ARCH+ 225

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Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 218-221

ARCH+ 225

Sabine Kraft, 23. Juli 1945 – 23. Mai 2016

Von Krausse, Joachim

Am 23. Mai 2016 starb Sabine Kraft in Aachen. Seit über 40 Jahren war sie Redakteurin und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift, und man kann sagen, dass ARCH+ ihr Leben gewesen ist. Da sie dies aus gänzlich freien Stücken und mit der ganzen ihr zu Gebote stehenden Tatkraft entsprechend ihren eigenen Ansprüchen ausüben konnte, war ihr Leben wohl auch glücklich. Allerdings darf man nicht unterschätzen, welche Kämpfe es kostete, sich in einer traditionell männerdominierten Domäne zu behaupten und in einer Szene durchzusetzen, in der ein Freiraum unabhängiger Reflexion und intellektueller Durchdringung nicht vorgesehen war, sondern erst erobert werden musste. Das konnte nur als kollektive Anstrengung gelingen, wofür ARCH+ ein Beispiel ist: Hier konnten sich vielfältige Kooperationen nach innen und außen entwickeln. Kollektive haben es aber an sich, die Individuen hinter einem gemeinsamen Programm zurücktreten zu lassen: Je erfolgreicher das Kollektiv mit seiner Arbeit ist und sich die Gruppenidentität anderen mit ihrem Namen beziehungsweise ihrer Marke einprägt, desto mehr verschwinden die individuellen Persönlichkeiten hinter dem gemeinsamen Produkt, hinter der Marke. Und es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass es den Beteiligten gelungen ist, ARCH+ zu einem unverwechselbaren Produkt und einer starken Marke zu machen. Gute Verleger, Herausgeber und Redakteure zeichnet die Fähigkeit aus, sich selbst zurücknehmen zu können, ohne auf Eigensinn und Eigenwilligkeit in irgendeiner Weise zu verzichten. Letztere zeigen sich erst in einem größeren Zusammenhang der editorischen Arbeit – und nicht ausschließlich am selbstverfassten Text.

Sabine war es ganz recht, nicht als Person im Vordergrund zu stehen, sondern Regie zu führen, anderen eine Bühne zu bieten, auf der diese als Autoren auftreten konnten. Dabei hat sie selbst nicht wenig geschrieben und veröffentlicht – im Rahmen von Forschungsprojekten, als Buchbeiträge oder wissenschaftliche Gutachten –, aber dominierend unter ihren Texten sind eben doch die Editorials und Beiträge, die sie seit 1975 für ARCH+ geschrieben hat. Es war nicht ihr Ehrgeiz, als Autorin hervorzutreten, sondern eher, eine Sache zu befördern, von der sie überzeugt war, dass etwas getan und der Klärung offener Fragen eine Diskussionsplattform gegeben werden muss. Es war ihr Naturell, von sich selbst als Person wenig Aufhebens zu machen, sondern sich stattdessen der Sache selbst zuzuwenden. Somit hielt sie es auch für überflüssig, die Mit- und Nachwelt über Einzelheiten ihrer Biografie zu unterrichten. Nur widerwillig schrieb sie mal ein paar dürre Daten zu ihrem Lebenslauf und sie hasste es, ewig diese CVs zu schreiben oder zu aktualisieren, die heute im akademischen Milieu bei jeder Veröffentlichung, jedem Forschungsantrag, jeder Bewerbung eingefordert werden. Und so kommt es, dass Sabines Biografie selbst denjenigen, die sie gut kannten, nur in groben Zügen oder sehr ausschnitthaft bekannt ist. Natürlich kann ein Nachruf diese Lücke nicht füllen, aber er kann ein paar Daten und Anhaltspunkte liefern, die dabei helfen, Sabines Leben und ihre Lebensarbeit auch als exemplarisch für ihre Generation, für die Rolle von Frauen in Architektur und Städtebau und im damit verbundenen intellektuellen Milieu, in dem sie erfolgreich gewirkt hat, zu verstehen.

