ARCH+ 221

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 188-189

ARCH+ 221

Thilo Hilperts Jahrhundert der Moderne

Von Petruschat , Jörg

Wie erzählt man das „Projekt der Moderne“, wenn doch seine Geschichte keine Linie mehr ergibt? Es weht kein Sturm vom Paradies mehr her, der uns die Flügel hebt, „das Antlitz der Vergangenheit zugewendet“, auf etwas starrend, von dem wir uns entfernen. Die historischen Missionen haben ausgedient.

Es ist ein Glücksfall, dass Thilo Hilpert sich entschlossen hat, Essays und vielfältige Texte aus seiner theoretischen und historischen Arbeit jetzt in einem Buch zusammenzufassen, einem Buch, das er „Jahrhundert der Moderne“ nennt. Und es ist eine der großen Überraschungen beim Aufschlagen dieses Buches, beim Betrachten seiner Gliederung und vor allem dann beim Lesen, wie gerade diese Texte aus verschiedenen Zeiten es sind, die der Komplexität des Projekts Moderne in Städtebau und Architektur gerecht werden, es aufschließen, gerade weil sie aus unterschiedlichen historischen, persönlichen und sachlichen Perspektiven fragen, analysieren, kommentieren. Städtebau und Architektur sind komplexe Phänomene, es ist angemessen und geradezu geboten, sie aus verschiedenen Perspektiven und historischen Horizonten zu erschließen. Eindimensionale Narrative wären hier ohnehin fehl am Platze.

Das Buch enthält 22 Texte, der erste 1978, der letzte gerade eben erst fertig gestellt. Es ist gerade keine „Werkschau“, kein Archiv, keine Übersicht über das, was Hilpert in 37 Jahren theoretischer und historischer Arbeit vorgelegt hat. Die Texte wurden überaus klug aus der biographischen Logik ihrer Entstehung herausgelöst und – wie Facetten – neu zusammengefügt in sieben thematischen Kapiteln. Diese heißen: „Die Metropole“, „Die Funktionelle Stadt“, „The International Style“, „Growth and Change“, „Die Architektur der Stadt“, „Intelligent City“ und „Blue Planet“. Das Wunder besteht darin, dass diese überaus glückliche und gelungene Gliederung völlig bruchlos eine Geschichte dieses Jahrhunderts der Moderne ergibt. Auf eine Weise, als hätte es dafür vorab einen geheimen Plan gegeben, den der Autor bisher nur diskontinuierlich abgearbeitet hätte. Nichts da: Die Texte bringen eine Vielfalt, Qualität und Detailtiefe auf den Tisch, die mit einem monographischen Werk – oft in einem Zug verfasst und bloß einer Logik folgend – nur äußerst schwer zu erreichen sind.

Diese Geschichte von Städtebau und Architektur in all der Vielfalt ihrer 62 Perspektiven wird zusammengehalten durch ein Grundthema: Was sind uns die Utopien wert, was sind uns die weit auf Zukunft gestellten Entwürfe für die Städte in Europa und der Welt, was sind uns deren Architekturen wert? Wie kann aus dem, was geschehen, geplant, gebaut und projektiert wurde, die andere Möglichkeit erkannt und formuliert werden, jenes Andere, das in der historischen Logik der vergangenen  Zeit zwar formuliert und erahnt, nicht aber erschlossen und umfassend in eine lebendige Realität hat verwandelt werden können?

Einführend schreibt Hilpert: „Eigentlich ist es schon ein Allgemeinplatz zu sagen, man betreibe Geschichte, damit man nicht gezwungen ist, alte Fehler zu wiederholen. Aber vielleicht betreibt man Geschichte vielmehr, um alle positiven Leistungen des vergangenen Jahrhunderts zusammenzufassen. Vielleicht sogar wird es zur Aufgabe des kommenden Jahrhunderts, sie zu einer Überlebensstrategie zu bündeln.“ Das Buch beginnt mit einem Essay, der die architektonischen und urbanistischen Visionen der Weltausstellungen zwischen 1900 und 2000 fulminant als „Zeitmaschinen der Modernität“ vorstellt. Und es endet mit einem Essay, der ebenfalls utopisch fokussiert ist – er handelt vom klimatisierten Raum, von mobiler Architektur, extraterristischen Positionen und der Architektur von „one World“; während ganz am Ende, nach allem Text und Bild, eine weiße Doppelseite das Buch abschließt, kommentarlos, mit nur vier Zeichen: +2º C.

