ARCH+ 219: Klaus Heinrich: Dahlemer Vorlesungen – Karl Friedrich Schinkel / Albert Speer

Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS

Die Vorlesungen des Religionsphilosophen Klaus Heinrich an der Freien Universität Berlin hatten stets den Anspruch, all das mit einzubeziehen, was – um es mit seinen eigenen Worten zu sagen – zum „Selbstverständigungsunternehmen der menschlichen Gattung“ gezählt werden kann: Mythologie, Religion und Philosophie, aber auch die Psychoanalyse sowie die bildenden Künste, die Musik und Lyrik. Es überrascht daher nicht, dass in diesem Zusammenhang die Architektur nicht fehlen durfte, manifestiert sich doch die menschliche Gattung immer auch im Gebauten.
Da der leidenschaftliche Hochschullehrer vorwiegend in freier Rede gewirkt hat und bisher nur ein Ausschnitt seiner religionsphilosophischen Vorlesungen erschienen ist, sind seine architekturtheoretischen Überlegungen vom Fachdiskurs nicht wahrgenommen worden. Fast vier Jahrzehnte nachdem er Ende der 1970er-Jahre seine Architekturvorlesungen gehalten hat, veröffentlichen wir dieses originäre Werk, das in seinem aufklärerischen Impetus unerhört aktuell geblieben ist. Faszinierend ist nicht nur das breite Wissen, auf das Heinrich seine Argumentation aufbaute, sondern vor allem seine Art Fragen zu stellen, die in dieser Form ein Architekturhistoriker oder -theoretiker nicht aufgeworfen hätte.

Auf die Frage, was das Wiederaufleben neoklassizistischer Tendenzen heute zu bedeuten hat – präsent in der sogenannten Berlinischen Architektur und in der Rekonstruktionsdebatte –, antwortet Klaus Heinrich:
"Wir müssen dabei unterscheiden, was diese Tendenzen behaupten und was die Sache konkret bedeutet. Einerseits müssen wir fragen, woran sie tatsächlich anknüpfen. Die Antwort lautet, sie knüpfen weniger an Schinkel als an die italienische rationalistische Architektur an. Zweitens, woran möchten sie erinnern und woran erinnern sie wirklich? Man könnte sagen, sie erinnern an eine bestimmte Zeit, der sie das Prädikat, den Ehrentitel des Intakten geben würden: an ein intaktes Berlin, das wieder die alten Traufhöhen hat. Das heißt, es ist eine, sagen wir es mal böse, positivistische Wiederkehr einer fantasierten Intaktheit, die es so wirklich nie gegeben hat. Was im Falle der Schlossrekonstruktion tatsächlich entsteht, ist ein Gerüst, dem man die Fassaden des alten Schlosses überhängen kann oder auch nicht, so dass der eine sagt: „Guck mal, das Schloss“, und der andere sagt: „Guck mal, das neutrale Gerüst“.
Wenn diese Tendenzen behaupten, dass sie sich auf Schinkel berufen, so können wir mit Bestimmtheit antworten: Wenn Schinkel baute, baute er immer gegen schon Bestehendes an. Er verschob die vorhandenen Perspektiven; veränderte das Licht der Umgebung; veränderte die Disposition von Bauten, die restlos auf eine Funktion zugeschnitten waren; machte an Stellen, an denen man es nicht erwartet hätte, die Substruktionen der Gattungsgeschichte explizit wie im Falle der großen Wandfresken in dem offenen Treppenhaus des Alten Museums."

Lesen Sie das faszinierende Interview in der Ausgabe.

Die Heftversion der Vorlesungen, inhaltlich identisch mit der Buchausgabe, sind nur für Abonnenten und Wiederverkäufer (bei laufender Fortsetzung) bestimmt. Nicht-Abonnenten bestellen die inhaltlich identische Buchversion als Schweizer Broschur für € 35 hier oder unter www.archplus.net/publikationen/heinrich/

 

Inhaltsverzeichnis

Thema

2-7

Kostenloser Download

Editorial

8-9

Neoklassizismus im 20. Jahrhundert

12-27

Willfährigkeit des Klassizismus?

28-43

Karl Friedrich Schinkel und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff

44-63

Der Repräsentationsbegriff im Barock und im Klassizismus

64-81

Das klassizistische Berlin Karl Friedrich Schinkels

82-101

Die bürgerliche Sphäre des Klassizismus

102-121

Französische Revolutionsarchitektur I

122-137

Französische Revolutionsarchitektur II

138-157

Zum Verhältnis von Natur und Gattung im Klassizismus

158-165

Die Bewegungsformen des ästhetischen Subjekts: Wandeln – Wandern – Marschieren

164-181

Die Bewegung

182-203

Die Lagerrealität im NS

204-219

Die Totalveranstaltung des politischen Subjekts im NS

Zeitung

225-227

Formfindungen im Einklang mit der Natur

227

ARCH+ auf der Frankfurter Buchmesse 2014

228

In memoriam Peter Neitzke

229

Schulgesellschaft + Klasse Schule

230-232

Schnörkellos

233

Covert Capital

234

Team 10 East

235

Atlas of the Functional City

236-237

Die Schönheit der Vorstadt?

237

Der Berliner Schlüssel

238-239

Minha Casa – Nossa Cidade!

238-239

Critical Spatial Practice: The Ghost of Mies + Subtraction

239-240

Wohlbedacht

Features

242-258

ARCH+ features 13: Über die eigene Vorstellung hinaus bauen

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