Sabine Kraft wird am 23. Juli 1945 als zweite Tochter des Dr.-Ing. Hans Kraft und seiner Ehefrau Elsbeth, geb. Clausen, in Altenwahlingen im damaligen Kreis Fallingbostel (Niedersachsen) geboren. Die aus Berlin kommende Familie hat sich rechtzeitig aufs Land, wo sie ein Anwesen besitzt, zurückgezogen, um den Kriegszerstörungen und der folgenden Not in Berlin zu entgehen. Beide Elternteile sind naturwissenschaftlich ausgebildet, der Vater arbeitet als Ingenieur für die Firma Telefunken. Nach der Übersiedlung der Familie nach Ulm besucht Sabine dort von 1951 bis 1965 die Schule und macht am Mädchengymnasium ihr Abitur. Ulm ist in diesen Jahren eine Stadt des Aufbruchs, das kulturelle Klima geprägt von der Volkshochschule, die Inge Scholl und Otl Aicher als Modell einer „Schule der Demokratie“ gegründet hatten.

Nach einem Baupraktikum in Ulm geht Sabine nach Berlin, um an der Technischen Universität Architektur zu studieren. Das Sommersemester 1967 verbringt sie in Barcelona, wo die Familie der älteren Schwester Barbara lebt, und arbeitet dort im Architekturbüro Carbonell und Reichert. 1968 erfasst die Studentenbewegung auch die Architekturfakultät der TU. Im November 1969 absolviert sie die Vordiplomprüfung Fachrichtung Architektur sowie Ergänzungsprüfung in der Fachrichtung Stadt- und Regionalplanung, Sabines künftigem Arbeitsschwerpunkt. Mit Marc Fester und Nikolaus Kuhnert tritt sie als „Autorenkollektiv der Fachschaft Architektur“ mit der „Planer-Flugschrift“ (Stadtbauwelt 20, 1968) in Erscheinung, die vor allem Marc Fester verfasst hatte; das Trio bildet zusammen eine Diplomandengruppe, der sich 1970/71 auch Günther Uhlig anschließt. Die Diplomprüfung im Februar 1971 in der Studienrichtung Architektur, Schwerpunkt Stadt- und Regionalplanung, besteht sie mit Auszeichnung.

Bis dahin wohnte Sabine im Elternhaus. Ihr Vater hatte ein zweites Mal geheiratet, war nach Berlin versetzt worden, und die Familie lebte in einem Reihenhaus in Onkel-Toms-Hütte in Berlin-Zehlendorf. Obwohl oder gerade weil sie ein gutes Verhältnis zum Vater und zu ihrer Stiefmutter Ursula Kraft hatte, waren die aus der Studenten bewegung entstandenen familiären Auseinandersetzungen schmerzhaft; und als solche waren sie auch typisch für den Generationenkonflikt, der 1968 aufbrach.

Die Erkenntnis vom politischen Charakter des Privaten, die durch die Kommune 1 spektakulär inszeniert wurde, provozierte auch ein neues Nachdenken über Formen des Zusammenlebens und des Wohnens. Dies war keine Frage und kein Bestandteil der Wissenschaften, der Planung oder der Politik, es war eine Frage des Zurechtkommens im Alltag, der eigenen sozialen Phantasie und der persönlichen Initiative. Gemeinsam mit Marc Fester, mit dem sie künftig zusammenlebt, gründet Sabine eine Wohngemeinschaft und bezieht eine Fabriketage in Berlin-Kreuzberg. Ihr Vater hilft noch beim Verlegen von Leitungen. Die installierte Nasszelle will Marc Fester offen haben und entfernt alle Trennwände von Bad und Toilette. Der offene Raum wird auch häufig für die Gruppentreffen genutzt. Solche Räume müssen – eben auch technisch – erst bewohnbar gemacht werden. Im Übrigen wird die Fabriketage, drei Jahrzehnte später zum „Loft“ geadelt, der Freiraum nicht nur für das Wohnexperiment, sondern auch für neue Zuordnungen von Wohnen und selbstbestimmtem Arbeiten bietet, was bis dahin nur mit dem Atelier möglich war.

