ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 9-13

ARCH+ 225

Legislating Release / Release Legislation

Von Brandlhuber, Arno /  Kerez, Christian /  Trüby, Stephan

Arno Brandlhuber und Christian Kerez im Gespräch mit Stephan Trüby

Die beiden Beiträge von Arno Brandlhuber und Christian Kerez zur Architekturbiennale 2016 – Brandlhuber trägt zur Ausstellung im Hauptpavillon bei, Kerez bespielt den Schweizer Pavillon – erscheinen zunächst wie zwei antipodische Auffassungen von Architektur: Stehen bei Brandlhuber die Gesetze, die legislation der Architektur im Vordergrund, sind es bei Kerez ihre Freiheiten: Release Architecture heißt die Ausgabe, die Kerez gemeinsam mit ARCH+ herausgibt, um seine Ausstellung im Schweizer Pavillon zu begleiten. Sind die Rollen des good cop und des bad cop also klar? Der good cop ist Christian Kerez, der die Tugend des Laissez-faire hoch hält? Und der bad cop Arno Brandlhuber, der für law and order sorgt? Oder doch eher andersherum? Bei Lichte betrachtet sind die Gesetze und Freiheiten der Architektur nur schwer auseinanderzudividieren.

Dies wird nicht zuletzt mit diesem zweiteiligen Gespräch (der andere Teil erschien in ARCH+ 224) deutlich, das in den beiden ARCH+ Ausgaben zur Biennale (224/225) und in Legislating Architecture Schweiz, dem Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung von Arno Brandlhuber und Christopher Roth erscheint. Im Folgenden werden die Gesetze sowie die Freiheiten der Architektur nicht als entfernte Pole, sondern als eine Verschränkung begriffen. Als ein Vexierbild – durchaus im Sinne der alten Bedeutung des Wortes vexare (lat. für „plagen“). So mag die Freiheit das Bild des Gesetzes plagen; so plagt aber auch das Gesetz das Bild der Freiheit.

Stephan Trüby: Wenn wir über den Themenkomplex von Gesetzgebung, Freiheit und Architektur sprechen, muss ich immer an einen Satz des 2007 verstorbenen Architekten Konrad Wohlhage denken, der Paul Valéry zitiert hat: „Ich war der Goldschmied meiner Ketten.“ Damit wollte er sagen, dass man die Zwänge, innerhalb derer man Freiheiten entdecken kann, selbst schaffen muss. Arno, Du bist bekannt für Dein Interesse an Baugesetzen – fühlst Du Dich manchmal als „Goldschmied Deiner Ketten“?

Arno Brandlhuber: Steht dieses Zitat im Zusammenhang mit den Bauprojekten, die das Büro Léon Wohlhage in Gaddafis Libyen verfolgte? Sie gewannen dort um 2007 den Hauptstadtwettbewerb für Tripolis und standen daraufhin massiv in der Kritik: „Darf man für Diktatoren bauen?“ Wer für Diktatoren bauen will, der folgt dem Lockruf des Goldes. Ich jedenfalls versuche, mir keine eigenen Ketten schmieden zu müssen.

ST: Für Dich, Arno, sind die Regeln also schon da … Du musst keine neuen erfinden?

AB: Es interessiert mich weniger, mir neue kunsthandwerkliche Ketten anzulegen, als vielmehr, mich von ihnen zu befreien. Denken wir beispielsweise an einen Entfesselungskünstler, der sich mit hinter dem Rücken verbundenen Armen die Niagarafälle hinunterstoßen lässt, in der Hoffnung, sich rechtzeitig befreien zu können und damit einen heroischen Akt zu vollbringen. Das interessiert mich mehr. ST: Christian, warst Du jemals der Goldschmied Deiner Ketten?

Christian Kerez: Ich muss bei dem Satz von Konrad Wohlhage an ein anderes Architektenzitat denken – „Die einzige Freiheit, die Du als Architekt hast, ist die, dass Du dir Dein Gefängnis selbst aussuchen kannst.“

ST: Das klingt ja fast wie Rem Koolhaas’ „Freiwilligen Gefangenen der Architektur“ …

CK: Ja, ich verstehe den Satz so, dass es Architektur immer geben wird, mit oder ohne Architekten, und sie wird immer gesteuert werden, mit oder ohne unser Zutun. Die grundsätzliche Frage lautet dabei, wie man sich als Architekt gegenüber all diesen vorhandenen Zwängen und Einschränkungen, Auflagen und Erwartungen behaupten kann. Ich selbst versuche oft, das vorgegebene Regelwerk umzuschreiben, aus einem juristischen Regelwerk ein architektonisches zu schaffen. Ich erarbeite mir in einem kaum übersehbaren Feld widersprüchlicher Vorgaben eigene klare, stringente, konzeptionelle Vorgaben.

ST: Regeln also, die Zwänge neutralisieren …

 

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