ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 22-29

ARCH+ 225

Keine Macht ohne Kontrolle

Von Lehnerer, Alex

So lautete der englische Titel einer 1994 gestarteten Werbekampagne des italienischen Reifenherstellers Pirelli. Das dazugehörige Foto zeigte den amerikanischen Ausnahmeleichtathleten Carl Lewis, wie er vor Beginn eines Wettrennens in den Startblöcken hockte – er trug dabei rote Highheels statt seiner Laufschuhe. Die Botschaft war unmissverständlich: Egal wieviel Power, wieviel Kraft oder Macht man auch besitzt, wenn man diese nicht beherrscht und kontrolliert einsetzt, ist sie nutzlos und bringt einen nicht weiter.

Die gleiche Argumentation ließe sich bis zu einem gewissen Grad auch auf das Bauamt jeder modernen Stadt anwenden. Die grundlegende, lobenswerte Aufgabe von Bauämtern besteht darin, zwischen den öffentlichen und den privaten Interessen zu vermitteln, die es im Zusammenhang mit der gebauten Umwelt der Stadt gibt. Doch wie machen sie das – und welche Schuhe tragen sie dabei? Wie schaffen sie es, private Investitionen zum Wohle der Allgemeinheit umzulenken? In Bauämtern zeichnet man keine eigenen Baupläne, fertigt keine Entwürfe an. Man arbeitet mit Vorschriften in Gestalt von kommunalen Verordnungen, Festsetzungen verschiedener Baugebiete beziehungsweise Bebauungszonen und sonstigen Richtlinien. Nicht immer mit positiven Resultaten, aber immer machtvoll spiegeln diese Vorschriften in umgekehrter, abstrahierter, extrahierter Weise die tatsächliche Situation einer Stadt wider. Man kann Städte an ihren Vorschriften erkennen. Vorschriften verknüpfen die physische mit der sozialen Stadt, sie verbinden Qualität mit Quantität und schlummernde mit offenkundigen Eigenschaften. Dadurch sind sie unbemerkt zu den dominanten Instrumenten avanciert, die unsere gebaute Umwelt prägen.

Die Vorgabe von Normen und Grenzwerten war jedoch schon immer eines der heikelsten Themen der Stadtplanung. Nur wenn Grenzwerte so beschaffen sind, dass die Stadt sie als Vertreterin des öffentlichen Interesses auch durchsetzen kann, ohne dabei private Vorhaben zu beeinträchtigen, wird eine Vorschrift erfolgreich, produktiv und allgemein akzeptiert sein. Die Bedeutung eines Grenzwertes für seine unmittelbare Umgebung und seine Flexibilität im Umgang mit subversivem Verhalten bestimmt darüber, inwieweit er positive Resultate zu erzeugen vermag. Doch was geschieht, wenn die Werte zu niedrig oder zu hoch angesetzt sind oder wenn sie nachträglich eingeführt werden? 

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