Sabines Wohngemeinschaftszeit von 1971 bis 1974 bildet im formalen Werdegang eine Lücke, die ich nicht schließen kann. Aber wer die Urszenen der Architekturfakultät Ende der 1960er-Jahre erlebt hat, kann sicher sein, dass die dortigen Debatten nach dem Studium umso heftiger weitergeführt wurden. Sie gingen ja über die hochschulpolitischen Dauerkonflikte und die politischen Zusammenstöße hinaus und richteten sich auf das Selbstverständnis von Architekten und Planern und ihre Rolle im gesellschaftlichen Umbau. Zumal sich Stadtplanung damals in den Flächensanierungen und der Berliner Abrisspolitik als ein Zerstörungswerk ganzer Stadtteile darstellte, zynischerweise aber als „Modernisierung“ verkauft wurde. Da sich die entsprechenden Themen durch die Jahrgänge von ARCH+ ziehen, die Sabine ab 1975 mitbestimmte, kann die Berliner Zeit, in der die Zeitschrift noch von einer Redaktion an der Universität Stuttgart gemacht wurde (vgl. Jesko Fezer: „Polit-Kybernetik“ in: ARCH+ 186/187 The Making of Your Magazines / Documenta 12 (April 2008), S. 96–103), als Zeit der Selbstfindung und Klärung der eigenen Haltung in einer zugespitzten Umbruchsituation verstanden werden. Signifikant für diesen Umbruch war auch die Tatsache, dass zwischen 1968 und 1970 das erste Mal eine Reihe ebenso kluger wie mutiger Frauen in Erscheinung trat, die von da an Diskurs und Handlungsfeld in Ausbildung, Forschung und Kommunikation nachhaltig veränderten. Sabine gehörte zu den Ersten, die sich trauten, in dieser ingenieurwissenschaftlich geprägten Männerwelt öffentlich zu sprechen. Mir fallen auf Anhieb mehr als ein Dutzend von Frauen an der damaligen Architekturfakultät der TU Berlin ein, deren Stimmen man nun nicht mehr übergehen konnte.

Im November 1974 geht Sabine nach Aachen und arbeitet dort im Architekturbüro Legge und Legge. Ab März 1975 ist sie Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Planungstheorie an der RWTH Aachen. Der Lehrstuhlinhaber, Gerhard Fehl, hatte dafür gesorgt, dass eine unabhängige Gruppe aus Assistenten und Mitarbeitern seinem Lehrgebiet angegliedert wurde, deren Aufgabe das Voranbringen der Studienreform war. Dafür hatte sich die Berliner Diplom-Gruppe mit der Planerflugschrift und ihren Diplomarbeiten empfohlen.

Diese Aachener Konstellation erlaubte es den Beteiligten (Marc Fester, Sabine Kraft, Nikolaus Kuhnert, Günther Uhlig), ihre Arbeitszusammenhänge zwischen Lehre, Forschung und Zeitschriftenredaktion in wechselnden Kooperationen zu entwickeln. Sabines thematischer Schwerpunkt wurde schon damals klar erkennbar: die sozialen Aspekte von Wohnungs- und Städtebau. Ihre erste Veröffentlichung in ARCH+ 22 Zur Berufspraxis der Architekten im Jahr 1974 (gemeinsam mit Renate Petzinger) trug den Titel „Wohnungsbau und Lebensqualität“. Dem folgte 1976 eine umfassende Forschungsarbeit im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen zu „Kriterien und Leitlinien für die Qualität von Wohnquartieren und des Wohnumfeldes für Kinder, Jugendliche, Familien und alte Menschen“ (zusammen mit Marc Fester und Hans-Ulrich Wegener). Eine weiterführende Bearbeitung dieser „Arbeitshilfe für die Planungs- und Entwurfspraxis“ erschien 1982 im C.F. Müller Verlag Karlsruhe und ein Extrakt davon wurde 1983 in ARCH+ 68 Vom Hausbau zum Stadtbau veröffentlicht. Der Titel „Raum für soziales Leben“ bringt vielleicht am besten zum Ausdruck, worum es Sabine nicht nur damals, sondern in all ihren Arbeiten ging: die räumlichen Verhältnisse so zu gestalten, dass sich darin ein soziales Leben entfalten kann.

