ARCH+ 225

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 216-217

ARCH+ 225

Abermals: Zur Aktualität des Genosseschaftsgedankens

Von Gruber, Stefan

Wer heute in Wien durch die Siedlungen Am Rosenhügel oder Eden streift, vermutet kaum, dass in diesen nun kleinbürgerlichen Vorstadtidyllen einst eines der radikalsten Wohnexperimente der Wiener Stadtgeschichte begann. Geranien, Gartenzwerge und Mittelklassewagen zieren die Reihenhäuser mit schmalen, tiefen Gärten, die von Frauen und Männern vormals teils eigenhändig errichtet und bewirtschaftet wurden, um der Wohnungsund Hungersnot des Ersten Weltkrieges zu entkommen. Bis heute stellt die sogenannte Wiener Siedlerbewegung eine der umfangreichsten SelbsthilfeInitiativen genossenschaftlich-organisierter Stadtentwicklung dar, die in einer rhizomatischen Struktur vorstaatlicher Institutionen und Verbände zwischen 1918 und 1925 alternative Ökonomien hervorbrachte.

Die derzeit wachsende Skepsis gegenüber der Fähigkeit von Markt und/oder Staat, Ressourcen und Chancen angemessen zu verteilen, als auch die Suche nach alternativen Modellen des Zusammenlebens schlagen sich im aktuellen Architektur- und Stadtdiskurs in einem Revival von DIYPraktiken, gemeinschaftlicher Selbstorganisation und partizipativen Strategien nieder. Vor diesem Hintergrund erfährt die Wiener Siedlerbewegung ein erneuertes Interesse. Auch das Forschungsprojekt „Spaces of Commoning“, das ich in den zwei vergangenen Jahren gemeinsam mit sieben Beteiligten aus Architektur, Stadtforschung, Bildender Kunst und Soziologie durchführte, widmete sich unter anderem der Geschichte der Wiener Siedlerbewegung.1

Wie so oft bei Basisbewegungen sind vor allem die frühen, „wilden“ Jahre nur spärlich dokumentiert. Ihre umfassendste Aufarbeitung geht auf den Ökonomen und Publizisten Klaus Novy zurück, der vor 25 Jahren gestorben ist. Wie ein roter Faden zieht sich die Siedlerbewegung durch sein kurzes, aber enorm produktives Schaffen. Dabei wandelte sich sein Blick – nach eigener selbstkritischer Einschätzung – von anfänglicher Verklärung zu einer nuancierten Abwägung von Erfolgen und Misserfolgen der Selbsthilfebewegung.

Verfolgt man die Rolle der Siedlerbewegung durch Novys zahlreiche Publikationen, wird jedoch vor allem deutlich, dass sein Blick auf die Geschichte zugleich auch immer nach vorne gerichtet war: Er suchte in den Erfahrungen, Leistungen und Herausforderungen der Reformbewegung vor allem nach Lehren und Perspektiven für die Gegenwart und Zukunft genossenschaftlicher Wohn- und Organisationsformen. Dies mindert seinen Beitrag zur Geschichtsschreibung der Wiener Wohnbau- und Stadtentwicklung nicht. Bis heute ist die Auslegung der Siedlerbewegung durch die Propaganda der sozialdemokratischen Stadtregierung Wiens geprägt. Dabei wird die Siedlerbewegung oft als Gegenpol zum kommunalen Wohnprogramm der Gemeindebauten des Roten Wien – der Erfolgsgeschichte des Wohlfahrtstaates schlechthin – dargestellt, als hätte sich Wien Mitte der 1920er-Jahre an einer Weggabelung befunden, an der man sich entweder für die selbstorganisierten aufgelockerten Siedlungen oder die zentral geplanten verdichteten Höfe entscheiden musste.

