ARCH+ 167

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Erschienen in ARCH+ 167,
Seite(n) 16-21

ARCH+ 167

Stimmen aus dem Off

Von raumlabor_berlin /  Kuhnert, Nikolaus /  Schindler, Susanne /  Bader, Markus /  Heberle, Martin /  Mayer, Christof /  Kuhn, Michael /  Steinbächer, Florian /  Liesegang, Jan

email-gespräch zwischen ARCH+ und raumlabor_berlin

ARCH+: Wir trafen Euch in einem schönen, kleinen, ehemaligen Fischladen in Berlin-Mitte, dem Raumlabor. Die Sonne drückte durch die ehemaligen Verkaufsauslagen hinein, die Fliesen kühlten visuell, aber nicht wirklich. Wir tranken Wasser aus PET-Flaschen und die nach und nach abgestreiften Schuhe breiteten sich unter den Tischplatten aus. Mindestens drei Gruppen arbeiteten an ebensovielen Europan-Wettbewerben, und irgendwann trat eine vierte Gruppe aus dem Schatten eines Hinterraumes hervor. Wir sprachen über Raumlabor. Wir schauten uns Projekte an: Zukunftsplan für Halle-Neustadt, Baumhäuser für den Moritzplatz, Dachaufbauten, Möbelreihen. Es fiel der Begriff “Aktionsgruppe". Wir zogen von dannen und sinnieren, was Raumlabor sei.

(Markus Bader) Was ist das Raumlabor? Das ist ganz einfach: das sind ein paar Leute, die von der Architektur mehr wollen als das, was der (gerade) Berufsweg (gerade) so anbietet. Der Begriff der Aktionsgruppe beschreibt unsere bisher entwickelte Arbeitsweise: eine Projektidee taucht auf – selbst erzeugt oder an uns herangetragen; ein Team aus Raumlaboranten wird gebildet; Spezialisten werden zugeladen; ein Workshop wird organisiert, Wissen zusammengetragen, Ideen diskutiert und Lösungsansätze skizziert; Aufgaben werden verteilt, und nach einer angemessenen Durcharbeitungszeit kommt das Team wieder zusammen und bespricht die weiterentwickelten Ansätze; je nach Umfang ist das Projekt dann fertig, oder wir wiederholen diese Schleifen, bis es soweit ist.

(Martin Heberle) Im Prinzip ist das Raumlabor ein Spagat zwischen der Realität der wirtschaftlichen Zwänge im Büro und dem Traum, daß es anders gehen kann. Traum: innovativer, angewandter Städte- und Landschaftsbau, exotische Projekte aus dem Randbereich der Architektur. Die Potentiale bündeln und durch Ausstellungen, Veröffentlichungen, Internet mit einem Fachpublikum kommunizieren. Raumlabor als Plattform, von der aus gestartet wurde und zu der mitsamt der Beute zurückgekehrt wird. Realität: Die Arbeit im eigenen Büro heberle.mayer.raumlaborberlin seit Ende 2000. Kleinere Bauaufgaben und Dienstleistungen: Sanierung, Wohnungsbau, Gewerbebau, Innenausbau, Wettbewerbe.

(Kristian Kreutz) Als Traum würde ich das Raumlabor nicht bezeichen, es werden erfolgreich konkrete Projekte gemacht. Nur als Ganzes ist es weniger Büro als Netzwerk mit Galerie und anarchisch- opportunistischer Vorgangsweise. Die konkreten Bauaufgaben verteilen sich auf die einzelnen Subgruppen, die ihre individuellen Strategien haben. Sollte sich daraus ein verkaufsfähiges Produkt entwickeln, um so besser. Arm bleiben können wir ja immer noch. RL als Franchise-Untenehmen fände ich eh eine gute Idee. Made by Raumlabor- Tokyo, oder Member of RL Association. Vielleicht kommt RL mit einem Beutezug aus Oslo zurück, wo ich gerade versuche, mich mit einem Job und kleineren Ausstellungen über Wasser zu halten.