Die Zeit zwischen 1975 und 1986, in der Sabine vor allem in der Lehre und in den genannten und weiteren Forschungsprojekten arbeitet, war zugleich eine Periode der völligen Umgestaltung von ARCH+, die an anderer Stelle und aus anderer Perspektive beschrieben worden ist. (Dieter Hoffmann-Axthelm: „1976–1986. Mein Jahrzehnt mit der ARCH+“ in: ARCH+ 186/187 The Making of Your Magazines / Documenta 12 (April 2008), S. 106–107). Nicht selbst zum Assistentenpool am Lehrstuhl Fehl gehörend und nur zeitweise im Lehrgebiet unterrichtend, bis sie dort von 1981 bis 1986 eine reguläre Assistentenstelle hat, setzt Sabine gleichwohl einige Akzente in der Entwicklung der Zeitschrift.

1979 ist sie mit Günther Uhlig verantwortliche Redakteurin für ARCH+ 45 Vergessene Reformstrategien zur Wohnungsfrage. Das war eine Weichenstellung, die eine Kaskade von Heften, Ausstellungen und Aktivitäten nach sich zog, die aus den historisch übergangenen Modellen der Selbsthilfe, der Genossenschaftsbewegung und der Gemeinwirtschaft der Zwischenkriegszeit auch praktische Lehren für die Gegenwart und die Zukunft ableiten wollte. Von heute aus gesehen war es Teil der gigantischen Ausgrabungs- und Freilegungsarbeit, an der wir uns alle in unterschiedlichen Formen und Medien beteiligt haben. Es ging um ein historisch-genetisches Verstehen von Zusammenhängen, deren Erkenntnis die akademische Lehre bis dahin verweigert hatte. Der Sozialdemokratie war es eher peinlich, an ihre sozialen Lösungsversuche der Wohnungsfrage in den 1920er-Jahren erinnert zu werden. Genau das aber taten Ausstellungen wie Wem gehört die Welt? (NGBK Berlin 1971) oder die ARCH+ Hefte, die aus den Forschungen und der Zusammenarbeit von Klaus Novy und Günther Uhlig an der RWTH Aachen hervorgingen. Vor diesem Hintergrund ist auch der beispiellose Erfolg der Veröffentlichung der Vorlesungen des Architekturhistorikers Julius Posener in ARCH+ in den Jahren 1979 bis 1983 zu verstehen, die Nikolaus Kuhnert verantwortete. Es ging um das Begreifen der Zusammenhänge, deren kritische Reflexion und die Suche nach Eingriffsmöglichkeiten in die gegenwärtige Entwicklung.

