ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 138-143

ARCH+ 225

Ausblick auf eine hybride Urbanität

Von Kaldenhoff, Max /  Ngo, Anh-Linh

Kaum eine andere Doktrin der Moderne hat sich so erfolgreich durchgesetzt wie die Funktionstrennung. Gleichzeitig ist kaum eine andere Idee heute so umstritten. Was sich ursprünglich als Schutz der Bewohner vor den schädlichen Auswirkungen der Industrialisierung und zur Schaffung lebenswerter Wohnumfelder herausbildete, ist vor dem Hintergrund der veränderten Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten zum Synonym für antiurbanes Denken geworden. Auf der Suche nach neuen typologischen Leitbildern für eine neue urbane Kultur gehört die Frage der Nutzungsmischung, der Verbindung von Wohnen und Arbeiten, für die jüngere Generation von Architekten und Stadtplanern zu den Prioritäten.

Paradoxerweise sind Sonja Nagel und Jan Theissen vom Architekturbüro Amunt bei dieser Suche ausgerechnet in einem Raum fündig geworden, der gemeinhin als Antithese zur europäischen Stadt gesehen wird: dem von Thomas Sieverts als „Zwischenstadt“ beschriebenen suburbanen Raum. Ihr Interesse gilt der komplexen Realität dieser unbestimmten Mischgebiete, in denen sich entgegen dem Vorwurf der Geschichts- und Gesichtslosigkeit „inzwischen jedoch auch ein breites Spektrum suburbaner Strukturen mit unterschiedlichen funktionalen Ausprägungen ausgebildet und eine eigene Geschichte mit eigenständigen Gebäudetypen entwickelt [hat]“.

Hier gelten andere Gesetzmäßigkeiten, die hybride Nutzungsmischungen begünstigen. Als Untersuchungsgebiet für ihre Studie Bauten der Zwischenstadt wählten Amunt das mittelständisch geprägte Stuttgarter Umland, das aufgrund seiner industriellen Dichte zu den europaweit wohlhabendsten Gebieten zählt. In den letzten Jahren haben Amunt in Zusammenarbeit mit Studierenden Gebäude dokumentiert, die Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereinen. Die meisten dieser Hybride bestehen aus einem Gewerbe im Erdgeschoss und einer aufgesetzten Wohnung im Obergeschoss. Sie basieren auf der Regel, dass in Gewerbegebieten die Wohnnutzung in Form der Betriebsleiterwohnung ausnahmsweise zulässig ist.

Die von Amunt festgehaltenen Haustypen sind ausschließlich aus pragmatischen Erwägungen heraus entstanden. Dennoch wirken sie in der symbiotischen Nutzungsmischung sowie dem prägnanten Umgang mit Konstruktion und Materialität überraschend zeitgemäß und anregend für die Architekturdebatte. Diese inspirierende Momentaufnahme macht mögliche Potentiale von Mischnutzungen erkennbar und ist Teil der Diskussion, dass die Einteilung in Baugebiete gemäß Baunutzungsverordnung und die damit verbundene Funktionstrennung in ihrer bisherigen Form überholt sind. …

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