ehemaliger Wegbegleiter Rossis fußen, haben seitdem geschildert, wie die „Macht der Soziologen“ und das geistige und künstlerische „Vakuum“, das die Architekturausbildung an der ETH Zürich und sogar die Architektur der ganzen Schweiz zu beherrschen schien, durch Rossi überwunden wurde. Rossis charismatische Persönlichkeit und seine rigorose, ausschließlich auf Architektur bezogene Entwurfsauffassung, die er vermittelte, indem er die Studenten dazu anhielt, zu zeichnen, zu zeichnen und abermals zu zeichnen, begründeten nach Auffassung vieler den Mythos vom Beginn der autonomen Architektur in der Schweiz und damit auch das bis heute anhaltende Renommée der Architekturabteilung der ETH Zürich. …

 

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