Das historische Wissen war auch erforderlich, wo es um konkrete Fragen der Bestandssicherung, des Erhalts von Siedlungen und ähnliches ging. Sabines Arbeiten in diesem Bereich reichten von der Baulückenforschung, Quartier- und Siedlungsexpertisen bis zur Unterstützung von Selbsthilfegruppen im Köln-Aachener Raum. Über einen langen Zeitraum hatte sie sich mit dem Arbeiterwohnungsbau befasst, dessen bauliche Zeugnisse zu verschwinden begannen, und veröffentlichte (mit Marc Fester) 1984 eine Studie über die Genossenschaftssiedlung Cité Floréal in Brüssel in ARCH+ 74 Schafft zwei, drei, viele kleine Genossenschaften. Seit der Fraktionierung und dem Austritt der Berliner Redaktionsgruppe (Klaus Brake, Helga Faßbinder, Renate Petzinger) 1977 war Sabine die einzige dauerhaft arbeitende Frau in der Redaktion. Sie hielt Kontakt zu den Frauen, die im Berufsfeld tätig waren, nahm unter anderem teil an einer Frauenkonferenz der Evangelischen Akademie im Mai 1979 in Berlin, die der Kreuzberger Pfarrer Klaus Duntze, zeitweilig Mitarbeiter von ARCH+, organisiert hatte. Sabine bringt dann 1981 das erste „Frauenheft“ ARCH+ 60 Kein Ort, nirgends – Auf der Suche nach Frauenräumen auf den Weg. Sie hatte sich weniger als Feministin verstanden, eher als Frau, die aktiv gegen Benachteiligung in der Gesellschaft angeht. Sie beschäftigt sich in ARCH+ 61 anders leben, arbeiten, bauen, wohnen (Februar 1982) auch mit Projekten wie „Graue Panther. Leben im Generationenverbund mit Gegenseitigkeitshilfe“, und ihr späteres Engagement für ein kinder-und jugendgerechtes Wohnen zeigt, wie sie „Raum für soziales Leben“ schaffen wollte.

Der Verlagsumbau und die personellen Veränderungen der 1980erJahre sorgten für eine geschäftliche Stabilisierung, eine Klärung der Verantwortlichkeit und eine Konzentration der Redaktionsarbeit. Die 1983 gegründete GmbH hatte 1984 nur noch vier Gesellschafter, die der Aachener Kerngruppe (Fester, Kraft, Kuhnert, Uhlig). Sie sind zugleich die Herausgeber. Sabine wird zum Mitglied der Geschäftsführung bestellt und behält diese Funktion neben Nikolaus Kuhnert bis zu ihrem Lebensende. Mit  der Berufung an die TU Karlsruhe 1982 zieht sich Günther Uhlig aus der aktiven Redaktionsarbeit zurück, bleibt aber Gesellschafter und Mitherausgeber bis heute. Nikolaus Kuhnert zieht 1987, nach dem Tod seines Vaters, nach Berlin und leitet fortan die dortige Redaktion von ARCH+, während Sabine verantwortlich für die Redaktion in Aachen ist und dort vor allem den Auf- und Ausbau des ARCH+ Verlags betreibt. Die inhaltliche und formale Neuausrichtung, die Nikolaus Kuhnert durch die Zusammenarbeit mit Otl Aicher einleitet, aber auch durch die Redaktionsmitarbeit von Philipp Oswalt und Angelika Schnell, wird – nach anfänglichen Widerständen Sabines – schließlich von beiden Redaktionen getragen. Unter Einbeziehung von Jüngeren – in Aachen sind das Andreas Bittis und Schirin Taraz-Breinholt – werden variierende Redaktionsgruppen pro Heft gebildet, die Themen abgesprochen, Gespräche mit Externen in wechselnden Konstellationen geführt. In der Phase der Erneuerung wird ARCH+ endgültig professionell und international. Vor allem aber führt die Rückbesinnung auf die Moderne zu den Fragen ihrer Unabgeschlossenheit und Weiterführung (vgl. Ulf Meyer: „30 Jahre und kein bisschen weise?“ in: ARCH+ 139/140 30 Jahre ARCH+ (Januar 1997), S. 152 ff.) In diesem Zusammenhang bin ich zuerst mit Nikolaus und Philipp sowie Angelika, später dann mit Sabine in Kontakt und zur Zusammenarbeit gekommen.

