ARCH+ 215


Erschienen in ARCH+ 215,
Seite(n) 66-71

ARCH+ 215

Atelier Kempe Thill & baukuh & GRAU: 900 km Nile City

Von Atelier Kempe Thill /  baukuh /  Tajeri, Niloufar

Der strategische Entwurf 900 km Nile City geht auf eine 2009 gestartete Forschungskooperation zwischen dem Berlage Institut (Niederlande) und der Universität von Assiut (Ägypten) zurück. Er wurde von Pier Paolo Tamburelli (baukuh) und Oliver Thill (Atelier Kempe Thill) betreut. Im weiteren Verlauf wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit weiteren Büros an exemplarischen Orten entlang des Nils weiterentwickelt und konkretisiert. Als Forschungsobjekt wurde die durchgängig besiedelte Flussoase analysiert, die sich als schmaler Streifen über 900 km entlang des Nils zwischen Kairo im Norden und Assuan im Süden Ägyptens erstreckt. Der Landstrich wurde noch nie zuvor in dieser Art als Siedlungsraum untersucht, obwohl seiner Existenz von alters her eine besondere Wichtigkeit zukommt. Der Nil ist der Versorgungskanal Ägyptens, der, dank eines klugen Bewässerungssystems, 12.000 qkm landwirtschaftliche Nutzfläche inmitten der Sahara bereitstellt. Der lineare Siedlungsraum mutet zwar ländlich an, weist statistisch aber eine erstaunlich urbane Dichte von 2.166 Menschen/qkm auf. Traditionell städtische Funktionen wie öffentliche Plätze sowie repräsentative Kultur- und Sakralbauten sind entweder nicht oder nur rudimentär vorhanden, notwendige Infrastruktur ist nicht flächendeckend gegeben und generische, unfertige Wohnbauten zersiedeln die Landschaft. Mit anderen Worten: Es ist ein gigantisches Dorf mit 26 Millionen Einwohnern, das mit einem rasanten Wachstum kostbare Ackerfläche aufzubrauchen droht. Die wirtschaftliche und historische Bedeutung dieses Landstrichs für Ägypten steht in keinem Verhältnis zu seinem vorindustriellen Entwicklungsstand. Die extremen geografischen Bedingungen – der 10-15 km breite Streifen ist beidseitig von Wüste begrenzt –, die daraus resultierende Knappheit der landwirtschaftlichen Nutzfläche sowie die wachsende Bevölkerungsdichte erfordern jedoch neue, nachhaltige Strategien für die Bebauung und Bewirtschaftung der Fläche. Die Hauptfrage, mit der sich die Architekten in ihrer Analyse beschäftigten, lautete daher: Wie kann die postindustrielle Transformation der Region ohne den Umweg über die Industrialisierung und ohne Zuhilfenahme von veralteten Planungsinstrumenten in die Wege geleitet werden? …

 

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