ARCH+ 225

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Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 215-216

ARCH+ 225

Wohnreform und Selbsthilfe Klaus Novys Vermächtnis

Von Siebel, Walter

Die Geschichte des Wohnens entspricht der Form einer Sanduhr, deren Taille die 50er- und 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts bilden. In der Zeit davor war das breite Spektrum unterschiedlichster Wohnformen durch Faktoren wie Vermögen, Stand, Beruf, Stadt oder Land geprägt. Man kam zu einer Wohnung durch Verwandtschaft, Dienstverhältnis oder Selbsthilfe, nicht über den Markt. Wohnen und Arbeiten waren weder räumlich noch zeitlich getrennt, weshalb der Beruf einen Großteil der Variation des Wohnens erzeugte. Der Haushalt war eine Produktionseinheit, auch Knechte, Gesellen, Mägde und Diener gehörten dazu. Eine private Sphäre der Intimität, Emotionalität und Körperlichkeit als Gegenpart zu den öffentlichen Lebensbereichen hat sich erst spät und zunächst im Bürgertum, schließlich im Verlauf des 20. Jahrhunderts auch in der Arbeiterschaft herausgebildet.

Diese Vielfalt verschwand in den beiden Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf dem Höhepunkt des Fordismus hatte sich eine weitgehend einheitliche Wohnform durchgesetzt: Wohnen war das Gegenüber der Arbeit, ein Reich der Freizeit. Dass es immer noch auch ein Reich der Arbeit war, das die „Hausfrau“ mehr als nur acht Stunden am Tag in Anspruch nahm, wurde verdrängt, nicht nur aus dem Bewusstsein: Der Standardgrundriss von „Vier-Zimmer-Küche-Bad“ sah für die Hausarbeit die kleinsten Räume in den ungünstigsten Ecken der Wohnung vor. Der nach Lage und Größe schönste Raum, das Wohnzimmer, wurde als ein von allen Spuren von Arbeit gereinigter Raum der Erholung und des Familienlebens inszeniert. Die soziale Einheit des Wohnens war die Zwei-Generationen-Familie aus Mann, Frau und ihren leiblichen Kindern. Wer allein wohnte, war entweder in Ausbildung oder gescheiterter Familienmensch: ein bedauernswerter Junggeselle, eine alte Jungfer oder verwitwet.Man wohnte idealerweise im Einfamilienhaus oder in dessen Schrumpfform, dem Reihenhaus. Die Mehrheit musste sich mit einer Etagenwohnung begnügen. Wohnungen wurden von privaten Unternehmen produziert und durch den Markt nach Kaufkraft oder durch den Staat nach Bedürftigkeit verteilt.

Schon ab den 1970er-Jahren begannen die Jüngeren aus diesem Modell auszuziehen in wieder vielfältigere Wohn- und Lebensweisen: Wohngemeinschaften, haushaltsübergreifende Wohnprojekte, Alleinerziehende, Singles, living apart together, multilokales Wohnen und eine neue Einheit von Arbeit und Leben jenseits von boulot, dodo, metro (Schaffen, Pennen, Pendeln) wie ein Slogan des Pariser Mai lautete. Klaus Novy hat diesen Bewegungen eine Stimme gegeben. Es war sein Lebensthema, nach Alternativen zum fordistischen Wohnungs- und Städtebau, zur herrschenden Wirtschaftsweise und zu den dominanten Formen des Arbeitens und Wohnens zu suchen. Novy sprach nicht von Wohnungsreform, sondern von „Wohnreform“. Diesen Begriff wählte er bewusst, um deutlich zu machen, dass es um mehr als bezahlbaren Wohnraum geht. Man wohne nicht nur in seiner Wohnung, sondern ebenso in seinem Quartier und der ganzen Stadt, und eine Stadt müsse mehr sein als Hotel und Infrastruktur. Es ging ihm um ein selbstbestimmtes  Wohnen in der Stadt, um andere Produktionsweisen (Selbsthilfe), um andere Wohnungsbauträger und andere Verfügungsformen (genossenschaftliches Eigentum), andere Formen des Zusammenlebens, ein anderes Verhältnis von Wohnen und Arbeiten, auch um eine andere Architektur des Wohnens. Wohnkultur war für Novy ein soziales und ästhetisches Programm.