In einem langen Prozess von Versuch und Irrtum hat sich eine Struktur des Heftaufbaus herauskristallisiert, die als Antwort auf die Leserbedürfnisse langfristig erfolgreich war. Zuerst, schon 1975, die Setzung von Themenschwerpunkten und Produktion von Themenheften; 1983 die Einführung des Zeitungsteils für Aktuelles jenseits der Themen; 1985 der Baumarkt beziehungsweise Baufokus, wo neue Produkte und Technologien vorgestellt werden – oft unter Bezug auf den Themenschwerpunkt und dann noch erweitert um Berichte aus der Forschung. Trotz größter Beliebtheit musste dieser Teil 2012 wegen fehlender Ressourcen eingestellt werden. Der Baufokus bleibt aber ein Modell für eine gebrauchsorientierte Produktinformation.

Es scheint mir gerechtfertigt, dies hier zu erwähnen, weil in all dem, was ich die Informationsarchitektur von ARCH+ nenne, etwas von Sabines Handschrift zu erkennen ist. Sie hat sich immer für die Gebrauchszusammenhänge einer Sache interessiert. Für Lage und Bedürfnisse der Nutzer – und nicht vorrangig der Nutznießer. Das gilt nicht nur für ihre Themenpräferenzen, sondern auch für Aspekte der Brauchbarkeit von Texten. Sie wollte die Arbeitszusammenhänge, in denen Texte gelesen oder gebraucht werden, berücksichtigt wissen, sei es in Architekturbüros, in Selbsthilfegruppen oder in Hochschulprojekten. Da sie selbst immer wieder, bis sie es physisch nicht mehr schaffte, Kurse, Seminare und Workshops abhielt und mit Lehrstühlen der RWTH eng zusammenarbeitete, zuletzt etwa mit Anne-Julchen Bernhardt, wusste sie sehr genau, was fehlt, aber auch, was sich aufzugreifen lohnte. Eine Zeitschrift sollte jenen zuarbeiten, die sich mit aktuellen Fragen und Problemen beschäftigen, ohne deren Kontexte und Implikationen hinreichend recherchieren zu können. Oft fehlte es einfach auch an einer übersichtlichen Zusammenstellung von Texten, die ein Thema zugänglich und greifbar machen, wie etwa die Reader zu „Stadthygiene“ und „Wohnverhältnisse“ in ARCH+ 206/207 Politische Empirie (Juli 2012). Solche Hefte richteten sich nicht an die „alten Hasen“, die sich auskannten, sondern an die Jüngeren, die Studierenden, denen oft die Standards fehlten. Sabine hat sich intensiv mit Zusammensetzung und Feedback der Leserschaft auseinandergesetzt, wie die Abonnentenbefragung im Juni 2011 zeigt. Mit Befriedigung konnte sie feststellen, dass es tatsächlich gelungen war, eine überwiegend jüngere Leserschaft zu erreichen, die trotz zunehmenden Zeitdrucks und wachsender Medienkonkurrenz eine Zeitschrift wie ARCH+ schätzt und gründlich liest.

Das Bild von ihrer Wirksamkeit rundet sich ab, wenn Sabines Bemühungen um die Förderung des Nachwuchses berücksichtigt werden. Von den aufwendigen Wettbewerben, die sie durchführte, sei hier die Einrichtung des ARCH+ Preises Nachwuchstalente für die besten Diplomarbeiten genannt. Und noch weitergehend, nämlich in Schulen, veranstaltete sie 2008 den Fotowettbewerb „Wie wohnen Jugendliche?“ Sie wollte, dass so früh wie möglich eine Aufmerksamkeit für das Wohnen entsteht – das eigene und das der anderen; das Wohnen, wie es ist, aber auch, wie es sein könnte.

