ARCH+ 214


Erschienen in ARCH+ 214,
Seite(n) 12-13

ARCH+ 214

Editorial: Hardcore-Architektur

Von Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

ARCH+ versucht immer wieder über die einzelnen Ausgaben hinweg eine Argumentationslinie aufzubauen. So haben wir uns in der Ausgabe „Think Global, Build Social!“ mit den Folgen der Kritik an der Moderne auseinandergesetzt, die spätestens seit den 1960er Jahren aufhörte, eine einheitliche Bewegung mit einem absoluten Wahrheitsanspruch zu sein. Die Erkenntnis, dass es in der Architektur keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, war geprägt durch die gegenkulturelle Suche nach einer anderen Gesellschaft und nach einem neuen Typus von Macht, die sich stark auf das Selbstverständnis der Disziplin auswirkte: nämlich die Infragestellung der Autorschaft des Architekten sowie ein neues dialogisches Berufsbild. Mit der Ausgabe und der von Andres Lepik kuratierten Ausstellung „Think Global, Build Social!“, die derzeit im Az W in Wien zu sehen ist, haben AzW, DAM und ARCH+ dieser wichtigen Richtung der Gegenwartsarchitektur eine Plattform geboten, die den Prozess und die Partizipation zum Inhalt der Architektur macht. Als Antwort darauf haben wir im nun erschienenen Doppelheft ARCH+ 214 „Hardcore-Architektur 1“ und ARCH+ 215 „Hardcore-Architektur 1“ eine neue Generation von Architekten vorgestellt, die nach der Dominanz soziologischer und technologischer Fragestellungen im Architekturdiskurs der letzten Jahrzehnte wieder die intellektuelle Potenz der Form in den Vordergrund stellt. Genauer gesagt setzen diese jungen Architekten auf das Potential der architektonischen Setzung und ihrer Wirkung im Kontext. Sie knüpfen dabei bewusst an historische Traditionslinien an und betonen die Eigengesetzlichkeit der Architektur. Die Anhänger dieser Position betonten die disziplinären Grenzen der Architektur, indem sie sich bemühen, den Kern der Disziplin herauszuarbeiten. Seit den 1960er Jahren scheinen sich alle Strömungen der Architektur zwischen diesen beiden gegensätzlichen Positionen zu bewegen, die, so der italienische Architekturtheoretiker Manfredo di Robilant, der Trauerarbeit um den „Tod der Götter“ in der Architektur entspringen, der Erkenntnis also, dass es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt. Di Robilant findet dafür zwei sehr sprechende Bilder: „Bei der ersten Position erkannte der Architektenklerus, dass die Welt keine Götter mehr hatte. Deshalb gaben sie vor, Laien zu sein und versuchten, sich in der agnostischen Menge zu verstecken.“ Bei der zweiten Position erkannte der Architektenklerus ebenfalls, dass Gott tot ist. Ihre Reaktion darauf ist aber gegensätzlich: „Sie gaben vor, selbst Götter zu sein und versuchten, sich von der agnostischen Menge abzugrenzen.“ Politik versus Form? Damit sind die beiden Pole abgesteckt, die letztlich den unfruchtbaren Gegensatz von Form und gesellschaftlichem Gebrauch aufspannen. In der Ausgabe „Think Global, Build Social!“ haben wir mit der Betonung des Gebrauchs einen Ausweg aus diesem falschen Gegensatzpaar von Politik versus Form aufzuzeigen versucht. Denn diese Dichotomie, so Angelika Schnell, „macht aus Architekten politisch bewusstlose Technokraten oder Ästheten. Umgekehrt geht sie davon aus, dass gesellschaftspolitisches Engagement in der Architektur gleichbedeutend mit Verachtung für ästhetische Fragen sei.“ Mit den beiden vorliegenden Ausgaben betonen wir den Aufbruch, den Möglichkeitsraum, den die kritische Auseinandersetzung mit der Moderne für die heutige Architektur eröffnet hat. Die Architektur der Stadt: Das nicht gehaltene Versprechen Der kulturelle Aufbruch der Architektur in den 1960er Jahren, der sich maßgeblich mit den Namen Rossi, Ungers und Venturi verbindet, zielt vor allem auf ein neues Verständnis von Stadt. In ihrem Beitrag Die Architektur der Stadt: Das nicht gehaltene Versprechen setzen sich die Architekten des Mailänder Büros baukuh mit Rossis theoretischem Vermächtnis in bisher ungekannter Klarheit auseinander: „Die Komplexität der Stadt geht logischerweise jeder Architektur voraus: Das ist die fundamentale These von Die Architektur der Stadt. Die Stadt ist nur fassbar, wenn man sie nicht zerlegt. Die einzelnen urbanen Tatsachen lassen sich nur in ihrer wechselseitigen Beziehung verstehen, nur innerhalb des Stadtsystems. Die Architektur ist also von Anfang an gezwungen, die Pluralität der Stadt zu berücksichtigen. Die Stadt, als Totalität, als Welt, geht den einzelnen Gebäuden voraus.“ Anders gesagt: „Architektur setzt Stadt voraus.“ Das Einfache das Komplexe. Gleichgültig ob man dieser Wende des Architekturdiskurses folgt oder nicht: Mit Die Architektur der Stadt und seinen frühen Projekten hat Rossi eine Weichenstellung im Architekturdiskurs vollzogen, die zentrale Dogmen der Moderne in Frage stellte. Diese Weichenstellung wirkt bis heute nach. Gleichzeitig bleibt jedoch weiterhin ungeklärt, wie der Übergang von der Stadt zur Architektur, vom Komplexen zum Einfachen methodisch zu bewerkstelligen sei. Und daraus folgern baukuh, dass „die kopernikanische Wende Aldo Rossis genau an dieser Stelle [scheitert]“, also am Fehlen einer Entwurfstheorie, die den Übergang von der Stadt zur Architektur, vom Komplexen zum Einfachen meistert. Diesem Dilemma sucht die junge Generation zu entkommen. Ob es mit ihrem Geschichtsverständnis gelingen wird – die Befreiung der Form aus den Fesseln vorgegebener Bedeutung, das Arbeiten mit generischen Zeichen, die sich erst im Gebrauch mit Bedeutung füllen, d.h. in der konkreten Situation, im besonderen Kontext –, darüber wird zu streiten sein. Grundsätzlich bleibt aber festzuhalten, dass es dieser Generation um die Rückkehr zu Kernfragen der Architektur geht. Dazu gehört die Frage der Monumentalität, deren generischer Charakter das Neue an dieser Wendung der Monumentalitätsdebatte ist. Damit sind die Positionen zwischen der Architekten-Architektur und ihrem Widerpart abgesteckt. Aber es zeigen sich überraschende Berührungspunkte. Sie liegen darin, wie man die Gebrauchstheorie auch auf die Stadt anwendet. Diese Differenz verbindet und unterscheidet zugleich die sich ansonsten so fremden Richtungen der Gegenwartsarchitektur. Weil dem so ist, haben wir diese zweiteilige Ausgabe und die vorangegangene so konzipiert, dass diese Differenz im Umgang mit der Gebrauchsfrage spürbar wird. Darüber wird zu streiten sein. Positionieren muss man sich angesichts dieser Ausgaben in jedem Fall.

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