ARCH+ 215


Erschienen in ARCH+ 215,
Seite(n) 124-127

ARCH+ 215

Ideologiebewusstsein und Innovation

Von D´Hooghe, Alexander

Generische Monumente für alle

Innovation beschränkt sich in der Architektur heute nicht mehr allein auf die Einführung neuer Technologien und Materialien oder gar konzeptuelle Erfindungen. Sie ist vielmehr auch eine Frage des Bewusstseins über die Kontinuität bestimmter Ideologien in der Architektur, kurz des Ideologiebewusstseins. Diese Ideologien, die sich sowohl in den ästhetischen Konventionen manifestieren als auch in den Glaubenssätzen, die ihnen zugrunde liegen, gehören zu den letzten beständigen Positionen in einer zunehmend unbeständigen Gesellschaft. Ohne Weiteres können diese Ideologien Jahrzehnte überbrücken und zusammenhängende Traditionslinien bilden. Jede neue Generation von Architekten möchte Architektur und Stadtplanung einen Sinn verleihen. Meist basiert dies auf einer idealistischen Haltung, die Kritik an der Entfremdung und Instabilität der modernen Gesellschaft übt. Diese Ideale gleichen sich jedoch von Generation zu Generation. Und auch die Formen, mit denen wir diesen Idealen zum Durchbruch verhelfen möchten, ähneln einander. In solchen Fällen tun wir nichts anderes, als einen seit Generationen andauernden Diskurs aufzugreifen und fortzuschreiben, auch wenn wir glauben, eine völlig neue Position erfunden zu haben. So gesehen würde Innovation nur aus einem Bewusstsein für unsere ideologische Position erwachsen können. Denn nur dann wären wir in der Lage, uns von den Zwängen dieser Ideologie zu befreien oder zumindest den Diskurs, in dem wir gefangen sind, präziser und mutiger anzugehen. Nennen wir einmal ein Beispiel: Es gibt in der Architektur die Tradition, geradezu besessen nach neuen Graden architektonischer Komplexität und Variabilität zu suchen, wie sie sonst nur die Natur, vor allem die Pflanzenwelt hervorbringt. Von der Architektur der Neugotik bis zum Jugendstil, von den Ornamenten des Sozialistischen Realismus über die komplexen geometrischen Muster der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit bis hin zum gegenwärtigen Faible für parametrische Entwürfe und komplexes 3D-Prototyping gibt es eine große formale Kontinuität in der Produktion von komplexen, nicht rechtwinkligen Formen. Es geht dabei stets um die Vorstellung von Wachstum, Entwicklung und Musterbildung. Leblose Materie soll wie etwas natürlich Gewachsenes aussehen. Alle diese Bemühungen offenbaren ein Bedürfnis nach einer vitalen, organischen Architektur. Dieses Bemühen bringt ein Unbehagen an einer Gesellschaft zum Ausdruck, die allein auf Effizienz, Rationalisierung und Ökonomisierung, kurz: auf eine instrumentelle Vernunft setzt, die zu immer größerer Entfremdung führt. Je weiter sich die Gesellschaft im Zuge einer fortschreitenden Technisierung von der Natur entfernt, desto stärker scheint die Zahl der Versuche zuzunehmen, durch ästhetische Strategien wieder zu ihren Werten zurückzukehren. Man könnte von einer Traditionslinie des „Organizismus“ in der Architektur sprechen. …

 

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