ARCH+ 225


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 176-181

ARCH+ 225

7+1: Über die Gestaltung der Gemeinde Monte Carasso // Casa Flavio Guidotti, Case Fratelli Guidotti, Casa Stefano Guidotti

Von Snozzi, Luigi /  Brandlhuber, Arno /  Indrist, Waltraud /  Roth, Christopher

Im Dezember 2015 fuhren Arno Brandlhuber, Waltraud Indrist und Christopher Roth ins schweizerische Tessin, um Luigi Snozzi zu treffen. Sie hofften herauszufinden, wie Snozzi in den 1970er-Jahren mit Unterstützung des Bürgermeisters der Gemeinde Monte Carasso fast handstreichartig die 250 bestehenden Bauregeln auf sieben reduzieren konnte. Diese sieben Regeln konnten zudem durch eine mündliche, nicht niedergeschriebene Regel außer Kraft gesetzt werden. Gleichzeitig hat Snozzi zwölf Jahre lang alleine über die Einhaltung der Regeln gewacht. Umfassender kann ein Architekt, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, eine Situation nicht gestalten. Und das in der Schweiz, wie man sagt Heimat der direkten und der Konkordanzdemokratie.

Der erste Teil dieses Interviews ist in ARCH+ 222 projekt bauhaus – Kann Gestaltung Gesellschaft verändern? erschienen.

Arno Brandlhuber: Sie bezeichnen sich selbst als Sozialist. Luigi Snozzi: Ja, ich bin einer (lacht).

AB: Was heißt das in der Schweiz, Sozialist zu sein? LS: Es ist nicht leicht, in der Schweiz ein guter Sozialist zu sein.

AB: Warum? LS: Die Schweiz ist ein seltsames Land. Untergründig denkt man hier immer an Krieg. Tatsächlich gibt es die Schweiz gleich zweimal: oberirdisch und unterirdisch. Die unterirdische Schweiz besteht aus Bunkern, Luftschutzräumen, ganz nach den Vorstellungen unserer Militärs.

AB: Das Militär spielt auch bei der Gründung der Schweizer Föderation eine zentrale Rolle, weil es mit seinen präzisen Karten definiert hat, was zur Schweiz gehört. Es gibt eine Theorie, dass die buchstäbliche Präzision der Schweizer daher rührt, dass schon der Gründungsakt der Schweiz so präzise war, so militärisch. LS: Das ist ein Aspekt, der mir an der Schweiz nicht gefällt. Darum wollte ich Italiener werden.

AB: Und, hat es geklappt? LS: Ich habe einmal die Gelegenheit gehabt, nach Triest zu gehen und dort zu lehren. Aber ich muss sagen, dass mit jeder Woche, die verging, bei mir die Wertschätzung der Schweiz gestiegen ist. Nach nur 15 Tagen wollte ich nicht mehr Italiener werden. Heute ist es noch weniger möglich, Italiener sein zu wollen.

AB: Wie ist Ihre grundsätzliche Haltung zur Politik? Vor allem aus der Perspektive der Schweizer Konsenspolitik, die auf Volksreferenden basiert? Das Volk kann sogar zu Fragen von Architektur abstimmen. Das gibt es sonst nirgends auf der Welt. Man könnte doch behaupten, das sei per se das demokratische Idealmodell. LS: Demokratisch? Das weiß ich nicht. Mir gefällt die Schweiz als Gesellschaft nicht. Ich habe stattdessen immer den Bezug zu Einzelnen gesucht, wie zum Beispiel zu Max Frisch. …

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