ARCH+ 228

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Erschienen in ARCH+ 228,
Seite(n) 110-111

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Rurban Apolda: Szenarien für eine Kleinstadt von morgen

Von Fischer, Katja

Die zwischen Jena und Weimar gelegene Kleinstadt Apolda war über Jahrzehnte ein wichtiger Industriestandort in Thüringen. Mit ihren heute rund 23.000 Einwohnern gehört sie zu den 29 Klein- und Mittelstädten mit einer Größe von 10.000 bis 50.000 Einwohnern, in denen ein Drittel der 2,17 Millionen Thüringer lebt. Der kompakte mittelalterliche Stadtkern von Apolda wird gerahmt von gründerzeitlichen Villen und ehemaligen Industriearealen, dahinter bilden Kleingartensiedlungen und sozialistische Plattenbauten den Übergang in die Kulturlandschaft des Thüringer Beckens beziehungsweise zur Jenaer Scholle.

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts lebte die Stadt Apolda von der Textilproduktion, zuerst von Strümpfen, später von Strick- und Wirkwaren. Der wirtschaftliche Aufschwung begann mit der Anbindung an die erste Thüringer Bahnlinie zwischen Halle und Erfurt im Jahr 1846. Die Stadt wuchs langsam vom Zentrum in Richtung Bahnhof, um den sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts große Industrieareale bildeten. Nicht nur die traditionell in Apolda angesiedelten Webereien produzierten fortan hier, sondern auch Automobilund Maschinenbauunternehmen, Eisengießereien und Möbelwerke. Zur Bahnstrecke hin besaßen die Unternehmen und Industriellenvillen prachtvolle Fassaden, die dem Vorbeireisenden voller Stolz von der Bedeutung der Stadt erzählten. Heute ist auch Apolda von Deindustrialisierung und Schrumpfung geprägt. Seit der Bevölkerungsspitze mit 36.000 Einwohnern im Jahr 1947 schrumpfte die Einwohnerzahl der Stadt kontinuierlich. 1988 lebten 28.000 Einwohner in Apolda, heute noch einmal 5.000 weniger. Nur einige der ehemals 6.000 Arbeitsplätze, die es allein in der Textilindustrie in der Stadt gab, sind erhalten geblieben. Viele der großflächigen Produktionsorte der Stadt stehen leer, einzelne Gebäude konnten in den letzten Jahren umgenutzt werden, andere wurden abgerissen.

Rurban Apolda 2050

Um die Vielzahl der Altindustrieflächen zu entwickeln, arbeitet Apolda mit der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen und der IBA Thüringen zusammen. Derzeit werden drei Areale im Umfeld des Bahnhofs im Zusammenhang betrachtet: das ehemalige Gelände der Firma Rotationssymmetrische Teile (RST), der ehemalige Standort der Nori-Möbel-Werke und das Bahnhofsumfeld selbst mit dem verbliebenen Wasserturm als Teil des Denkmalensembles. Insgesamt werden knapp fünf Hektar Fläche mit diversen Produktions-, Lager und Verwaltungsbauten bearbeitet, deren Leerstand das gesamte Umfeld prägt.

Doch eine nachhaltige Entwicklung setzt ein Verständnis für die Rolle Apoldas in der Region voraus. Und wie sieht die postindustrielle Kleinstadt vor dem Hintergrund des Klima- und Ressourcenwandels, der Globalisierung und Digitalisierung in Zukunft aus? Schließlich haben sich die Lebens- und Arbeitsstile in Apolda verändert, der industriegesellschaftliche Zusammenhalt in der Stadt hat sich nahezu aufgelöst. Die großen Arbeitgeber in Apolda sind heute dienstleistungsorientiert – dazu gehören das Krankenhaus und das Landratsamt mit zusammen über 500 Arbeitnehmern. Mit einer Arbeitslosenquote von 5,4 Prozent liegt der Landkreis mit Kreisstadt unter dem Thüringer Durchschnitt von 7 Prozent, wozu auch ein ausgeprägtes Pendlerverhalten beiträgt. Rund ein Drittel der Erwerbstätigen pendelt täglich zum Arbeiten aus der Stadt in die Region, einige weniger in umgekehrter Richtung in die Stadt hinein.

