ARCH+ 225

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Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 214-215

ARCH+ 225

In Erinnerung an Klaus Novy

Von ARCH+

Wir wollen unseres im August 1991 mit knapp 47 Jahren verstorbenen Freundes Klaus Novy gedenken. Als Autor, selbstloser Förderer und Impulsgeber von ARCH+ war er mit der frühen Geschichte der Zeitschrift aufs engste verbunden.

Er hat einige seiner innovativen, international rezipierten Arbeiten zum Wiener Gemeindewohnungsbau zuerst in ARCH+ veröffentlicht und damit das wissenschaftliche Niveau der Zeitschrift auf ein beachtliches Niveau gehoben. Unser Blatt wählte er deswegen zur Verbreitung seiner Arbeiten aus, weil es damals als unabhängiges Publikationsorgan von journalistischen Laien – politisch-kulturell engagierten jungen Architekten, Planern und Wissenschaftlern – geleitet und im selbstverwalteten „alternativen“ Betrieb der Aachener Stadtzeitung Klenkes produziert wurde. Jedes etablierte Magazin in Österreich oder Deutschland hätte seinen grundlegenden Text, der zum ersten Mal den verdrängt-vergessenen Wiener Reformwohnungsbau der Zwischenkriegszeit wieder ins Bewusstsein der Fachöffentlichkeit geholt hat, mit Kusshand und sogar gegen Honorar genommen. Aber nein, er gab ihn uns, der ARCH+, die kein Honorar anbieten konnte. Warum? Weil es Novy nie nur um die bloßen Inhalte und Argumentationen in seinen Untersuchungen ging, sondern er immer gleichzeitig für die Verbesserung der Produktionsbedingungen im humanen Sinne plädierte. Wenn er über die Selbsthilfe der Wiener Siedlerbewegung schrieb, dann sollte das auch in einem Organ erscheinen, das in Selbsthilfe gegründet worden war und dann eine gute Weile diese Ressource kultivierte.

Der spätere Universitätslehrer Novy hatte über die nach dem Ersten Weltkrieg erwartungsfroh gestarteten, alsbald gescheiterten Sozialisierungsdebatten der frühen 1920er-Jahre promoviert, deren einzig brauchbares Resultat er im Bau- und Wohnungssektor entdeckte, in den syndikalistischen sozialen Baubetrieben, den Bauhütten, die als Produktivgenossenschaften mit Gewerkschaftsgeldern gegründet als Korrektiv zum privaten Wohnbau fungieren sollten. Die Betriebe wurden ab 1924 mit den bestehenden altehrwürdigen Wohnungsbaugenossenschaften gekoppelt, denen die Verwaltung des genossenschaftlichen Bestandes zugewiesen wurde. Zusammen mit den neu gegründeten, hochprofessionalisierten „senkrechten“ Baugesellschaften, denen Bedarfssammlung und Finanzierung ebenso oblagen wie Planung und Evaluierung, gingen sie in den Gesamtentwurf Martin Wagners zur Rationalisierung des gesamten Bauwesens ein. Diese wirkmächtige, aber zwiespältige Konstruktion des Sozialisten und Syndikalisten Wagner wurde zum Erfolgsmodell der Gemeinwirtschaft als Bestandteil der erstrebten Wirtschaftsdemokratie, die die Strategie des sozialistischen Konzepts am Ende der 1920er-Jahre war. Motto: Ein Stück weit mit dem Kapitalismus gehen, bis der friedliche Übergang in den Sozialismus auf hohem Produktionsniveau gleichsam von selbst gelänge.

In seiner Zeit als Stadtbaurat von Berlin-Schöneberg konzipierte und gründete Martin Wagner über den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) eine unerhört erfolgreiche Institution zur Rationalisierung von Wohnungspolitik und Wohnungsbau in sozialer Absicht: die REWOG. Später in DEWOG umbenannt mündete sie nach der Nazizeit in die NEUE HEIMAT. In ihr spielten die einst stolzen, selbst bauenden Wohnungsbaugenossenschaften nur noch eine untergeordnete, auf das Verwalten beschränkte Rolle.

