ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 80-83

ARCH+ 225

Wer sich wie ein Idiot benimmt, muss dafür auch die Verantwortung tragen!

Von Emerson, Tom /  Brandlhuber, Arno

GEWOHNHEITSRECHT UND KODIFIZIERTES RECHT: VERNÜNFTIG HANDELN!

Arno Brandlhuber: Tom, Du hast einmal erwähnt, dass Du einen wesentlichen Unterschied zwischen der Rechtspraxis in Großbritannien und der in anderen europäischen Ländern oder den Vereinigten Staaten siehst. Kannst Du das näher ausführen? Tom Emerson: Das englische Rechtssystem basiert auf dem Gewohnheitsrecht, dem sogenannten Common Law, das auf Präzedenzfällen gründet. Das heißt, die Richter ermitteln die Rechtslage auf Grundlage dessen, was zuvor passiert ist. Und wenn man das Ganze oft genug wiederholt, nähert es sich etwas halbwegs Zivilisiertem. Interessant ist dabei, dass Großbritannien nie eine Revolution erlebt hat, wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten von Amerika im 18. Jahrhundert oder wie Deutschland mit seinen Revolutionen. Es gibt deshalb keine Verfassung in Großbritannien, sondern lediglich eine Ansammlung von Gewohnheiten. Und weil England weder eine Revolution erlebt hat noch eine Verfassung besitzt, bleibt es in gewisser Hinsicht „unbefreit“. In anderer Hinsicht könnte man aber sagen, dass diese Praxis einen gemeinsamen Raum geschaffen hat, einen öffentlichen Raum. Von einem theoretischen Standpunkt aus betrachtet ist das britische Recht wahrscheinlich sehr widersprüchlich. Aber in der Praxis scheint es recht menschlich zu sein – in dem Sinne, dass es sich wie Menschen verhält, die auch erst durch ihr Handeln lernen.

AB: Würdest Du dann sagen, dass diese historische Erfahrung, die im alten britischen System verankert ist, so etwas wie ein sich ständig aktualisierendes Archiv der kulturellen Entwicklung Großbritanniens produziert? TE: Ich würde sagen, dass es ein laufend aktualisiertes Archiv kultureller Bräuche und kulturellen Verhaltens ist. Mittlerweile ist das Recht natürlich immer stärker homogenisiert worden, wie zum Beispiel durch die europäische Gesetzgebung und andere Formen höchst konstruierter, abstrakterer, unilateraler sowie multinationaler Varianten der Gesetzgebung, die aus Abstimmungen zwischen vielen verschiedenen Ländern hervorgehen. Aber der Aspekt, der das britische Recht interessant und einzigartig macht – und ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist oder schlecht, oder vielleicht beides –, ist dessen Verankerung im Common Law. Im architektonischen Zusammenhang hat das Auswirkungen auf Dinge wie Gemeineigentum und auf das Verständnis von öffentlichem Raum oder öffentlichem Verhalten. Und ich denke, dass britische Städte, im Vergleich zu anderen europäischen Städten, in viel stärkerem Maße durch die Rechtspraxis geprägt sind.

AB: Wenn das Common Law auf dieser Ansammlung kultureller Traditionen beruht, wie kommt es dann, dass bestimmte Gesetze erlassen und zu Katalysatoren plötzlicher und drastischer Veränderungen werden? Ich denke hier explizit an Margaret Thatcher und das Right to Buy. TE: …

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