(Christof Mayer) Raumlabor ist eher Prozeß als Produkt. Ausgangspunkt war die gemeinsame Unzufriedenheit mit dem Berufsalltag des Architekten. Wesentliche Voraussetzung für das Entstehen von Raumlabor war der Ort. Als Treffpunkt und Atelier mit unterschiedlicher Besetzung und Nutzungsintensität existiert dieser seit 1996. Die Fluktuation war anfangs sehr groß, die Teilnahme 1999 am Wettbewerb “Linie 8” mit dem Beitrag “Moritzplatz 2000 – 3 Szenarien zum öffentlichen Raum" war dann die erste gemeinsame Positionierung. Dabei wurde unsere Arbeitsweise manifest. Als Basis diente ein gemeinsamer Nenner, das Ergebnis einer offenen Diskussion zum Thema öffentlicher Raum. Dies war die Grundlage für mehrere Szenarien, formal heterogen als Collage präsentiert – zu diesem Zeitpunkt in der Architektur eher unüblich. Den Charme des Projektes machte aus, die Szenarien nicht als Alternativen zu verstehen, sondern sie offen und ineinander übergehend zu lesen. Seitdem hat sich eine feste Gruppe herauskristallisiert, die in unterschiedlichen Konstellationen zusammenarbeitet. Seit zwei Jahren verdienen Martin und ich nun unseren Lebensunterhalt mit einem eigenen Architekturbüro. Wir haben uns neue Räume gesucht, sind aus der Almstadtstraße ausgezogen. Dennoch verstehen wir uns als integralen Bestandteil von Raumlabor.

(Michael Kuhn) Und schon wird klar: es gibt sie nicht, die eine Vorstellung vom Raumlabor. Es gibt mindestens so viele verschiedene Ideen davon wie Mitglieder darin. Also kann jeder nur für sich sprechen, obwohl gerade in diesem Gespräch vieles auftaucht, das ich vorbehaltlos unterschreiben würde. Und das ist es auch, was das Raumlabor ausmacht: eine gemeinsame Tendenz. Kein Manifest, keine ideologische Festlegung: eine Tendenz, die durch die realisierten Projekte belegt wird.

(Florian Steinbächer) Als nur lose assoziiertes Mitglied des Raumlabors fällt mir auf, daß Ihr Euch nur schwach an Euer Profil zu erinnern scheint: Prinzip Umkehrung! Eine große Qualität von Raumlabor liegt in der Motivation und dem Arbeitsansatz – in der Umkehrung der Verhältnisse: Projekte werden aus einer inneren Notwendigkeit heraus losgetreten und entwickelt, ohne daß zunächst ein entsprechender Auftrag vorliegen muß. Der Auftrag folgt dem Projekt. Hier liegt der Unterschied zum klassischen Architekturbüro, das als reiner Dienstleister von Aufträgen abhängt.

Natürlich rechtfertigt sich jede Arbeitsweise erst durch die Ergebnisse. Deshalb hier eine Konkretisierung anhand des Beispiels Kindermöbel: Die Idee, Kindermöbel zu entwickeln, basiert auf Beobachtung und Bewertung eigener Bedürfnisse, für die der Markt keine befriedigenden Produkte anbietet. Mein Verdruß über verniedlichenden Konsensgeschmack (Bärchen) oder unbezahlbaren Ökokitsch (abgerundeter und geölter Birnbaum) war Ausgangspunkt für die Entwicklung von schnörkellosen, vielfach nutzbaren und mitwachsenden Produkten aus Sperrholz. Das war für mich eine Möglichkeit, ein Profil zu entwickeln, das über die immer stärker nachgefragten kaufmännischen Fähigkeiten von Architekten hinausgeht. Möbel sind Kleinstarchitekturen, welche die Kontrolle über den Designprozeß erlauben. Deshalb eignen sie sich für das schon erwähnte umgekehrte Vorgehen. Das Produkt spricht für sich, im Gegensatz zum Vortrag/Plan, mit dem der Architekt überzeugen muß (und oft nicht kann) und der zunächst mit dem Endprodukt Haus nicht übereinzustimmen hat. Möbelbau ist hier Flucht in den kleinstmöglichen Maßstab auf der Suche nach Unmittelbarkeit des Ergebnisses.

(Jan Liesegang) Das Raumlabor ist ein Labor, in dem geforscht wird, geschützt vor den Fragen der Schwiegereltern: Schwiegervater: “Und wie läuft es beruflich?" Raumlaborant: “Ja wissen Sie, ich bin zur Zeit arbeitslos, aber in unserem Studio arbeite ich seit ein paar Wochen an einer Maschine, die Einfamilienhäuser frißt." Schwiegervater: “Ah, sehr interessant." Man ist Architekt: Ein Mensch vor einem Computer, der telefoniert und abends seine Freundin (oder Freund) auf später vertröstet. Ich glaube, damit wollen wir uns nicht abfinden.

