ARCH+ 214


Erschienen in ARCH+ 214,
Seite(n) 14-27

ARCH+ 214

Die Architektur der Stadt - Das nicht gehaltene Versprechen

Von baukuh

1966 veröffentlichte Aldo Rossi Die Architektur der Stadt. Das mindeste, was sich dazu sagen lässt, ist, dass es ein Buch voller Mängel ist: konfus, voller Redundanzen, ohne klare Aussage. Und dennoch setzte sich Rossis Buch mit der Zeit durch – ohne dass jemand genau wüsste warum – als Grundlagentext, ja sogar als Klassiker. Die französische Architekturhistorikerin Françoise Choay hat Die Architektur der Stadt 1988 als eine „Blütenlese der Absurditäten“ bezeichnet. Was hier wahrscheinlich als reiner Affront gemeint war, enthält jedoch ein zutreffendes Urteil, das eine wesentliche Eigenschaft von Rossis Buch erfasst: Es ist tatsächlich eine Blütenlese, eine Sammlung disparater Elemente, die zusammen ein Bild ergeben, das schemenhaft erscheint, ohne sich zur Gänze zu enthüllen. In dem Buch wird tatsächlich keine präzise Theorie formuliert, keine Methode dargelegt, vielmehr entdeckt Rossi irgendetwas. Hier und da tauchen Fragmente auf (oft lapidare, zusammenhanglose Sätze), die scheinbar einen völlig neuen Horizont für die moderne Architektur eröffnen. Allerdings bleibt der neue Sinnzusammenhang, ganz gleich wie kategorisch er dargelegt wird, ziemlich unklar. Die Architektur der Stadt ist ein seltsames Buch: Einerseits kann man es nicht beliebig interpretieren, anderseits ist es nicht einfach, alle Teile zusammenzufügen. Das Buch bildet eine Landschaft, in der sich Unschärfe und Klarheit abwechseln. Man ist versucht, Die Architektur der Stadt wie eine Stadt zu lesen, die aus diffusen, ja sogar ziemlich mittelmäßigen Vierteln und regelrechten Monumenten besteht. Wenn man derselben These folgt, die Rossi zu formulieren vergessen hat, ist Die Architektur der Stadt ein aus Einzelteilen zusammengefügtes Buch. Diese fragile theoretische Konstruktion, die im Buch nur angedeutet bleibt, wird von Rossi – der bald darauf (mit dem Friedhof von Modena) eine neue und weniger interessante Schaffensperiode beginnt – nicht weiterentwickelt. Rossis spätere Karriere ist, aus der Perspektive dessen, was sie 1966 versprach, ziemlich enttäuschend. Gelegentlich taucht in seinem Werk noch eine merkwürdige Größe auf (wie beim Hotel in Fukuoka oder beim Theater Carlo Felice in Genua), aber insgesamt ist es nicht das, was man sich von Rossis weiterem Weg hatte versprechen können. Alles gleitet ins Autobiographische ab. Kollektive Gespenster werden zu privaten Gespenstern. Die Figuren der Erinnerung werden nicht mehr geteilt, sie sind der Abnutzung durch die Sprache, dem Verrat an der Bedeutung unterworfen. Dieser Text unternimmt den Versuch, den verworrenen Aufbau und die mögliche Weiterentwicklung von Rossis theoretischem Hauptwerk zu verstehen, auch unter Berücksichtigung der Fehler, die letztendlich dazu führten, dass das Buch sein Potential nicht voll entfalten konnte. Das Buch enthält nämlich etwas, das verloren gegangen ist. Wir haben das Recht, es wieder aufzuspüren. …

 

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