Näher kennengelernt habe ich Sabine erst spät. In meinem Bild von den Urszenen an der Architekturfakultät an der TU Berlin fehlt sie. Auch ihre Zugehörigkeit zum „Autorenkollektiv der Fachschaft Architektur“ der „Planerflugschrift“, die ich damals als Redakteur des linken Voltaire Verlags von Nikolaus bekam, blieb mir verborgen. Nikolaus war es auch, der mich 1989 mit ARCH+ in Verbindung brachte. In einem der folgenden ARCH+ Gespräche für die Ausgabe ARCH+ 139/140 30 Jahre ARCH+, Wege des Politischen bin ich ihr 1998 begegnet. Mit Werner Sewing, Peter Neitzke und mir diskutierten Nikolaus, Sabine und Angelika. Kontrovers wurde auch über die Rolle von Wissenschaft und Technologie für die gesellschaftliche Entwicklung gesprochen und warum sich ARCH+ dem Thema so lange verschlossen hatte, bis es zur Öffnung durch Otl Aicher gekommen war. Statt den Blick auf politische Organisationsformen und Institutionen zu heften, plädierte ich dafür, eher die neuen Denk- und Handlungsmuster wie Selbstorganisation und Vernetzung von den Naturwissenschaften zu lernen, vor allem, um wieder handlungsfähig zu werden. Überraschenderweise unterstützten mich dabei nur die beiden Frauen, und Sabine griff den Gedanken auf und sagte: „Jedenfalls provozieren die klassischen Bahnen der Politik eher Resignation. Ganz anders sieht es mit den neuen Denkmodellen der Naturwissenschaften aus: Sie transportieren Hoffnung, da sie es erlauben, mit neuen Fragestellungen an festgefahrene Problemfelder heranzugehen und sie damit umzustrukturieren.“ Angelika führte das weiter und begründete den Bezug zu den Naturwissenschaften so: „… nicht weil sie uns die alleinseligmachende Theorie liefern, sondern weil sie […] einen Paradigmenwechsel durchlaufen haben, der die Realität vor die ideale Theorie stellt.“

Es ist dieses Insistieren auf dem Realitätsbezug, das Sabines Haltung gegenüber der Theorieproduktion und den Diskursen kennzeichnet. Gleichzeitig wird deutlich, dass sie in ihrem gänzlich unverkrampften Verhältnis zu Wissenschaft und Technologie, ja in ihrer Affinität zu deren empirischen Methoden, einen Schlüssel gefunden hatte, um das alte Materialthema von einer ganz neuen Seite her aufzuschließen und es 2004 in ARCH+ 172 Material mit den neuesten Forschungen aus Materialwissenschaft und Nanotechnologie zu verbinden. Dasselbe ließe sich für ihr Verhältnis zur Biologie, zur Mathematik, ja sogar zur Statistik sagen. Ich fing an, von Sabines Unerschrockenheit beeindruckt zu sein. Als sie 2002 das Heft ARCH+ 159/160 Formfindungen vorbereitete, in meinen Augen ein Türöffner für dann kommende Forschungen und Projekte, lud sie mich zu einem Gespräch nach Aachen ein.

Erst ab 2011, in den letzten fünf Jahren, haben wir redaktionell zusammengearbeitet. Sabine war aus Aachen zur Beerdigung meiner Frau Hanna im Mai 2010 gekommen, auch Nikolaus und Anh-Linh Ngo, der seit 2004 mit Nikolaus die Berliner Redaktion leitet. Das half mir damals eine schwere Krise zu überstehen. Nur wenige Monate später erhielt Sabine eine verheerende Krebsdiagnose, die kaum eine Chance auf Heilung ließ. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit weihte sie nur ihr engstes Umfeld ein. Sie wollte auf keinen Fall, dass ihre Krankheit als Schwäche interpretiert würde. Und es belastete sie schwer, dass mit der Konzentration der jüngsten Veränderungen wie der Relaunch mit Mike Meiré und die Einführung neuer Formate wie die ARCH+ Features in Berlin, ihre Arbeit in Aachen abgekoppelt erschien. Das teilte sich auch Außenstehenden mit, weswegen ich es hier erwähnen muss. Ich hatte den Eindruck, dass Sabine Hilfe brauchte bei der Bewältigung von Aufgaben und Projekten, die vor ihr lagen und die sie unbedingt realisieren wollte. Es ist kaum vorstellbar, was sie nach mehreren Operationen und zwischen den Chemotherapien auf die Beine gestellt hat. Zwei große internationale Wettbewerbe zur Orientierung über eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, ökonomisch, ökologisch und sozial, und die im Zeichen globaler Verstädterung und Migration steht – das schlägt sich in den drei zusammenhängenden Ausgaben nieder: Politische Empirie (ARCH+ 206/207, Juli 2012), Out of Balance (ARCH+ 213, November 2013) und Planetary Urbanism (ARCH+ 223, Mai 2016). Das Ganze auch noch mit der Einführung des graphischen Mediums des Information Design! Warum auch das noch? Die Antwort ist gut aus Sabines Heft ARCH+ 184 Architektur im Klimawandel (Oktober 2007) abzulesen: Weil die nicht mehr in Beispielen und Fallstudien darstellbaren Zusammenhänge nach Karten, Diagrammen und Piktogrammen verlangen, also den diagrammatischen Werkzeugen der Visualisierung. Die Wettbewerbe verlangten nach entsprechenden Einführungen und Erläuterungen dieser Gestaltungsthematik. Da wir hier weder auf Bewährtes noch Klärendes zurückgreifen konnten, ergänzten wir 2013 die Veröffentlichung der Wettbewerbsbeiträge in ARCH+ 213 Out of Balance – Kritik der Gegenwart mit einem Reader zum Information Design, wobei uns Philipp Schneider unentbehrlich war.