(magma: Martin Ostermann, Lena Kleinheinz, Andrea Hofmann) magma ist im Laufe des letzten Jahres in und um die Almstadtstraße entstanden: Andrea war schon beim Raumlabor-Start-Wettbewerb “Linie 8" dabei, Martin und Lena haben immer mal wieder das Raumlabor als Arbeitsraum genutzt. Raumlabor war für uns in erster Linie ein Ort für die Umsetzung eigener Ideen während der ersten Jahre Berufsalltag in verschiedenen Büros. Wichtig war uns die Möglichkeit, sich innerhalb eines assoziierten, fachspezifischen Netzwerks zu positionieren – inhaltlich, gestalterisch, organisatorisch. Im letzten Jahr haben wir verschiedene Ausstellungsprojekte geplant und realisiert. Wie andere Raumlabormitglieder auch treten wir mit unseren Projekten unter eigenem Namen auf, unserer ist magma.

Unsere Relation zum Raumlabor ist konstant ambivalent. Zu Zeiten ist Raumlabor für uns wenig mehr als ein Arbeitsraum mit Türblättern auf Holzböcken und Computernetzwerk. Andererseits können wir in der Gruppe schnell und unkompliziert Positionen anderer kennenlernen und im Gegenzug eigene Ideen einbringen. Letztlich haben wir auch schon Projekte in Kooperation mit Raumlabor bearbeitet und schätzen den Prozeß der gemeinsamen Ideenfindung.

Unsere Zukunft mit Raumlabor? Wenn Raumlabor mehr wird als ein spartanisch ausgestatteter Arbeitsraum und Treffpunkt für alte Freunde, wäre es spannend, ein dauerhaftes Netzwerk zwischen letztlich konkurrierenden Architekten und anderen zu realisieren – eine Art “Beratungsinstitution" für raumlabornahe Architektur plus.

(Benjamin Foerster-Baldenius) Raumlabor ist ein loser Haufen, ein nettes Netzwerk, zwei Räume mit ein bißchen Technik. Wie sich das Raumlabor entwickelt, ist offen, aber da es das Raumlabor schon seit fünf Jahren gibt und derjenige, der dazukommt, auch meist Raumlaborler bleibt (einmal Raumlaborant immer Raumlaborant), haben wir Zukunft. Die Laboranten sind ja alle quirlige Leute mit guten Ideen, und die Raumlaborprodukte sind auch meist erfolgreich und vorzeigbar. So kann man eine Prognose wagen: in zehn Jahren ist Raumlabor eines der größten architektonischen Netzwerke, mit 950 Laboranten weltweit und den ersten zweitausend realisierten Raumlaborprojekten hinter sich. Das Label steht für grün, witzig und viel zu billig. Was das Raumlabor ansonsten ist, weiß immer noch niemand.

ARCH+: Was uns interessiert, ist die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gruppe. Wie organisiert Ihr Eure unzähligen Neben-Ichs, Über-Ichs und Unter-Ichs? Beispielsweise unter materiellen Gesichtspunkten: Wer finanziert hier wen mit was? Was passiert, wenn X einen Auftrag für einen Dachausbau erhält: erhält er ihn wegen Raumlabor oder wegen X? Was ist Raumlabors Zeugung, welches ist magmas Kind, wo erscheint “NAME X" – und wer trägt dafür die Verantwortung? Wir stellen uns vor: Raumlabor als soziales Über-Ich. Wenn dem so wäre, wer bestimmt das Wie und Was dieses sozialen Über-Ichs – wer spielt die Rolle des Übervaters, der Übermutter? Sind Individuen erkennbar? Wann heißt etwas “Raumlabor", wann “Bader"?

(Martin Heberle) Konzept ist, genau diese Fragen unbeantwortet und offen zu lassen und den Namen Raumlabor überall und jederzeit zu plazieren. Das Individuum oder die Kleingruppe agiert und publiziert für Raumlabor. Raumlabor ist der Überbegriff. Kommt es zu einem Auftrag, werden dem Auftraggeber die hauptsächlich beteiligten Personen genannt, die dafür dann auch unter juristischen Gesichtspunkten als Autoren verantwortlich sind.

(Markus Bader) Wie finanzieren wir uns? Jeder Raumlaborant lebt zur Zeit die von Martin beschriebene Dualität: Die meisten von uns finanzieren sich nicht über Raumlabor-Projekte. Diese entstehen aus Interesse an der Sache, verknüpfen sich aber zunehmend mit den Geldquellen: dem eigenen Architekturbüro im Fall von mayer.heberle und magma, der Hochschule bei Jan und mir, der Mitarbeit in einem anderen Architekturbüro im Fall von Andrea.

