ARCH+ 122

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 122,
Seite(n) 83-84

ARCH+ 122

Vorausbilanz

Von Neumann, Gerd

Spreepegel 8 m über Normal, Urstromtal wieder geflutet - bisher hatten die Braunkohlelöcher in der Niederlausitz es verhindert: Spätestens jetzt wird man die Kurzsichtigkeit jener Planungsverantwortlichen beklagen, die nach der Vereinigung und der Wahl Berlins zum Regierungssitz das stadttopographische Angebot des Tempelhofer Feldes für ein drittes (Regierungs-) Stadtzentrum oben auf dem Teltow ausgeschlagen hatten. Aber soweit mußte es - im Zuge der Klimaveränderung - gar nicht erst kommen, um die Irrtümer zu erkennen. Es hatte genügt, sich vor dem Hintergrund der weltwirtschafts- und bevölkerungspolitischen Dynamik endlich einzugestehen, daß dieser einst optimistisch verfolgte gesellschaftliche Liberalismus Illusion bleiben würde, ja, daß die ganze Phase des europäischen Humanismus letztlich nur historische Episode sein würde. Was jene aufrichtigen Demokraten und leidenschaftlichen Befürworter einer "Regierung zum Anfassen" nicht hatten wahrhaben wollen: die Sicherungsmaßnahmen in dem mit riesigen Ministeriumskomplexen vollgestopften Altstadtzentrum hatten katastrophale Folgen für die gesamte Stadt. Transparenz - Durchlässigkeit und Durchsichtigkeit - war in jeder Hinsicht ein Begriff von gestern geworden.

Nun aber nützte es auch nicht mehr, Dämme gegen die Spree aufzuschütten. (Die Spreeinsel war schon ein hochbordiges Schiff geworden und hohe Stege liefen zu den Wolkenkratzern an Alex und Potsdamer Platz.)

1993 hatten man des Axel Schultes Riegel für das Regierungszentrum am Reichstag als "Glücksfall" gefeiert. Das mag er nach damaligen Maßstäben auch gewesen sein, wenngleich er schon damals, ehe er verhackstückt wurde, - sehr eindrucksvoll - gegen die Stadtlandschaft entworfen war. Aber das war die Tete der Innovation. Und 1994 hatte Niebuhr den Mut, jenen geheimen Wünschen Vorschub zu leisten, zu denen man sich öffentlich noch nicht so recht bekennen wollte. (Oder war er so naiv, sich zum Prügelknaben zu machen?) Das Schloß blieb möglich (denn auch die, die es nicht wollen durften, wollten es im stillen - ohne ihre öffentliche Zustimmung und Verantwortung zwar), die DDR-Relikte konnten wacker abgebrochen werden (nun auch ohne Asbestverseuchungsvorwand), die Ministerien konnten schon jetzt kompakt zu hermetischen Komplexen zusammengeschlossen werden und wahrten trotzdem den Anschein noch jener "Transparenz".Vorläufig wurde auch noch von der Verpflichtung gegenüber der "historischen Stadtgestalt" und von "kritischer Rekonstruktion" geredet. Doch spätestens, nachdem die Ministerien in eigener Hoheit auch vertikal expandierten, war es damit vorbei.

So war das - unweise! - mit dem Städtebau.

Man handelte hier zwar auch Namen. Doch die Kritik hatte es nicht nötig, sich vorrangig an denen zu reiben. Anders in der Baukunst dieser Tage. Hier konnte Kritik nur noch ad hominem sich äußern. Das war eher peinlich, denn es forderte der Kritik Kultur ab und es vergrößerte zudem nur die Macht des einen Namens, in dessen Schatten längst der aller anderen getreten war. Anfangs schien es noch ein architektonisches K.-K.-nien zu werden, aber K-leihues fiel bald hoffnungslos ab - sehr zu seinem Leidwesen. Blieb allein K. Wolf Jobs-Siedler wollte ihn schon früh als den einzig Wegweisenden entdeckt haben. Woher sie rührte, diese charismatische Suggestivkraft, die keinem Investor und keinem Wettbewerbsauslober gestattet hatte, ihn beiseite zu lassen, blieb distanzierteren Betrachtern damals schon rätselhaft. Denn an starker Rhetorik herrschte kein Mangel in der Szene. Auch die durchtriebendste Plakatierung von Entwurfsideen war im Medienchaos kein sicheres Rezept mehr. Und sich zum Befürworter einer investorenfreundlichen Baupolitik zu machen, war nicht schon Garantie für die Gewogenheit der Baupolitiker selbst. Doch K.'s phänomenale Autorität sprach allem Defaitismus Hohn, der den Großarchitekten nicht sehen wollte, welcher den damaligen Berliner Bauaufgaben gewachsen gewesen wäre. Hier war er: K. - und konnte nicht anders. Und langsam ließ er die Katze aus dem Sack. (Vielleicht hatte er selbst nicht geahnt, wohin er sich schlagen würde.)

K. machte eine neue berlinische Architektur zu seiner Sache. War es anfangs nur das alles Zadiberragende des Skyscrapers, mit dem K. - New YorkObsession - wähnte, Berlin beglücken zu müssen, so kehrte er alsbald dessen klassische Marmoreingeweide als die wahre Offenbarung nach außen, der Berliner (Trauf-) Höhe gerade artig angemessen. K.'s Schloß-"Rekonstruktion" hatte schon Stein und Ordnung in jener konservativen Weise parat, die dann im Bekenntnis der "steinernen" Pilasterarchitektur seines Eingangstempels am Neuen Museum gipfeln sollte.

