ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 66-75

ARCH+ 225

Paris: Niemandes Zuhause – die Legislative Erfindung des Stadtbildes

Von Scheppe, Wolfgang

Die Bewirtschaftung einer ästhetischen Anschauung von Altstadt bedurfte der Verrechtlichung, die sie als legales Konstrukt erst verfertigte. Im Rahmen dieses Prozesses tritt die Bildhaftigkeit des historischen Zentrums als Vorstellung eines Bewahrenswerten dann auf, wenn die Tage seiner Bewohner bereits gezählt sind und sie einer anderen Qualität zahlungskräftiger Nachfrage Platz gemacht haben, auf dass diese ihren zum reinen Zeichen herabgesunkenen städtischen Lebensraum als Kulisse und Atmosphäre konsumiere.

Mit der in den 1960er-Jahren unter dem damaligen Kultusminister André Malraux im Marais vollzogenen Ausweitung des Denkmalbegriffs auf private Wohnbauten und ihren baulichen Zusammenhang wurde die urbane Immobilienentwicklung als Geschäftsfeld des großen Finanzkapitals entdeckt. Hierzu zählt sowohl die Vermarktung des historischen Stadtzentrums als semantisierte Kulisse bürgerlicher Sentimentalität als auch die Ökonomisierung des sozialen Wohnungsbaus durch die Errichtung der Massenwohnanlagen der Banlieues, die der Staat mit legislativen Mitteln als Quelle privatwirtschaftlicher Gewinne und Ort der Deportation einer marginalisierten Population errichtete.

Der propagandistische Ehrentitel sauvegarde, unter dem sich die französische Politik auf den legislativ gesteuerten Umgang mit dem Marais bezog, ist trotz seines offenkundig berechnenden und euphemistischen Charakters bis heute nicht verblasst: Das Vorhaben wollte als eine Maßnahme des Schutzes betrachtet und gewürdigt sein, auch wenn dieser nicht den Individuen der Gesellschaft, sondern – im Gegenteil – deren sachlichen Prinzipien galt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Alexander von Humboldt als Erster die Vorstellung der Bewahrungswürdigkeit des architekturhistorischen Monuments auch auf die Phänomene der Natur angewandt. Das hieraus entstandene und schnell etablierte Ideal eines „Naturschutzes“ wurde in einer rekursiven Metapher wieder auf seinen Ursprung zurückbezogen: auf das als gefährdet und also als schutzbedürftig empfundene Baudenkmal, dem die Errichtung eines secteur sauvegardé, eines geschützten Denkmalbereichs galt.

Unter der Flagge dieses Terminus des Schutzes und verknüpft mit dem Namen des schillernden Literaten André Malraux, der ab 1959 für ein Jahrzehnt als Kultusminister der Fünften Republik unter Charles de Gaulle agierte und ältere diesbezügliche Pläne öffentlichkeitswirksam auf seinen Namen zu vereinigen vermochte, wurde auf Grundlage der als Loi Malraux bekanntgewordenen Gesetze von 1962 die Gentrifizierung eines heruntergekommenen und von mittelalterlicher Enge wie Bewohnerdichte bestimmten Viertels betrieben. …

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