Hilpert betreibt geschichtliche Analyse und Forschung vor allem aus zwei Gründen: Ohne Geschichte gibt es, wie er selbst schreibt, keine Möglichkeit, „die unbewussten Neuerungen eines Vorgängers zu verstehen und zu verallgemeinern“. Der analytische Blick auf die Geschichte ist ein Plädoyer für die Theorie von Städtebau und Architektur wie Hilpert sie versteht. Im historischen Blick kann die Analyse tiefer eindringen als es den Akteuren in ihrer Gegenwart je möglich gewesen wäre. Der aufgeklärte Blick zurück kann aus dem Gewebe der historischen Konstellationen jene Elemente isolieren, betonen, zu Tage fördern, die dem Analysten sowohl für das Selbstverständnis von Architektur und Urbanistik seiner eigenen Gegenwart wie auch für das Prospekt seiner Zukunft bedenkens- und aufhebenswert erscheinen. Theorie ist dem Verfasser weniger eine systematische Angelegenheit als vielmehr ein Denk-, Vorstellungs- und Projektionsraum, dessen Begriffe und Zusammenhänge historisch generiert werden und die durch ihre historische Verankerung legitimiert sind. Theorie ist ihm keine Konstruktion jenseits von Geschichte. „Das werden die Couturiers der Architekturform nie verstehen: Die Kraft formaler Innovation beruht auf dem Austragen der Spannung, die die Sehnsucht nach dem großen Anderen auferlegt, abfordert. Nur wer von einem eigenen theoretischen Konzept ausgeht, kann neue Formen entfalten – nicht derjenige, der neue Formen sucht.“ Und zweitens verfügt Hilpert über eine unter Theoretikern wie Historikern seltene Gabe: „Natürlich erzähle ich gern Geschichten. Doch es sind kritische Geschichten, die nie als legitime Praxis des Gestalters anerkannt wurden.“ Tatsächlich liegen in seinem Talent und seinen Fähigkeiten, genau diese Geschichten zu erzählen, ja ihnen überhaupt nachgegangen zu sein, sie aufgespürt zu haben, die für mich faszinierendsten Aspekte dieses Buches, das aus einer überaus reichen, oft intimen Kenntnis von Ereignissen und Personenkonstellationen schöpft.

Eher nebenher hat Thilo Hilpert das Projekt der Moderne für historisch erklärt, einfach indem er es auf die Jahre zwischen 1904 und 2016 eingrenzt. Das Buch endet 2016 mit der „Utopie vom blauen Planeten“ und es beginnt 1904, dem Entstehungsjahr der New Yorker Subway, dem Geburtsjahr von Julius Posener, Egon Eiermann, Giuseppe Terragni, Eduard Ludwig – alles Architekten und Theoretiker, die der Autor zur Generation der Schüler und Söhne der klassischen Moderne zählt, und die, wie Hermann Henselmann, Ernst Neufert, Nikolaus Pevsner, Pierre Vago, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges „militant“ hervortreten, „eigenständig, auch diffuser in den Ansichten mit weit weniger Aussicht auf Realisierung“ als ihre „Väter“ und zu denen eben auch die späteren Paladine Hitlers Friedrich Tamms und Albert Speer gehören. Thilo Hilpert gehört einer noch späteren Generation an. Der Beginn seiner theoretischen Arbeit fällt in die Zeit der Auflösung moderner Intentionen, in die Zeit, in der die Frage auf den Tisch kommt, ob die Postmoderne bloß eine späte Moderne ist, ob sie deren Verfall darstellt, oder ob sich in ihr bereits etwas ankündigt, dem man sich zwar bequem überlassen kann, aber eben auch nicht einfach überlassen sollte. Er surft nicht auf der Welle, die man vor noch zehn Jahren den Zeitgeist nannte. Sein Verhältnis zur Geschichte ist nicht oberflächlich, ihn interessieren die tief liegenden Muster von Gesellschaft, Politik, Kultur, Technologie, Kunst, aus denen heraus die Modelle für die Stadt, die generativen Muster für die Architektur entstehen.

Selbstverständlich taucht im Buch immer wieder Le Corbusier auf; schließlich ist Hilpert mit seinen Studien zu Werk und Wirkung dieses Architekten im internationalen Diskurs von Urbanistik und Architektur zu einer maßgeblichen Stimme geworden. Und selbstverständlich schwingt dabei eine Faszination für Genie und Radikalität mit, gemischt mit dem Willen, den Irritationen nachzugehen und sie aufzuklären, die das Leben Corbusiers aus der Sicht der Nachgeborenen kennzeichnen. Aber Thilo Hilpert eröffnet uns weit mehr als dies: Er bettet diesen Protagonisten in ein Netzwerk anderer Protagonisten und Konstellationen ein, setzt dessen Leistungen und Denken ins Verhältnis zu den architektonischen und städtebaulichen Entwürfen seiner Mitakteure und Zeitgenossen. „Le Corbusier hat aus kollektiven Arbeitsformen ein Autorenwerk gemacht. [...] Hinter dem Pseudonym Le Corbusier steht mehr als nur ein Person, [...] dort findet sich eine ganze Tendenz der Architektur, eine Gruppe, ein Atelier, Schulen, Anhänger [...]“