Zur Frage von Individuum und Gruppe: Ich halte nichts vom Starkult der großen Einzelnen, ich interessiere mich für die Anregungen aus heterogenen Gruppen und suche daher Situationen zur Zusammenarbeit. Aus diesem Grund habe ich mit etwa 20 ähnlich Interessierten 1998-99 in Berlin “Urban Issue", Galerie und Aktionsraum für Stadt und Architektur, gegründet und zwei Jahre lang betrieben. (Siehe 166 ARCH+, S. 28)

Architektur wurde dort nicht nur präsentiert, sondern in Performances und öffentlichen Diskussionen aktiviert. Ein Teil dieser Aktivität wird im Raumlabor fortgeführt: unter den Labelnamen “Happyhour” und “Gehweggalerie” verfolgen wir ein offenes Kommunikationskonzept. Unser Studioraum wird dann als Diskussionsort, Club, Ausstellungsraum, Schaufenstergalerie zum Aktionsraum. In Präsentationen stellen wir unsere eigene Arbeit und Position zur Diskussion: das Raumlabor fungiert dann als Initiator, Plattform, Verknüpfer. Vor dem Raumlabor haben wir zwei Betonstühle errichtet. Ständig sitzen Nachbarskinder, Freunde oder einfach Fremde auf diesen Stühlen, schauen in unseren Laden oder unterhalten sich.

(Christof Mayer) Für mich gibt es nicht so viele Ichs. Genau genommen nur eines. Und das führt mit einem anderen Ich (Martin) ein Büro. Und das Büro ist Teil von Raumlabor. So ist auch unser Name zu verstehen: heberle.mayer.raumlaborberlin. Anders als magma verstehen wir uns und unsere Arbeit prinzipiell als Teil von Raumlabor.

(Jan Liesegang) Egal wer innerhalb des Raumlabors zusammen arbeitet: Rollenverteilung, Verantwortung und Zeitpläne müssen jedesmal neu erarbeitet werden. Wir schätzen trotz der damit verbundenen Langwierigkeit die Möglichkeiten der flachen Hierarchie. Für diese Struktur haben wir einige Arbeitsweisen adaptiert: Aktivismus, Pingpong-Effekt und Lawineneffekt.

Aktivismus: Es entsteht die Idee zu einer Aktion: ein Raumlaborler meldet uns zum Begleitprogramm “Open Studios" des UIA-Kongress 2002 an. Wir beschließen, eine Veranstaltung zu unserem laufenden Projekt “Perspektiven für Halle-Neustadt" zu machen. Bei einem abendlichen Treffen entsteht die Idee zum “LiveStadtumbau": Bühnenelemente, die Plattenbauten aus Halle-Neustadt im Maßstab 1:15 abbilden, werden vom Thalia Theater in Halle ausgeliehen und in und vor unserem Studio in der Almstadtstraße aufgebaut. Während der Ausstellung werden die Plattenbauten gemeinsam mit dem Publikum umgebaut. Techniken wie Umnutzen, Balkontuning, Einstricken und Mit-Parasiten- Besetzen kommen zum Einsatz. Aktivismus kommt hier in verschiedener Hinsicht zum Tragen: 1. Die Ideenfindung ist schnell, spontan, und die stärkste Idee wird unterstützt; 2. Umsetzung, Transport, Aufbau, Umbau finden als gemeinsame, konzentrierte Aktion statt; 3. Die einzelnen Umbauaktionen funktionieren nach dem “just do it"-Prinzip. Jeder kann seine Idee an einem der Gebäude ausprobieren.

Pingpong-Effekt: eine Art positives Mißverständnis, das innerhalb eines kollektiven Entwurfsprozesses entsteht. Einer trägt eine Idee zum Entwurf vor, die von einer anderen begeistert aufgegriffen und sofort weiterentwickelt wird. Dadurch verändert sich die Idee des ersten Autors (der sich möglicherweise dadurch mißverstanden fühlt), wird interpretiert und weitergedacht. Eine solche Situation gab es, als die Idee des Waldes für den Moritzplatz durch Baumhäuser ergänzt wurde.

Lawineneffekt: ein übersteigerter Pingpong-Effekt. Wir provozieren ihn durch Brainstorming. Jeder nimmt sich einen Stapel Papier, alle fangen gleichzeitig an zu zeichnen und zu reden. Nach einer halben Stunde wird alles an die Wand gepinnt und kurz vorgestellt, dann beginnt die nächste Runde. Die Argumente werden in diesem Fall vor die Diskussion gestellt. Durch den Wettstreit entsteht eine unkontrollierte Masse von Ideen und Argumenten, schwierig ist dann die Bewertung. Auf den Lawineneffekt setzen wir oft am Anfang von Wettbewerben oder wenn einer bei einer Problemlösung nicht weiter kommt.

Jeder kennt diese Prozesse. Dennoch sind sie nicht selbstverständlich: In einer hierarchisch organisierten Arbeitsstruktur werden sie nur selten zugelassen. Trotz der Probleme, die mit Verantwortungsteilung entstehen, denken wir, daß man sich darauf einlassen muß, um die üblichen Denkbahnen zu verlassen.

