ARCH+ 225

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Erschienen in ARCH+ 225,
Seite(n) 222

ARCH+ 225

Rezension: Architektur der Stadt

Von Eisenmann, Frank

Zurzeit wird viel über die Krise des Städtebaus gestritten. Etliche Erklärungen und Positionen wurden veröffentlicht und diskutiert. Aber bislang ist man sich nicht einig, woran genau sich die missliche Lage festmachen lässt. Vor allem nicht: wie man zu Lösungsansätzen kommen will.

Vor diesem Hintergrund bietet das kleine Buch Architektur der Stadt von Sophie Wolfrum und Alban Janson mehrere interessante Ansätze im Hinblick auf die Frage, wie Architektur und Urbanistik (diese umfasst Städtebau und Stadtplanung) wieder zusammenfinden können. Dass beide Disziplinen gemeinsam gedacht und praktiziert werden müssen, ist die zentrale Botschaft der Schrift. Dieser Ansatz entspricht den Tätigkeitsfeldern der beiden Autoren: Wolfrum war von 1995 bis 1996 Gastprofessorin an der Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Stadtplanung/Landschaftsplanung, seit 2003 ist sie Professorin für Städtebau und Regionalplanung an Fakultät für Architektur der Technischen Universität München, Janson war von 1994 bis 2013 Professor für Grundlagen der Architektur und Leiter des Instituts für Grundlagen der Gestaltung an der Universität Karlsruhe (heute KIT). Zusammen führen sie seit 1989 ihr Büro für Architektur und Stadtplanung in München und Karlsruhe.

Ausgehend von Umberto Ecos Diktum, Architektur sei die Kunst, „Räume zu artikulieren“1, fordern die Autoren dazu auf, Urbanistik als Teil der Architektur zu verstehen. Sie konstatieren, dass Stadtplanung derzeit nur noch für die Organisation von Prozessen, die Architektur hingegen für das Erstellen von Objekten zuständig sei. Damit einher gehe ein „genereller Bedeutungsverlust der urbanen Architektur gegenüber Mechanismen der Immobilienwirtschaft“ und eine „Dominanz der Ökonomie und Rechtsprechung“. Die Disziplinen, einschließlich Landschaftsarchitektur und Verkehrsplanung, haben sich in der Tat immer mehr spezialisiert und sich in ihrer praktischen Umsetzung voneinander entfernt. Die Urbanistik hat die Architektur „verloren“. Wolfrum und Jansons „architektonische Urbanistik“ fordert einen Zusammenschluss der Disziplinen, wofür die Architektur „rekonzeptualisiert“ werden müsse. Das ist etwas pathetisch ausgedrückt, man könnte vereinfacht sagen: Das Potential von Architektur muss besser erklärt werden.

Interessanterweise findet seit der Jahrtausendwende eine verstärkte öffentliche Auseinandersetzung zum Thema Stadt und Urbanität statt, eine Auseinandersetzung, die mehr und mehr die ausdrückliche und aktive Beteiligung des Publikums einfordert. Damit, so die Autoren, rückt „die Performanz der Architektur“ in den Fokus des Diskurses. Sie konstatieren, dass dafür ein umfassenderes Architekturverständnis nötig ist: „Der performative Zusammenhang von Form, handelndem Subjekt, Wahrnehmung und Erzeugung von Raum ist essentiell für dieses Verständnis von Architektur.“

Das Buch ergründet dieses Verständnis. Die im ersten Kapitel unter der Überschrift Kompetenz von Architektur zusammengefassten Abschnitte beschreiben das Wesen der Architektur, ihre „Fähigkeiten“. Das folgende Kapitel ist dem Architektonischen Repertoire gewidmet, also den gestalterischen Mitteln, welche die Disziplin bietet und auf die sich eine, von den Autoren geforderte architektonische Urbanistik stützen kann. Eine große Stärke des Buches sind die kurz gefassten, präzise beobachteten und sehr flüssig zu lesenden Beschreibungen. Zitiert werden zentrale Schriften der Architektur- und Städtebautheorie, so wird jedes Kapitel zu einer kleinen Enzyklopädie. Die Begriffe Situationen, Szenen, Performativität, Kapazität, Atmosphären, Orte und Konzepte loten aus, wozu Architektur fähig ist, wenn sie innerhalb der Urbanistik gedacht wird. Erst die Architektur macht zum Beispiel die szenografischen Potentiale urbaner Räume verständlich. Die Autoren erinnern an Kevin Lynchs „Imageability“ und entlarven die Inszenierung künstlicher Lebenswelten als Narrativ ohne Alltag. Stattdessen sollte die reale Lebensentfaltung im architektonisch gestalteten Raum ihren Ausdruck finden. Das Potential der Architektur entfaltet sich in der Bewegung wie bei Gordon Cullens „Serial Vision“: Der (Stadt-)Raum wird Schauplatz für alltägliche Handlung. In den Beschreibungen des Architektonischen Repertoires wird das noch konkreter: Der Abschnitt „Gehen in der Stadt – über Bewegung“ beschreibt und präzisiert „Mobilitätsräume“. Die Autoren argumentieren, dass Verkehr nur noch technisch betrachtet und gelöst wird. Straßen und Plätze sind aber Räume des öffentlichen Lebens und erst in zweiter Linie Verkehrsflächen. Sie müssen also nach der eingangs dargelegten These als architektonische Räume verstanden und auch so behandelt und entworfen werden.

Folgt man dieser Argumentation, müssen strukturelle, morphologische und typologische Gesetzmäßigkeiten der Raumbildung beherrscht werden. So ist es nur konsequent, dass das Buch am Schluss Entwurfsmethoden aufzeigt, eng angelehnt an den Ansatz des Design Thinking. Dieser noch junge Ansatz ist vielleicht kein Allheilmittel für das Entwerfen, aber ein richtiger Impuls zur richtigen Zeit, die uns mit einem „Handeln in Ungewissheit, einer Offenheit und Indeterminiertheit von Prozessen“ konfrontiert. So wird architektonische Urbanistik zu einer methodischen Praxis und zum Kern des Entwerfens.

Das Buch verdient eine weite Verbreitung. Trotz manch komplizierter Formulierung ist es sehr spannend zu lesen und die Denkanstöße von Sophie Wolfrum und Alban Janson gehen weit über den Kontext der eingangs erwähnten Debatten hinaus. Die vorgelegten Thesen finden ihre Relevanz nicht zuletzt im globalen Diskurs. Eine englische Übersetzung wäre mehr als wünschenswert. 

Sophie Wolfrum, Alban Janson: Architektur der Stadt

Stuttgart: Karl Krämer Verlag 2015

136 Seiten, 24 Euro

ISBN 978-3-7828-1147-7

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1 Umberto Eco: Einführung in die Semiotik, München 1972, S. 326

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