K. sah den "hochentwickelten und allgemein anerkannten architektonischen Kanon" schon vor dem ersten Weltkrieg obsolet geworden. K. sah auch: "Die Auflösung gesellschaftlicher Konventionen spiegelt sich im Bauen." K. meinte, "daß unsere Gesellschaft ohnehin nicht mehr in der Lage ist, einen Konsens herzustellen für ein neues, ganzes Haus von der Größe ... des ehemaligen Stadtschlosses." (Dies alles sah manch anderer auch so.) Trotzdem gedachte K., die "Urhütte des neuen Bauens", will sagen: seiner exemplarisch neuen berlinischen Baukunst, am einstigen Schloßstandort zu gründen als Inauguration "eines Bauens, das Kunst und Konvention (wieder) zu verschmelzen vermag und sich an das Wesen des Architektonischen erinnert, dem Berlin seine herausragendsten Bauten verdankt...".

K. sagte allem Individualismus, allem Partikularismus und Innovationismus dem Kampf an. Er beschwor eine Sammlungsbewegung im Zeichen des "Normalen" und "Gemeinsamen". Und andere wie die Magnanos und Lampugnanis stießen drauf ins selbe Hörn des "Alltäglichen", der großen "Einfachheit" und der Besinnung auf Traditionen, wo längst nichts mehr lebendig tradiert war. Reflektierte darin nur ein im Grunde tragisch nobler Wertkonservatismus oder schon ein Totalitarismus des "Normalen" wider allen Pluralismus, der in aller Konsequenz schließlich auch in die "Normalisierung" der gesellschaftlichen Verhältnisse hätte münden müssen?

K. praktizierte diese Totalität des Normalen vorläufig mit Erfolg individuell! Er integrierte nicht, er polarisierte. Noch war seine neue, uralte Pilasterarchitektur nicht Allgemeingut, da sollte er sich jedoch schon verraten haben: so stolz, so hoch in die Baumetaphysik hinein verstiegen. Diejenigen, die so große Affinität zu ihm bewiesen hatten, mußte es hart angekommen sein als der Mystiker im Rationalisten hervortrat und den Kult der reinen Baukunst zu zelebrieren begann. Schuhes' Raumimaginationen hatten schon eine ähnliche Sehnsucht verraten. Hier nun aber war er manifest, der Kult mit dem vermißten Kult: ein strahlendes Pathos der absoluten Nichtigkeit - "auch für Bankette geeignet" (statt zu Füßen des Pergamonaltars!).

Dieser Tempel - nie gebaut - hatte seiner funktionalen Bestimmung nach nichts als ein Eingangsraum zu sein, doch welch eine geradezu orientalische Weihestätte, ein wahres Bab-el-mandeb, ein Höllentor und Tränenpalast ohnegleichen eröffnete den Busladungen von Besuchern den Schnelldurchlauf durch diese Endstation der Vergangenheit: Pergamonaltar, Ischtar-Tor, Markttor von Milet, Palast von M'schatta und Kalabscha-Tor, alles Schutt gegen soviel byzantinisch-alabasterne Großartigkeit. Ein schieres Alpha und Omega der Architektur bot sich da. Von den frühen Pilastertempeln in Tepe Gaura bis hin zum deutschen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 schien darin alles eingesintert. Jene Marmorpracht der Wolkenkratzerfoyers so gut wie Adolf Loos' und Mies van der Rohes Ornamentersatz im kostbar-dekorativen Material wie auch eben jene alabasterne Diaphanie, die alles in ein mild-mystisch betäubendes Licht senkte. Bedrängende Assoziation: "Les Tombeaux..." des Pierre M. Giraud, dessen Architekturen aus einer glasartigen, "nie zerstörbaren Substanz", gewonnen vermittels einer "Dissolution des chairs" aus den Gebeinen der Toten, errichtet werden sollten. Schaurig schön. Das wäre dann museale Normalität gewesen?

Man besann sich anders. (K. wartet noch immer auf seinen "Prozeß". -)

Entgegen den so forcierten Hoffnungen der Konservativen wurde nichts aus einer neuen berlinischen Bauhütte. Sie verkannten gründlich die Zeichen der Zeit. Für ihre überkommenen Qualitätsvorstellungen von einem "anständigen Bauen" war in einer von Generalunternehmern dominierten Bauwirtschaft in der Breite kein Platz mehr. Und Serienproduktmonteuren war da kein Handwerksethos mehr einzuhauchen.

Den Wertkonservativen der Baukunst erging es mitnichten anders als den Wertkonservativen schlechthin. So respektabel ihre Beweggründe auch immer sein mochten, wenn sie sich gegen Verfall und Verrohung der Sitten, gegen den Verlust der alten ehrwürdigen Ordnungen, gegen Dekadenz und Kulturverlust stemmten. In ihrer Rückwärtsfixierung vermochten sie nie je die Werte des Künftigen in dem zu erkennen, was ihnen nur als Niedergang erscheinen konnte. Darum hat Wertkonservatismus nie eine weitertragende Idee geliefert. Seine Position war, so besehen, immer tragisch. So auch hier. Es bleiben ihm am Ende immer nur Zynismus oder Resignation.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden FSB
Feedback erwünscht!