ARCH+ 223


Erschienen in ARCH+ 223,
Seite(n) 237-252

ARCH+ 223

ARCH+ features 41: Peter Grundmann

Von Grundmann, Peter /  Ngo, Anh-Linh

Anh-Linh Ngo: Bei Deinen Projekten spielen verschiedene Begriffspaare eine tragende, schöpferische Rolle: zum einen das Verhältnis von „Kontext und Setzung“, zum anderen die Frage des Umgangs mit „Mangel und Qualität“. Auch die Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen „Natur und Kultur“ oder „Kunst und Politik“ prägt Deine Arbeit kontinuierlich. Der Umgang mit diesen Begriffen lässt an die Sprachtheorie denken, die ARCH+ in den letzten Jahren anhand der jungen Generation neu interpretiert hat, unter anderem im Gespräch mit Kuehn Malvezzi in ARCH+ Features 21, das sich um die Begriffe „Syntax“ und „Pragmatik“ drehte.

Die Frage der Pragmatik beziehungsweise der „Performanz“ spielt in Deinem Werk eine große Rolle: Architektur soll sich nicht in einem symbolischen Gehalt erschöpfen, sondern im Gegenteil erst durch den performativen Akt der Nutzung entstehen.

Peter Grundmann: Form und Raum können keine Bedeutung oder Symbolik übertragen. In der fragmentierten Gesellschaft kann Sprache nicht mehr zu einem allgemeinen Verständnis geführt werden. Grundlage der Semiotik ist, dass sich ein Zeichen zusammensetzt aus Lautbild und Vorstellung. Aber die Beziehungen zwischen Lautbild und Vorstellung, ebenso wie jene zwischen Lautbild und Objekt, sind willkürlich. Es gibt keinerlei Gesetz, dass sie verbindet, keine Notwendigkeit, keinen objektiven Grund für eine eindeutige Lesbarkeit eines Symbols. Es ergeben sich immer kulturell bedingte Verschiebungen. Daher ist es unmöglich, Informationen zu übertragen oder Identität zu erzeugen durch eine mit Symbolen aufgeladene Architektur. Die vom Entwerfer intendierte Information kommt nicht an.

Für die Architektur ist es wesentlich, dass sie Performanz ermöglicht, ohne Symbol sein zu wollen. Anstatt intentional zu sein oder eine Art Branding zu setzen, sollte der Fokus auf dem Kontext liegen. Und wenn der innere oder äußere Kontext anscheinend nichts hergibt, muss man ihn künstlich überhöhen oder erfinden, in dem Sinne, einen Ort durch Architektur erst zu schaffen. Der Fokus auf dem Kontext führt zwangsläufig zur Überwindung des Symbolischen. Die Intention des Entwerfers tritt zurück zugunsten einer allgemeineren Sprache, die eine komplexere Wahrnehmung und einen breiten Interpretationsspielraum ermöglicht.

Weniger Intention des Entwerfers erzeugt also ein Mehr an Performanz! Es ist mir aber wichtig, die Entwurfskonzeption als theoretischen Diskurs zu betrachten, der sich im Abgleich mit der Praxis misst, die schließlich für die Qualität eines Hauses entscheidend ist. Theoretiker interessieren sich zwar dafür, aber der theoretische Diskurs ist weder Selbstzweck noch dogmatisch.

ALN: Lässt sich Dein Verständnis des Performativen an einem Projekt besonders gut ablesen?

PG: Das spielt bei allen meinen Projekten eine Rolle. ... 

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