(Florian Steinbächer) Festlegungen auf über ein Projekt hinausgehende Partnerschaften gibt es nicht. Ich habe mich aus der Fremdbestimmung des Angestelltendaseins befreit, um die Freiheit zu haben, in Architektur und Design als Einzelkämpfer (Möbel) oder in Projektpartnerschaften (Wohnscape mit Michael Kuhn) eigene Inhalte entwickeln zu können. Paradoxerweise hängt die Befreiung von wirtschaftlichen Zwängen gerade von diesen ab.

(Christof Mayer) Raumlabor ist ein noffice, also kein Büro, sondern ein Netzwerk, das aufgrund seiner sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Randbedingungen existiert. Ein Unterschied zwischen Büro und Netzwerk ist, daß wir selbständig und nicht “in" einem Büro, also nicht abhängig arbeiten. Wir arbeiten auf mehrere Orte verteilt in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Grundsätzlich muß man die Arbeiten in zwei Kategorien einteilen. Einerseits gibt es Individualarbeiten, die die ganze formale und inhaltliche Bandbreite der Mitglieder aufzeigen. Andererseits gibt es Kollektivarbeiten, die zeigen, was passieren kann, wenn diese unterschiedlichen Haltungen zusammentreffen. Ein Beispiel für verschiedene formale und strategische Ansätze sind die drei Beiträge für Europan 7, die zwar für unterschiedliche Orte, aber im gleichen Rahmen alle im Raumlabor entstanden sind. Die wesentlichen kollektiven Arbeiten sind unser Beitrag zu “Linie 8”, das Gutachten “Kolorado – Perspektiven für Halle-Neustadt" und die Machbarkeitsstudie für einen Bike- Park auf einem ehemaligen Friedhof in Berlin. Diese Projekte entwickelten wir in unterschiedlichen Konstellationen, Das Gutachten für Halle-Neustadt entstand beispielsweise im Rahmen einer Projektgruppe in einer eigens für diese Studie gegründeten GbR. Sie setzte sich so zusammen, daß ein Spektrum von Aktion bis Städtebau abgedeckt war.

ARCH+: Inzwischen haben wir begriffen, daß das Raumlabor eine Gruppe mit flachen Hierarchien ist, deren Miglieder anders arbeiten wollen, als sie es einem Büro tun würden: Ihr bearbeitet vornehmlich eigene Projekte. So weit das Raumlabor-Selbstverständnis, so weit so gut. Bleibt die Frage nach dem Inhalt. Oder anders: Um was geht's? Die einzige Reflexion zum Verhältnis von Anspruch und Umsetzung hat ein dem Raumlabor nur “lose assoziiertes Mitglied" geliefert: Florian Steinbächer erinnert an das Prinzip Umkehrung, das er anhand von 18 Kindermöbeln konkretisiert. Und er mahnt: “Natürlich rechtfertigt sich jede Arbeitsweise erst durch die Ergebnisse!" Also: Um was geht's? Was sind die Inhalte von Raumlabor, formale oder theoretische? Was erarbeitet Ihr in den von Euch entwickelten Arbeitsweisen, was Euch in einem “normalen" Büro verwehrt bleiben würde? Bitte erläutert anhand der Raumlabor-Projekte, was Lernen von Raumlabor ist.

(Markus Bader) Halle-Neustadt, “Kolorado – Perspektiven für Halle-Neustadt”. Im Rahmen des Wettbewerbs Stadtumbau- Ost wurde Raumlabor vom Stadtplanungsamt Halle beauftragt, eine zukunftsweisende Fortschreibung des bestehenden Stadtentwicklungskonzepts zu erarbeiten. Zur Beauftragung kam es als Folge der raumlabortypischen Teambildung: Wir haben uns als Knowhowpool um den Auftrag beworben.

Projektansatz: Halle-Neustadt ist eines der letzten europäischen Idealstadtprojekte. Die Stadt wurde auf politischen Beschluß 1964 gegründet und für die Chemiearbeiter von Buna, Leuna und Bitterfeld bis in die neunziger Jahre weitergebaut. Rationalisierungen in der Industrie führten zu Arbeitslosigkeit und Wegzug, Halle-Neustadt schrumpfte von mehr als 100.000 auf um die 65.000 Einwohner. Rund ein Viertel der zu 99% in Plattenbauten liegenden Wohnungen stehen heute leer. Um mit unseren Vorschlägen möglichst direkt auf die Probleme reagieren zu können, verfolgten wir eine doppelte Strategie der Ortsanalyse: zum einen die klassische Studioarbeit mit den Mitteln des Plans, der Tabelle und der Planungsgeschichte, zum anderen die Mittel der systematischen und unsystematischen subjektiven Ortserkundungen. Wir führten experimentelle Stadtläufe durch, befragten und diskutierten mit Bewohnern, mieteten und bewohnten eine P2-Wohnung im 11. Stock, luden zum Kaffeetrinken ein, entdeckten die Menschen hinter der Hallenser Subkultur, diskutierten das Wohnen in der Platte, den Imagewandel, das Grün, den Städtebau, die Nachbarn und die Zukunft. Unser Bild von Halle- Neustadt wurde zu einem komplexen Gebilde aus sechs individuell gefärbten, vernetzten Interpretationen all dieser Wahrnehmungsebenen.