In dieser Polarisierung schwingen viele andere damalige sowie heute noch aktuelle Kontroversen mit: privates Kleineigentum versus Mietsverhältnis im Superblock, Einfamilienhaus an der Peripherie versus städtischer Massenwohnungsbau, Bottom-up-Taktiken versus Topdown-Planung … Tatsächlich gibt es aber zwischen diesen Extremen ein breites Spektrum alternativer sozialreformerischer Wohn- und Siedlungsformen. So besteht Novy auf einer differenzierteren Auslegung: Der graduelle Übergang von selbstverwaltetem Siedlungsbau zu zentral geplanten Gemeindebauten muss nicht als Scheitern der Siedlerbewegung gedeutet werden. Vielmehr schuf erst der erstaunliche Erfolg der Siedlerbewegung die Voraussetzungen für die Entwicklung der kommunalen Gemeindebauten des Roten Wien. Weit mehr als eine historische Nuance, geht mit dieser Erkenntnis auch die Forderung nach einem anderen  Umgang mit zeitgenössischen Stadtvon-unten-Initiativen einher. Eine Forderung, die der aktuellen Einsicht entspricht, dass Stadtentwicklung zunehmend nur über die Verhandlung herkömmlicher Top-down-Planungsmethoden und die Einbeziehung emergenter, informeller Kräfte zu steuern ist. Umgekehrt drängt sich aus dieser Erkenntnis die Frage auf, ob der Erfolg jeglicher sozialreformerischen Bewegung unausweichlich eine Institutionalisierung bedingt, die letztendlich auch das Ende ihres emanzipatorischen Potentials bedeutet.

Als Novy sich ab den 1970er-Jahren zunächst dem Roten Wien und dann gemeinsam mit Günther Uhlig der Siedlerbewegung zuwandte, war die Wiener Architektenschaft vor allem mit der Wiederentdeckung der gründerzeitlichen Stadt beschäftigt und bemüht, mittels sanfter Stadterneuerung eine Gegenposition zur Moderne zu artikulieren. Die Suche nach sozialpolitischen Handlungsmöglichkeiten in der Architektur blieb mit Interventionen im öffentlichen Raum, wie jenen von Coop-Himmelblau, Zünd-up und Haus-Rucker-Co, eher performativer und spielerischer Natur. Es bedurfte also vielleicht der strukturellen Sensibilität und des Vorstellungsvermögens eines Ökonomen, um in den recht biederen Siedlungshäusern am Wiener Stadtrand ein emanzipatorisches Potential für die Architektur und Stadtplanung zu erkennen. Novys Einsicht kommt besonders in der Formulierung von elf Thesen zur Aktualität des Genossenschaftsgedankens zum Tragen, die er 1991 gemeinsam mit Wolfgang Förster veröffentlichte.2

Aus heutiger Sicht lässt sich an ihnen ebenso viel über die Siedlerbewegung der 1920er- wie über die Wohnungskrise der späten 1970erJahre lernen. Die Thesen verdeutlichen jedoch auch den zyklisch wiederkehrenden Fokus auf sozialpolitische Fragen und Forderungen im Architektur- und Stadtdiskurs. Als Teil einer Reihe verschiedener Versuchsanordnungen künstlerischer Forschung versuchten wir, die Forschungsgruppe „Spaces of Commoning“, die elf Thesen von Novy und Förster aus heutiger Perspektive neu zu formulieren: Welche Potentiale und Probleme sind heute weiterhin oder wieder aktuell? Und welches Licht wirft die gegenwärtige Commons-Debatte auf die Siedlerbewegung der 1920erJahre? So erschien uns zum Beispiel das Hinterfragen der Rolle reproduktiver Arbeit und der Genderpolitik der Siedler aus heutiger Sicht unausweichlich. Es wunderte uns aber auch, dass das Verhältnis der Siedler zu kolonialen Ideologien, die die Landnahmebewegung durchzog, bisher wenig untersucht wurde.

Ohne hier ausführlich auf die erneute Aktualität und Problematik der Siedlerbewegung eingehen zu können, möchte ich im Andenken an Klaus Novy mit einigen skizzenhaften Anregungen und Verweisen auf aktuelle Perspektiven des Genossenschaftsgedanken enden: Ähnlich wie bereits in den 1970er-Jahren treibt auch heute die Konvergenz politischer, finanzieller und ökologischer Krisen die Suche nach alternativen Organisationsformen jenseits von Staat und Markt an. Was damals als Symptome des Wandels vom Industriekapitalismus zum Postfordismus zu deuten war, stellt sich heute jedoch als ein grundlegenderer Paradigmenwechsel dar, den viele – unter ihnen der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin – als Anfang vom systemimmanenten Ende des Kapitalismus ausweisen. Angetrieben durch die Kommunikationsrevolution des Internets der Dinge vollzieht sich ein grundlegender Wandel von einer Eigentums- zu einer Zugangsökonomie.