Um eine breite Diskussion zum Umgang mit den Brachflächen und einem neuen Selbstverständnis der Stadt in Apolda anzustoßen, wurde ein öffentliches, kooperatives Werkstattverfahren gestartet. Das Ziel ist es, vier Szenarien für das Stadtland von morgen zu erarbeiten. Aus den multioptionalen „Spekulationen“ über die Zukunft der Stadt sollen zugleich Transformationsansätze für die drei Grundstücke geprüft werden. So entwickelten Modulorbeat aus Münster mit der „Sofortstadt“ kurzfristige Beteiligungsstrategien zur Aktivierung und Aneignung der Standorte durch die Bewohner, um die Orte langfristig neu zu aktivieren. Studio Vulkan aus Zürich schlagen mit „Datschland“ eine Apoldaer Zukunft vor, die die große Anzahl leerstehender Kleingärten für neue urbane Farmer aus Weimar und Jena in die Kleinstadtentwicklung einbindet und das Bahnhofsareal als gemeinschaftlichen, lokalen Handels-, Produktions- und Veredlungsort umwidmet. Die EnergieWerkStadt aus Weimar arbeitet in ihrem Szenario „Kompaktstadt“ die Rolle der Stadt in einem überregionalen Zusammenhang heraus und entwirft das Bahnhofsareal als neues Wohn- und Arbeitszentrum zwischen den wachsenden Städten Erfurt und Leipzig. BeL aus Köln dagegen setzen mit ihrem Szenario „Kooperative Kleinstadt“ ganz auf die semiautarken Selbstversorgungskräfte und Talente Apoldas in Bezug auf Energie, Nahrung, Mobilität und Arbeit, um nachhaltige Kreislaufentwicklungen aufzubauen, die auf dem Prinzip der solidarischen Wirtschaft und einer gemeinschaftlichen Charta basieren.

Fünf Hektar Industriebrachen in einer Kleinstadt werden nicht gleichzeitig nachgefragt und verwertet. Apoldas Bahnhofsareal ist vielmehr ein Reallabor für die schrittweisen Flächen- und Immobilienentwicklungen im Kontext lokaler und globaler Veränderungsprozesse. Der gewinnbringende Mehrwert dieses Verfahrens ist neben neuen Denkanstößen, Bildern und Narrativen der offen geführte, gemeinsame Zukunftsdialog von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Bürgerschaft und Kultur mit externen Impulsgebern und Beratern. Die wichtigen Weichenstellungen aus dem Verfahren, das im Sinne einer Phase Null durchgeführt wurde, sind Leitlinien und Ausgangspunkte für eine Neupositionierung Apoldas am Beispiel der Brachenentwicklung.

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Verfahren: Kooperatives Werkstattverfahren als Phase Null mit Workshops und öffentlichen Diskussionen

Beteiligte Büros: Anne-Julchen Bernhardt, Michel Kleinbrahm (BeL, Sozietät für Architektur, Köln), Ingo Quaas, Andreas Reich, Kersten Roselt, Anja Thor (EnergieWerkStadt e.G., Weimar), Jan Kampshoff, Marc Günnewig (Modulorbeat, Münster), Robin Winogrond, Lukas Schweingruber (Studio Vulkan, Zürich)

Externe Berater: Uli Hellweg (Hellweg Urban Concept, Berlin), Andrea Hofmann (raumlaborberlin), Jörg Londong (Bauhaus-Universität Weimar), Tabea Michaelis (denkstatt sàrl, Basel), Andreas Krüger, Andreas Foidl (belius, Berlin), Henrik Schultz (Stein+Schultz, Frankfurt am Main), Jörg Casper (Kommunalentwicklung Mitteldeutschland, Jena )

Moderation: Marc Lucas Schulten, Thorsten Schauz (SSR Schulten Stadt- und Raumplanung, Dortmund)

Projektträger: Rüdiger Eisenbrand, Stefan Städtler, Thomas Schulz, Burgund Roewer (Stadt Apolda); Frank Krätzschmar, Alexander Bischler, Dörte Eschert (Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH); Marta Doehler-Behzadi, Katja Fischer (IBA Thüringen GmbH)

Fläche: 5 Hektar

Ort: Apolda, Deutschland

Arbeitsphase Werkstatt: Oktober 2016 bis März 2017

 

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