So entstand der Raumlabor-Vorschlag, Halle-Neustadt zu Kolorado-Neustadt weiterzuentwickeln: eine offene Strategie, die darauf abzielt, den ehemals homogenen Stadtteil innerlich und äußerlich zu diversifizieren, die Bewohner für die Chancen im Transformationsprozeß als Akteure zu gewinnen, mit dem Einrichten von Kommunikationsplattformen den Austausch unter den Akteuren zu stimulieren und die ganze Entwicklung mit zeitlich gestaffelten Impulsen gezielt in Gang zu setzen. Der erste Schritt ist eine radikale Neustrukturierung von Neustadt in neue Untereinheiten. Im nächsten Schritt werden für ausgewählte Teilfelder zusammen mit lokalen Teams Maßnahmenkonzepte entwickelt. Zur Zeit diskutieren wir mit der Stadt Halle und Wohnungsbauunternehmen, wie dieses Konzept umzusetzen ist. Ein wichtiger Baustein der Kolorado- Strategie ist die Installation von Aktionsknoten. Das sind Aktionen, die Leute vor Ort zusammenbringen und andere nach Neustadt holen, die sonst nicht dorthin kämen. Bestes Beispiel ist das diesjährige Theaterfestival in Halle, “Hotel- Neustadt", dessen Organisationsteam mit Benjamin Foerster-Baldenius und Matthias Rick gleich zwei Raumlabor- Aktive enthält. Herausforderung und Themenschwerpunkt des Festivals sind Halle-Neustadt, Leerstand und Perspektiven. Teil des Projektes ist es, eins von vier leerstehenden 18-geschossigen Hochhäusern im Zentrum von Neustadt, ein ehemaliges Wohnheim für 1.000 Studierende, für die Dauer des Festivals als temporäres Hotel zu nutzen. (Siehe 166 ARCH+, S. 38/39)

Innerhalb des Hotelprojekts gab es Raumlabor-Plug-Ins: Mit der gocji-crew, einer Studentengruppe der BTU Cottbus, untersuchuten wir, wie die beim Abriß von Gebäuden anfallenden überflüssigen Materialien und Strukturen als Ressource begriffen werden können. Experiment: Wie kann man mit 50 Türen in einem heruntergekommenen Hochhaus temporäre Wohnenklaven schaffen? Wir wohnten und bauten eine Woche lang vor Ort. Im Rahmen des Hotel-Neustadt- Festivals erprobten wir dann den Freizeitwert von 50 weiteren Türen: Zusammen mit Jugendlichen aus Hallenser Radfahrszenen bauten wir daraus einen Bikeparcours auf dem Neustädter Platz.

(Michael Kuhn und Florian Steinbächer) Von Raumlabor lernen ist Ausdauer lernen. Das Projekt Wohnscape verfolgen wir seit über zwei Jahren mit zäher Geduld und entgegen jeder wirtschaftlichen Vernunft. Der Wille, inhaltlich weiterzuarbeiten, wird spät belohnt: Im Herbst dieses Jahres ist Baubeginn. Wohnscape ist der Ausbau eines Dachgeschosses mit freiem Grundriß. Ziel ist die landschaftliche Inszenierung sowohl des Innen- als auch des Ausblickes auf den Außenraum. Landschaft: Anstelle von “Zimmern" stellen Raumobjekte mit integrierten Schiebetüren sowie Podeste als landschaftliche Elemente die räumliche Gliederung her. Der Boden ist durch Podeste angehoben. Raumobjekte und Bodenrelief inszenieren so ein Zusammenspiel über- und untergeordneter Blick- und Wegebeziehungen, die in der Vertikalbewegung über das Treppenobjekt auf dem Dach mit grandiosem Ausblick enden.