Ich weiß es rückblickend nicht, wie wir das geschafft haben, es war eigentlich unmöglich. Vor allem aber weiß ich nicht, wie Sabine es geschafft hat. Ich weiß nur, dass es ohne Sabine niemals zustande gekommen wäre. Wir haben dann, fast zur Erholung, 2014 noch das Heft ARCH+ 218 Wohnerfahrungen gemacht. Es war ein bisschen die Erfüllung eines alten Traums: Für mich, weil die Nachfrage nach den Wohnerfahrungen doch das Korrektiv der Planung bildet und diese Dimension sich in den Filmen aufdrängte, die ich mit Jonas Geist zwischen 1975 und 1985 gemacht hatte; für Sabine schloss sich eine lange Kette der Untersuchung von Wohnformen, zuletzt unter Mitarbeit von Julia von Mende im Mai 2006 übersichtlich in ihrem Heft ARCH+ 176/177 Wohnen – wer mit wem, wo, wie, warum präsentiert.

Natürlich wollte Sabine auch die Gestaltung in der Hand behalten, es machte ihr einfach Spaß. Beim Heft Wohnerfahrungen bestand sie darauf, das bekannte Foto von Tom Hesterberg mit den nackten Kommunarden der K1 an der Wand zu verwenden. Ich fragte sie, ob das wirklich sein müsse. „Ja, ich will die nackten Ärsche drauf haben“, sagte sie und lachte.

Sie hat alles geregelt, sogar der RWTH ihre Bücher gestiftet. Schon während der Arbeit am letzten Heft hatte sie jede ärztliche Therapie aufgegeben. Solange die Arbeit nicht zu Ende gebracht war; würde sie nicht sterben. Als es fertig war, rief sie mich an und sagte, dass es sich jetzt höchstens um zwei, drei Wochen handeln könnte. Gern hätte sie noch ein Buch über den sozialen Wohnungsbau geschrieben, und gewünscht hätte sie sich, noch einmal nach Venedig fahren zu können. Es war unser letztes, langes Nachtgespräch – ohne jeden Anflug von gedrückter Stimmung, fast heiter. Ihre Familie hatte sie noch am Wochenende zu Besuch, und dann ging alles ganz schnell und sie starb am Montag.

Wir haben eine Freundin verloren. Was es nicht leichter macht, ist die Tatsache, dass Sabine eine Freundin des Vernünftigen, des Lebendigen und des Menschlichen war. 

Ich danke allen, die mir weitergeholfen haben, namentlich Ursula Kraft, Susana Linares Kraft, Heidede Becker, Günther Uhlig und Gabriele Lauscher-Dreess.

 

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