In der sogenannten Sharing Economy schöpfen Unternehmen Profit, indem sie den Ballast und die Risiken materieller Ressourcen und Anstellungsverhältnissen von Arbeitskräften auslagern und lediglich Portale – den Zugang zu Netzwerken – verwalten, in denen Gebrauchsgüter und Dienstleistungen on demand geteilt werden. Die beschönigende deutsche Bezeichnung des „kollaborativen Konsums“ kaschiert aber lediglich eine neue Stufe der Massenausbeutung, in der immer mehr Aspekte des alltäglichen Lebens – Erfahrungen, Freundschaften, Emotionen – vom Markt absorbiert und von monetären Abhängigkeiten geprägt werden, während die Arbeitsverhältnisse proportional prekärer werden. „Jedes Uber hat ein Unter“ folgert der Medientheoretiker Trebor Scholz. Rifkin und Scholz, unter anderen, sehen in den dezentralen und lateralen Plattformen der Sharing Economy aber auch eine Chance für neue genossenschaftliche und commons-basierte Organisationsformen. Analog zu Novys elf Thesen hat auch Scholz zehn Prinzipien des plattformbasierten Genossenschaftswesens formuliert, in denen er dazu auffordert, die Kontrolle über das Gemeinwesen der Sharing Economy zu entreißen und durch basisdemokratische Selbstverwaltung und solidarische Umverteilung einer gemeinnützigen Ökonomie zuzuführen.3

Wir beginnen soeben erst die Auswirkungen der Sharing Economy auf die Stadt zu verstehen. Klar ist jedoch, dass Unternehmen wie AirBnB und Uber bisherige Organisationsprinzipien und Metabolismen der Stadt grundlegend auf den Kopf stellen, sei es allein dadurch, dass sie herkömmliche Kategorien von Privatheit und Öffentlichkeit sprengen. Wie können wir in diesen Prozess eingreifen, und welche Handlungsfelder tun sich hier für Architekten und Stadtplaner auf? Wir können uns kaum darauf verlassen, dass diese Entwicklungen von oben reguliert werden, wie es in Ausnahmefällen das Berliner „Zweckentfremdungsverbot-Gesetz von Wohnraum“ versucht. Vielmehr müssen wir uns die inhärenten horizontalen Strukturen der Sharing Economy zu nutze machen, um sie kollektiv von unten zu verändern und anzueignen. Dabei bedarf es nicht nur einer Vision wie sie Scholz propagiert, sondern auch des Blicks zurück nach vorne: auf die Wiener Siedlerbewegung, auf die Arbeit von Klaus Novy, aber auch vieler anderer Autor*innen aus den Anfängen dieser Zeitschrift. 

___

1 „Spaces of Commoning“ besteht aus Anette Baldauf, Stefan Gruber, Moira Hille, Annette Krauss, Vladimir Miller, Mara Verlic ˇ, Hong-Kai Wang und Julia Wieger. Das Forschungsprojekt wurde von 2014–2016 vom Wiener Wissenschafts- und Technologiefond gefördert und war an der Akademie der Bildenden Künste Wien angesiedelt. Ein gleichnamiges Buch zum Projekt erscheint im Herbst 2016 bei Sternberg Press.

2 Klaus Novy and Wolfgang Förster: Einfach Bauen, Wien 1985, S. 113

3 Trebor Scholz: Plattform-Kooperativismus – Wie wir uns die Sharing Economy zurückholen können, Rosa Luxemburg Stiftung, Juni 2016. https://www.rosalux.de/publication/ 42282/plattform-kooperativismus.html, zuletzt abgerufen am 29. Juli 2016

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!