(magma) Raumlabor wurde von einem BMX-Begeisterten, der das Moritzplatzprojekt kannte und von der darin vertretenen Idee, in der Stadt neue Berge zu bauen, fasziniert war, angefragt, eine Studie für einen BMX-Park in Berlin- Neukölln zu erstellen, um Sponsoren und Träger für dessen Umsetzung zu akquirieren. Nach einem offenen Workshop bildete sich das Raumlabor Bikepark Team aus Christof Mayer und Martin Heberle, dem Landschaftsarchitekten Tancredi Capatti und magma. Die Brache in der Einflugschneise zum Flughafen Tempelhof – zwischen Blöcken im Norden und Süden und dem Rollfeld des Flughafens im Westen – für Biker und Skater zu aktivieren, reiht sich als “alternative öffentliche Freizeitaktivierung" in die typischen Raumlabor-Aufgaben ein. Uns (magma) interessierte, die Aufgabe vor unserem Hintergrund aus Museums- und Ausstellungsdesigns anzugehen und mit atmosphärischen Bildern als Metaphern im Stadtraum zu arbeiten. Der Entwurf nimmt das Subkulturverhalten der Zielgruppen auf. Ziel ist es, statt eines abgeschlossenen BMX-Areals am westlichen Ende der Brache das gesamte Gelände in die Planung zu integrieren. Dessen Charakter soll teilweise erhalten bleiben, seine “unwirtlichen" Eigenschaften verstärkt werden. Weder Park noch Stadtlandschaft: ein nichturbaner Zwischenraum entsteht. Als Bild dienen Kraterlandschaften: die vorgesehenen Geländemodulationen bilden Anlauf- und Beschleunigungsstrecken für verschiedene BMX-Disziplinen, schaffen aber auch Aktivitäts-, Ruhe- und Zuschauerzonen. Minimale Eingriffe ermöglichen so die Nutzbarmachung und eine neue Lesbarkeit der Brache.

(Benjamin Foerster-Baldenius) Meine kleine, einfache These bezieht sich auf einen Aspekt, den ich schwerpunktmäßig in den Raumlabor-Knowhowpool einbringe. Sie lautet: Lernen vom Raumlabor heißt, öffentliche Kulturgelder sinnvoll einzusetzen. Als Beispiel dient das Projekt “Club der Nichtschwimmer”, das ich im Frühjahr dieses Jahres mit Peter Arlt, freier Stadtsoziologe aus Linz, und Wolfgang Grillitsch, Peanutz Architekten, Berlin umgesetzt habe. Es entstand im Rahmen der Ausstellung “Real Utopia” der Rotor Association for Contemporary Art. In Graz gibt es außer der Mur noch einen etwas vergessenen Flußlauf: den Mühlgang. Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde im Mühlgang gebadet, damals war das ganz selbstverständlich. Heute wird das Baden als zu gefährlich eingestuft. Vor allem in Haftungsfragen hat sich ein starker Gesinnungswandel vollzogen, der die Eigenverantwortlichkeit von Einzelpersonen in den Hintergrund stellt und Betreiber und Eigentümer öffentlicher Einrichtungen mit enormen Auflagen konfrontiert.

Wir haben auf einer Brachfläche am Mühlgang die Infrastruktur eines kleinen Flußbades eingerichtet: Ein Badesteg, eine Dusche und eine “Spanische Wand" zum Umkleiden. Im Regelfall ist das Gelände jedoch nicht zugänglich. Ein Zaun-Korridor am gegenüberliegenden Grundstück erlaubt eine Betrachtung der Badeeinrichtungen aus nächster Nähe. Besonders Interessierte können Clubmitglieder werden. Als solche bekommen sie die Berechtigung zum Betreten des Geländes – sie verpflichten sich aber, nicht zu baden! Der Club der Nichtschwimmer wird seit der Eröffnung von unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen rege genutzt. Zum Grillen, zum Kartenspielen, zum Arbeiten im Freien und zum Nichtschwimmen. Das Projekt wurde aus Geldern der Kulturhauptstadt Europas 2003 finanziert.

