ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 58-61

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Tiflis – Fallstudie

Von Gegidze, Mariam /  Opel, Nicole /  Manjavidze, David

 Die ehemalige Sowjetrepublik Georgien stürzte nach der Unabhängigkeit 1991 in eine schwere politische, wirtschaftliche und soziale Krise. Zu dieser Zeit brach auch der ohnehin geschwächte Bausektor nahezu komplett zusammen. Es fehlte an dringend benötigtem Wohnraum, und die Wohnungen waren hoffnungslos überbelegt. In den politisch unruhigen Jahren zwischen 1991 und 1995 setzte in Tiflis eine wilde und unkontrollierte Anbautätigkeit ein. Die Bewohner machten sich dabei ein Gesetz von 1989 zu Nutze, das ihnen erlaubte, „Balkone, Loggien und Veranden“ an einzelne Wohneinheiten anzubauen. Auf diese Weise verschafften sie sich in Selbsthilfe die fehlenden Wohnflächen. Anzahl und Größe dieser Erweiterungen sind im Vergleich zu anderen postsowjetischen Städten beispiellos.

Als Gorbatschow 1985 in der Sowjetunion an die Macht kam, sollte sein Programm der Perestrojka (russisch für „Umbau“) das von Planwirtschaft geschwächte Land reformieren. Der Faktor Mensch und die Verbesserung der Lebens- und Wohnsituation des Einzelnen gewannen bei diesem Kurswechsel eine neue Bedeutung. Das Wohnen als ein Grundrecht des Menschen war schon 1977 in Artikel 44 der damals von Breschnew neu erlassenen Verfassung der UdSSR deklariert worden. Doch hatten der planwirtschaftlich organisierte Wohnungsbau und die zentralisierte Zuteilungspolitik auch in der Spätphase der Sowjetunion den Mangel an Wohnraum nicht beseitigen können, der sich als Problem bereits seit der Gründung durch die gesamte Geschichte der Sowjetunion zog.

1917 hatte Lenin per Dekret den Privatbesitz an Grund und Boden entschädigungslos abgeschafft. Die „Reichen“, das heißt jene, die in einer Einheit lebten, die über genauso viele oder mehr Zimmer verfügten wie Bewohner, waren aufgefordert, diese „Extrazimmer“ oder „Extrawohnungen“ sofort und „freiwillig“ abzugeben. Ab 1919 regelte eine neu eingeführte Hygiene-Norm die Verteilung der Wohnfläche pro Kopf: …

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