ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 128-137

ARCH+ 225

Normen und Nebenwirkungen

Von Ross, Liam

Das Recht hat eine materielle Seite. Diese Einsicht steht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses von Liam Ross, der seit geraumer Zeit an der Edinburgh School of Architecture and Landscape Architecture die Wechselbeziehungen von Gesetzgebung, Bauvorschriften und Architektur erforscht. Im folgenden Artikel fasst Ross die Ergebnisse von Forschungsprojekten zusammen: The Shape of the British National Anthem befasst sich mit der Problematik simulationsbasierter Brandschutzvorschriften; Gunpowder and Thatched Roof betrachtet das Vermächtnis der britischen Kolonialgesetzbebung in Lagos; The Sweep of an Old Woman’s Arm schließlich ist eine Studie zu den architektonischen und sozioökonomischen Folgen einer restriktiven Gesetzgebung in Schottland, die das Fensterputzen regelt.

Die Gestalt der britischen Nationalhymne: Scottish Building Standard 2.9.3

IM ANDENKEN AN LUDWIG XIV.

Am 9. Mai 1911 brach im Empire Palace Theatre in Edinburgh ein verheerendes Feuer aus (Abb. 1). Dreitausend Zuschauer sahen im vollbesetzen Haus eine Aufführung des Großen Lafayette, mit bürgerlichem Namen Siegmund Neuberger, der dort zwei Wochen lang gastierte und dessen Vorstellungen allesamt ausverkauft waren. Lafayette war der bestbezahlte Artist seiner Zeit und ein exzentrischer Verwandlungskünstler, der im eigenen Bahnwaggon durchs Land reiste, immer begleitet von seinem geliebten, prächtig herausgeputzten Hund Beauty, dem er gefährlich üppige Mahlzeiten gönnte. Zum Bühnenthema „Persischer Harem“ traten an diesem Abend Feuerschlucker und Jongleure, Schlangenmenschen und Zwerge auf, ebenso ein echter Löwe, ein 15-jähriges Mädchen, das einen mechanischen Bären bediente und Lafayettes preisgekrönter Hengst Arizona. Schlussnummer war eine junge Frau, die im orientalischen Kostüm als „Löwenbraut“ zu dem Raubtier in den Käfig stieg. Dieser hielt kurz inne, näherte sich der Frau und brüllte. Plötzlich, als er gerade zum Sprung ansetzte, zerriss das Fell des Löwen und heraus trat wunderbarerweise niemand anderes als Lafayette persönlich.

Doch während der Nummer, die sein eigener Abgesang werden sollte, stieß er versehentlich eine Laterne um, „von orientalischer Machart, hölzern, mit bunten Gelatine folien […] in der Beleuchtungsstärke von acht Kerzen“. Bühnenvorhänge und Wandbehänge fingen Feuer. Das noch immer ganz gebannte Publikum reagierte nur langsam. Zeitgenössischen Berichten zufolge war seine Rettung nur der schnellen Reaktion des Dirigenten zu verdanken. Dieser bedeutete dem Orchester, God Save the King zu spielen, was das Publikum reflexartig auf die Beine brachte. Wieder in der Realität angekommen, konnte es unverletzt den Saal verlassen. Die Darsteller jedoch kamen in den Flammen um. Auf der Theaterbühne waren sie vom automatisch ausgelösten Eisernen Vorhang eingeschlossen, hatte doch Lafayette zuvor die Ausgänge ins Freie verriegelt, um seine Berufsgeheimnisse zu hüten. Diesmal allerdings zum eignen Schaden, denn unter den Trümmern entdeckte man seine verkohlten Überreste gleich zweifach – er hatte offenbar ein Double benutzt. Der echte Lafayette war nicht mehr zu identifizieren, und so bestattete man die Asche beider Männer zwischen den Pfoten seines Hundes. – Als unheilvolles Omen war Beauty sechs Tage zuvor einem Hirnschlag erlegen.

Zwar ist diese Geschichte mit ihrer edwardianischen Bilderfülle aus Mesmerismus und Exotika, aus Patriotismus und Verhängnis gewiss schon merkwürdig genug. Die wohl erstaunlichste Wendung dieses possenhaften Ereignisses ist allerdings, dass anekdotenhafte Berichte über den Brand die Beweisgrundlage einer Reihe heutiger Baunormen im Vereinigten Königreich bilden. In seinem Gutachten zu diesem Brand bezeichnete das Britische Komitee für Brandschutz das Gebäude hinsichtlich der sicheren Entfluchtung des Saals als vorbildlich. Dieses Gutachten hatte maßgeblichen Einfluss auf die obligatorische Einführung des Eisernen Vorhangs, wenn auch dessen Einsatz in diesem Falle tragisch endete. Auch die international anerkannte britische Norm für die höchstzulässige, sichere Fluchtzeit beruht auf eben diesem Brand. Dem Vernehmen nach entkam das Publikum in der Zeitspanne, in der die Nationalhymne zu Ende gespielt wurde: Sie dauert rund zweieinhalb Minuten. Diese Dauer für eine sichere Evakuierung dient seither als Richtmaß für die Planung von Brandschutzmaßnahmen und wurde Bestandteil heutiger Bauvorschriften. …

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