(Jan Liesegang) In den letzten Wochen haben wir mit einem Raumlaborteam (Anne Schmidt, Frauke Gerstenberg, Irina Jurasic, Francesco Apuzzo, Jan Liesegang) für das Projekt “Hotel-Neustadt” eine leerstehende Espressobar als Treffpunkt für Künstler und Publikum und als Anlaufstelle für die Halle-Neustädter geplant und ausgebaut. Gewöhnungsbedürftig waren die Bedingungen: Neben einem minimalen Budget für Planung und Ausführung standen als Material zur Verfügung: unendlich viele Türblätter aus umliegenden, ebenfalls leerstehenden Gebäuden, alte Schrankwände, Schrauben, gesponsorte weiße Wandfarbe und einige Tuben Abtönfarbe. Vorgefunden haben wir: einen leeren, zum Platz raumhoch verglasten, bzw. verbretterten Raum, braune, mit Spritzputz überzogene Wände, eine vergilbte, abgehängte Akustikdecke, Reste von Möbelfundamenten aus Mauerwerk, einen mit Resopal überzogenen Oberschrank und eine funktionsfähige Toilettenanlage. Die Herausforderung und der Reiz dieses Projektes lagen in der Begrenztheit der finanziellen Mittel einerseits, der Unbefangenheit des Temporären und der gestalterischen Freiheit andererseits. Um unsere Ideen zu realisieren, haben wir die Möbel selber gebaut, ein Trupp Jugendlicher aus dem Ausbildungswerk “Frohe Zukunft” hat Malerarbeiten ausgeführt, für Sanitär- und Elektroarbeiten standen Firmen zu Verfügung.

Am wichtigsten war uns die Offenheit zum Platz und eine Gestaltung, die trotz der einfachen Bauweise und Baumaterialien von den Neustädtern als Caféeinrichtung wahrgenommen würde. Das Konzept ist einfach: Die Sitzmöbel bilden ein dynamisches, mäanderndes Gefüge, das sich um die Pfeiler windet und den Außenraum mit dem Innenraum verbindet. Auf die modernistische Idee der sich unter dem aufgeständerten Gebäude fortsetzenden Landschaft beziehen sich die Erd- und Grüntöne der sich über die Wände ziehenden Farbbänder. Alle Sitzmöbel sind ausschließlich aus alten Türblättern hergestellt. Daraus ergibt sich: die max. Höhe ist die Türblattbreite, die max. Länge die Türblatthöhe. Die Schattenfugen zum Boden entstehen durch die Türfalze, die Verbindungen sind geschraubt oder genagelt. Die verschiedenen Höhen erlauben die gleichzeitige Nutzung als Sitz(bank), als Liege, als Frühstückstablett und als Sonnenschirmhalter. Die Leuchten bestehen aus einem Bogen Papier, der querseitig zusammengenäht und mit Draht befestigt ist.

Noch während der Ausbauarbeiten kommt eine ältere Dame zu uns in die Espressobar. Sie bringt uns als Spende einen Schuhkarton voll alter Espressotassen. Sie erzählt, daß sie seit 30 Jahren in Neustadt lebt und daß sie als junge Chemikerin in dieser Bar die Liebe ihres Lebens getroffen hat. Zur Eröffnung ist die Espressobar recht voll. Ich erkenne sie erst, als sie ihre zweite Runde Sekt bestellt. Sie ist mit ihrem Mann gekommen. Eng zusammengerückt sitzen sie in ihrer Nische und beobachten das Geschehen. Hinter ihnen spiegeln sich die Lichtreklamen des Neustädter Shoppingcenters in den Fensterscheiben. Einen Moment lang sehe ich sie vor mir: 1973, der Raum in Brauntönen gehalten, sie mit langen offenen Haaren in engem Jeansrock, er mit Hornbrille und Rollkragenpullover. Die Beleuchtung ist gedämpft. Sie sitzen auf in Ziegel gemauerten Bänken, der niedrige Tisch vor ihnen steht voller Flaschen, die Luft ist schwer vom Zigarettenrauch, aus den Lautsprechern dröhnt Rockmusik.

Randbemerkung: Marcel Duchamp antwortete auf die Frage, worauf in seinem Leben seine Zufriedenheit sich gründete: “Zunächst einmal habe ich Glück gehabt. Ich habe nie arbeiten müssen, um leben zu können. Und arbeiten, um zu leben, ist meiner Meinung nach im Blick auf die Ökonomie ein bißchen idiotisch.” (Aus: Pierre Cabanne, Gespräche mit Marcel Duchamp, Köln 1972) Duchamps Aussage klingt vielleicht dekadent, sie scheint mir aber auf die heutigen Planungsbedingungen übertragbar, welche oft so beschwerlich sind, daß sie einen befriedigenden, in Relation zum Ergebnis stehenden kreativen Prozeß verhindern. Um zur Zeit überhaupt öffentlichen Raum finanzierbar und verantwortbar mitgestalten zu können, sind wir deshalb bereit, ungewöhnliche Planungsumstände hinzunehmen und für Experimente zu nutzen. Das Problem dabei bleibt natürlich, daß wir nicht, wie Marcel Duchamp, Brancusis verkaufen können, wenn uns das Geld ausgeht.

Das Gespräch fand im im Spätsommer 2003 zwischen Raumlabor, Nikolaus Kuhnert und Susanne Schindler statt. www.raumlabor-berlin.de

 

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