ARCH+ 214


Erschienen in ARCH+ 214,
Seite(n) 110-113

ARCH+ 214

Dogma: Stop City - Forschungsprojekt, 2007

Von Aureli, Pier Vittorio /  Tattara, Martino

In einem 2005 publizierten, bewusst provokanten Text spricht der italienische Philosoph Paolo Virno von einem Faschismus der Gegenwart: Er sieht diesen in der Art und Weise, in der die Wirtschaft sich jegliche Form von Subjektivität aneignet, um sie für ihre Wachstumsideologie einzusetzen. Virno zufolge überwindet sie die früher „top down“ organisierte Machtstruktur und setzt stattdessen auf eine Zersplitterung der Macht. Daraus erwächst das Gefühl einer existenziellen Instabilität, das dem großstädtischen Leben zugrunde liegt. Virno deutet diesen zeitgenössischen Faschismus als den „Zwillingsbruder“ der radikalen gesellschaftlichen Veränderung, die die Krise der modernen Arbeitswelt, dem Ende der fordistischen Produktionsweise in den westlichen Industriestaaten, hervorgegangen ist. So hat sich der zeitgenössische Faschismus zu einem politischen Mechanismus entwickelt, der zur Organisation jener informellen gesellschaftlichen Strukturen eingesetzt wird, die sich einer klaren Kategorisierung entziehen. Die Wirtschaft erweitert ihre Möglichkeiten von Steuerung und Wachstum heute im Rahmen der fortschrittlichsten Formen von „bottom up“ organisierter Kreativität, Partizipation und Informalität. Nur wenn wir – als Architekten und Planer – die zutiefst politische Natur dieses sozialen Zusammenhangs begreifen – und die Art und Weise, wie Flexibilität zum mächtigsten Kontrollmittel über die Stadt und deren Konflikte geworden ist –, sind wir womöglich in der Lage, die Konjunktur des Konzepts eines „informellen Urbanismus“ kritisch zu betrachten. In diesem Konzept steckt eine Ideologie, die darauf abzielt, die im Kapitalismus herrschende ungleiche Verteilung – ein Resultat der systematischen Politik der Deregulierung und des Laissez-faire – als die natürliche, „spontane“ und somit akzeptable Entwicklung der Stadt erscheinen zu lassen. …

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