Natürlich wissen wir, dass Hannes Meyer, gerade Direktor am Bauhaus geworden, Städtebau und Architektur auf eine Formel bringen wollte, die alles formal schwer kontrollierbare an ästhetischer Ordnung überwinden möchte. Und natürlich wissen wir, dass Le Corbusier etwa zu derselben Zeit das Mundaneum entwarf und in diesem Entwurf – im Gegensatz zu Meyer – dem Wert von Komposition, Proportionalität und Kunst für die Architektur nachfragte. Aber was wissen wir von dem Aufsatz des berühmten tschechischen Avantgardisten Karel Teige, der Meyers Positionen gegen die Auffassungen von Corbusier verteidigte? Und wer wusste dies: „Es gab Beifall von der falschen Seite für Hannes Meyers Verteidigung des ‚Bauens‘. Vor allem von Seiten der Rechten, der Zukurzgekommenen, die schon immer den ‚Pfusch‘ der Modernen moniert hatten und mit Hitler nach oben drängten (man denke nur an den Konflikt zwischen Erich Mendelsohn und Ernst Sagebiel).“

Natürlich wissen wir, dass die Moderne einfach und rational ist, aber worin unterscheidet sich die Einfachheit eines Le Corbusier von der Einfachheit eines Mies van der Rohe?

Natürlich kennen wir die Metabolisten und Archigramm, aber erinnern wir uns auch noch daran, das Eckhard Schulze-Fielitz, dessen Idee der Raumstadt mit dem urbanisme spatiale des Yona Friedman parallel ging, in engsten Verflechtungen stand zur Stadtvision von New Babylon, die Constant und Guy Debord in den Publikationen der Situationisten entwickelten? Aber auch: Was haben wir Oswald Mathias Ungers zu verdanken – nicht nur an Bauten, sondern vor allem auch an Diskursqualität?

„In der üblichen Vermittlung von städtebaulichen Theorien werden Projekte meist als illustrierte Äußerungen einer persönlichen Idee abgehandelt. Sie sind jedoch nicht einfach nur als eine ins Räumliche projizierte, persönliche Theorie zu verstehen. Sondern sie waren raumplastische Stellungnahmen zu den Entwicklungstendenzen einer neuen städtischen Umwelt und ihrer Dynamik“, schreibt Thilo Hilpert aus der Perspektive von 1981.

Es ist Hilperts Blick auf die wichtigen und nicht nur auf die spektakulären Projekte, die dem Buch einiges an Substanz geben, das nur hier und nicht auch anderswo zu lesen ist. So der längere Text zu Egon Eiermanns Versandhaus für die Neckermann AG, an dem der Autor gleich mehrere Aspekte moderner Architektur entfaltet: Es ist zu Beginn der 1960er-Jahre das größte Gebäude Europas; für seine Fertigstellung wurden circa 1.000 Arbeiter beschäftigt – „davon 200 Italiener“; die extrem kurzen Bauzeiten als Funktion der Kapitalverwertung; die „politische Symbolik des Versandhandels für das Lebensgefühl im Nachkriegsdeutschland“; die formale Behandlung des Baukörpers als Reminiszenz an die Dampferarchitektur; die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur im Gebäude („Die beiden Treppentürme [...] schaufeln zu Arbeitsbeginn an die 4.500 Beschäftigte in die Geschosse“); die konzeptionelle Auseinandersetzung zwischen den „Schulen“ Ernst Neuferts und Egon Eiermanns; die Entflechtung von Information und mechanischen Netzen hin zu einer funktionsneutralen Architektur; die ersten Integrationen von Raumplanung und elektronisch gesteuerten Prozessen (die IBM-Anlage „erfasste schon den gesamten Betriebsablauf vom Eingang des Kundenauftrags über die Lagerhaltung bis zur Zusammenstellung der Lieferung und der Erstellung von Rechnungen und Versandpapieren“); und nicht zuletzt: Eiermann ereilte während der Umsetzung des Baus ein Herzinfarkt, eine „Managerkrankheit“, die seinerzeit „plötzlich aufgekommen war und sich sprunghaft verbreitete“.

Übervoll ist das Buch mit Geschichten und mit Namen, die in den üblichen Erzählungen der Moderne an den Rand gedrängt werden oder gar nicht auftauchen, weil die üblichen Narrative auf die großen Namen fokussieren und allzu oft die anderen überblenden, die den großen Namen ihre Größe zu relativieren drohen und doch zum Verständnis ihrer unbenommen großartigen Leistungen erst beitragen. Wir stehen nicht nur auf den Schultern der anderen, wir leben von unserer Gegenseitigkeit.

Ich hätte mir ein Personen- und ein Sachregister gewünscht. So müssen also alle, die ins 21. Jahrhundert wollen und deshalb an den unerledigten Vorstellungen von Städtebau und Architektur im 20. Jahrhundert interessiert sind, die die Akteursnetzwerke der europäischen Architektur und Urbanistik des 20. Jahrhunderts studieren, das Vorbild ihrer Diskurskultur und die übervielen thematischen Verästelungen, Details und Zusammenhänge erschließen möchten, eben hindurch durch die 2,3 Kilogramm dieses Buches. Keiner, der in Europa etwas zu diesen Dingen sagen will, kommt daran vorbei.

 

Thilo Hilpert: Century of Modernity: Architektur und Städtebau. Essays und Texte 

Wiesbaden: Springer-Verlag, 2015

547 Seiten

ISBN 978-3658070427

 

99,99 €

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!