Vor 25 Jahren ist Klaus Novy gestorben. Er war knapp 47 Jahre alt. Novy hat sich zunächst in verschiedenen Studienfächern umgesehen, unter anderem Elektrotechnik und Kunstgeschichte, sich dann aber auf die Volkswirtschaft konzentriert. In diesem Fach hat er auch promoviert. 1983 übernahm er eine Professur an der Universität in Wuppertal, 1989 dann an der Technischen Universität in Berlin. Er zählte zu den ganz wenigen Hochschullehrern, die sich als Ökonomen mit Fragen der Wohnungspolitik und der Stadtplanung befassten. Ökonomen neigen selten zu utopischen Fantasien, und Klaus Novy war alles andere als ein naiver Weltbeglücker, der die Vorstellungen eines besseren Lebens aus seinem persönlichen Wertehimmel auf die Erde holt. Er war ein Wissenschaftler, der in der sozialen Wirklichkeit nach den Potentialen für eine andere Wohnkultur suchte. Deshalb hat er sich sein Leben lang mit den Reformbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt, um in kritischer Auseinandersetzung damit Konzepte für ein besseres Leben zu gewinnen und Hinweise auf die sozialen, politischen und ökonomischen Möglichkeiten, sie zu verwirklichen. Das beginnt mit seiner Dissertation zum Thema „Strategien der Sozialisierung“, in der er sich mit den damaligen Bestrebungen zu Wirtschaftsreformen befasst. Später konzentrierte sich Novy auf die Ideen der Wohnungsreformer und insbesondere auf die Genossenschaftsbewegung. Ein dauerhafter Ertrag dieser Arbeiten ist das von ihm gegründete Archiv zur Geschichte der Genossenschaftsbewegungen. Weitere Schwerpunkte seiner Forschungen bildeten der Wiener Gemeindewohnungsbau und die vielfältigen Selbsthilfe- und Siedlerbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Großteil dieser praktischen Reforminitiativen war von den Nationalsozialisten abgewürgt worden. Es ist in erster Linie Klaus Novys Arbeiten zu verdanken, dass der reiche historische Fundus zur Wohnreform Eingang in die wohnungs- und stadtpolitischen Diskussionen in der Bundesrepublik finden konnte.

Klaus Novy verfolgte seine Forschungen in praktischer Absicht. Deshalb hat er sich immer darum bemüht, seine Ergebnisse auch außerhalb der Fachöffentlichkeit publik zu machen. Er war ein sehr erfolgreicher Publizist. Darüber hinaus war er auch ein engagierter Praktiker der Wohnreform. Die 1970er- und 1980er-Jahre waren eine Zeit, in der Bürgerinitiativen und soziale Bewegungen das Thema Wohnen sozial, kulturell und politisch neu definierten. Das kam Novy sehr entgegen, und er konnte ihr wichtigster Impulsgeber werden. Aber auch jenseits der neuen sozialen Bewegungen haben seine fachliche Kompetenz und seine Fähigkeit, andere zu überzeugen, ihm viel Anerkennung verschafft. Um seine Beratungstätigkeiten auf eine breitere Basis zu stellen und dauerhaft zu institutionalisieren, hat er in Deutschland, später auch in Österreich, den Wohnbund gegründet, ein Netzwerk von Fachleuten, die sich in der Beratung und Förderung von alternativen Ansätzen in der Wohnungs- und Stadtpolitik engagieren. Das ebenfalls von ihm gegründete und nach seinem Tod nach ihm benannte Klaus Novy Institut in Köln setzt seine wissenschaftlich fundierte Praxis fort: Auf der Homepage des Instituts heißt es: „Das Klaus Novy Institut (KNi) verbindet wissenschaftliche Analyse mit partizipativen Prozessen und bürgerschaftlichem Engagement. Wir verstehen uns nicht nur als wissenschaftliche Beobachter, sondern als Impulsgeber für gesellschaftliche Veränderungen.“ Das liest sich wie eine Selbstcharakterisierung Klaus Novys.

Ich möchte mir zum Schluss eine persönliche Bemerkung erlauben. Ich glaube, dass viele, die Klaus Novy gekannt haben, es ähnlich empfinden. Blickt man zurück auf das, was er alles getan, geschrieben und erreicht hat, meint man, auf ein langes Leben zurückzublicken. Das war ihm nicht vergönnt. Aber was mir am deutlichsten vor Augen steht, wenn ich an die Begegnungen mit ihm zurückdenke, ist nicht der erfolgreiche, eloquente und politisch wie praktisch engagierte Wissenschaftler, sondern seine unmittelbar einnehmende, offene, herzliche und lebensfrohe Art und sein großer Charme. 

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