Aus dieser Selbstfesselung wollte Novy die Baugenossenschaften befreien, wollte sie an ihre wichtigen Beiträge zur Reformgeschichte des Wohnungsbaus erinnern, damit sie sich aktiver im nichtprivaten Wohnungsbau behaupten und ihr angehäuftes, brachliegendes Reformpotential einbringen konnten. Wenn sie sich schon nicht mehr selbst den komplexen Bauprozess zutrauten, dann wären die bestehenden Baugenossenschaften doch die kompetentesten Partner für die jungen, sich neu gründenden Genossenschaften, die im Zuge der Neuen Sozialen Bewegungen am Ende der Studentenbewegung entstanden und alternative Wohn- und Gesellungsformen ausprobieren wollten. Novy wurde ein gefragter Berater, besonders auch für die Gruppierungen der grünen Bewegung, die es in die Gemeindeparlamente geschafft hatten. Oft aber musste seine Beratung als Mahnung vor der strukturellen Überforderung der neuen Genossenschaftsgründungen formuliert werden. Dem Historiker des „aktiven Erinnerns“ – für die Geschichtsschreibung der Historikerzunft hatte er nichts übrig – erschien es vordringlich, Beratungsgesellschaften zu gründen, die ähnlich dem Werkbund und anderen den jungen Pflänzchen als Stütze dienten.

Novy hatte sich nach Kräften vorbereitet, er studierte und sammelte sämtliche Artikel, Bücher und Programme Martin Wagners, um dessen gewaltiges Werk zu verstehen und neu zu interpretieren. Leider wurde uns die Veröffentlichung von den Erben Wagners untersagt, sie gehörten einer anderen politischen Glaubensrichtung an als der Vater.

Wichtiger als die wissenschaftlichpublizistische Wegbereitung war ihm aber die Gründung von Beratungsgesellschaften, die natürlich an die bestehenden Strukturen anknüpfen und deren Reformerfahrungen ausschöpfen sollten. Das war nicht so leicht wie es zunächst schien. Im Gesamtverband der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften waren verschiedene Beteiligte als Kapitalgesellschaften vereint. Diese Genossenschaften und gemeinnützige Baugesellschaften waren sich jedoch zum einen nicht immer grün, zum anderen fühlten sie sich – besonders nach der Pleite der Neuen Heimat und der Kritik an den Erscheinungsformen des sozialen Wohnungsbaues – durch das plötzlich aufflammende Interesse an den Genossenschaften in ihrem Selbstverständnis gestört, da sie dadurch an die verlorene Genossenschaftskultur erinnert wurden. Die Stadtbauwelt Nr. 75 hat die Interventionen Novys und seiner Mitstreiter bestens dokumentiert.

Diese so nötigen wie gewaltigen Aufgaben packte der Wissenschaftler Novy nicht am Schreibtisch an, er suchte die Praxis, gründete mit Gleichgesinnten den Wohnbund und hatte das Glück, dass sich der nordrhein-westfälische Bauminister für das Genossenschaftsthema interessierte. In Köln gründete er das Institut Genossenschaftlich Wohnen e.V. , das seither – ebenso wie der Wohnbund – genossenschaftliche Neugründungen berät. Es wurde nach seinem Tod zu seinem Gedenken in Klaus Novy Institut (KNi) umbenannt. Unterstützt von einflussreichen Politikern verfasste Novy mit Freunden den Reformführer NRW und vermittelte in Veranstaltungen, Ausstellungen und Beratungen unermüdlich zwischen den oft zögerlich-skeptischen alten Bestandsgenossenschaften und den jungen, oft überehrgeizigen und „notorisch überforderten“ Genossenschaften der Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre.

Mehr und mehr wurden seine Bemühungen um Kooperation im Reformsektor des „gebundenen“ Wohnungsbaus von den ehrwürdigen alten Baugenossenschaften anerkannt: Nach seinem Tod richtete der Solinger Spar-und Bauverein den Klaus-NovyPreis ein, der alle fünf Jahre innovative zeitgenössische Wohnprojekte auszeichnet. Er wird im Juli 2017 zum fünften Mal vergeben. Die aktuelle Ausschreibung findet sich im Anhang dieser Beilage. Novy erstellte noch kurz vor seinem Tod eine vollständige Literaturliste seiner Publikationen und Forschungen. Wir betrachten sie als eine Art Vermächtnis für diejenigen, die sich für Pfade interessieren, die aus den Dilemmata des sozialen Wohnungsbaus hinausführen. Wir stellen sie für die Forschung zur Verfügung: www.archplus.net/klaus-novy

Klaus Novys Einsatz war nicht umsonst: Derzeit interessieren sich Architektinnen und Architekten wieder für Alternativen zum Mainstream und graben, genau wie Novy, bei den Vorbildern, um sie neu zu interpretieren und umzusetzen. Dazu bereitet ARCH+ für 2018 ein Themenheft vor, das sich anhand des Begriffs Urban Commoning mit zeitgenössischen gemeinschaftsorientierten Ansätzen und historischen Referenzen beschäftigen wird. 

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