Pure Gold - Gespräche mit Volker Albus und Axel Kufus

Geschrieben am 08.12.2017
Kategorie(n): ARCH+ news, Ausstellung, ifa, Hamburg, Recycling, Upcycling

Die folgenden Gespräche fanden anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung Pure Gold – Upcycled! Upgraded! des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg am Steintorplatz statt. Die sehr sehenswerte Ausstellung läuft noch bis 21. Januar 2018.

Pure Gold – Nachhaltiges Begehren
Volker Albus im Gespräch mit Anh-Linh Ngo

Anh-Linh Ngo: In der Einführung zu Ihrer Ausstellung Pure Gold betonen Sie, dass es bei der Menschheitsfrage der Nachhaltigkeit an der Zeit ist, nicht mehr nur an die Vernunft zu appellieren, sondern auch mit ästhetischen Mitteln Begehrlichkeiten zu wecken. Eigentlich ist das gerade ein Instrument der Konsumindustrie. Sollen wir sie also mit ihren eigenen Waffen schlagen?

Volker Albus: Unsere Konsumgesellschaft funktioniert nach dem Prinzip des Begehrens. Trotz aller Vernunftgedanken wird die Warenwelt über schaufensterartige Medien präsentiert. Zuallererst nehme ich die ästhetische Erscheinung eines Produkts wahr – nicht, ob es vernünftig hergestellt wurde oder ob es gut funktioniert. Doch in den bisherigen Diskussionen um Nachhaltigkeit richtete sich der Appell allzu oft auf Verzicht. Ich halte hingegen die ästhetische Qualität für den Schlüssel. Aus diesem Grund haben wir auch den Ausstellungstitel Pure Gold gewählt. Zunächst haben wir mit dem Begriff Upcycling gearbeitet, doch der wird oft mit tabellarischen Darstellungen von Wasser- und Energieverbrauch und ähnlichem in Verbindung gebracht. Die Ausstellung will nicht pädagogisch sein, sondern setzt auf die ästhetische Überzeugungskraft der gezeigten Beispiele. Besonders ausgeprägt ist das bei der Leuchte Styrene aus dem Jahr 2002 von Paul Cocksedge im Eingangsbereich der Ausstellung. Sie wurde aus Polystyrol-Kaffeebechern gefertigt, bei denen niemand an ästhetische Qualitäten denkt. Cocksedge stellte vielleicht nur zufällig fest, dass die Becher bei Erhitzung schrumpfen und fügte sie zu einer Leuchte zusammen, die einfach ein schönes Objekt ist. Ein anderes Beispiel, das wir nicht in der Ausstellung zeigen konnten, weil sie leider unbezahlbar sind, sind Werke von Stuart Haygarth. Er produziert aus abgeschnitten Plastikflaschenböden riesige Objekte, die tatsächlich Begehrlichkeit wecken. Man denkt dabei nicht mehr an Abfall, sondern gerät fast in Erstaunen und Bewunderung. Dafür gibt es natürlich auch andere Gründe, sei es die erkennbar gute Idee, Sorgfalt oder das Handwerkliche. Damit gehen die Vorgehensweisen in andere Kategorien über und dies erscheint mir als elementarer Punkt für ihre Durchsetzung und Popularisierung.

Natürlich zeigen wir auch Beispiele, die aus der Not geboren sind, Situationen, in denen einfach nichts anderes verfügbar ist. Aber auch außerhalb des Notzustands gelangt es immer mehr ins Bewusstsein, dass aus den Objekten nicht nur die rein physische Materialqualität sprechen, sondern verborgene ästhetische Qualität sichtbar gemacht werden sollte.

ALN: Sie sprechen von der verborgenen Ästhetik der Materialien. Das wirft die Frage auf, wie man mit dem Vorgefundenen umgeht. Welche Rolle hat der Gestalter in einem Prozess, in dem er mit bereits Gestaltetem arbeiten muss?

VA: Jakob Michael Landes Hocker dude, der aus Skateboards gefertigt wurde, verdeutlicht, wie der junge Gestalter sich die spezifische Form der Skateboards zu eigen macht. Er schneidet und reinigt sie und setzt sie zu einem raffinierten Objekt zusammen. Der Gestalter identifiziert also bestimmte physische Qualitäten. Er erkennt aber nicht nur, sondern isoliert und arrangiert neu. Die Qualitäten des Materials werden genutzt und handwerklich präzise zu etwas Neuem verarbeitet, nicht dilettantisch zusammengeschmiedet. Die Objekte, die wir zeigen, bedienen sich nicht mehr der Methode des Bastelns oder der Bricolage. Vielmehr merkt man ihnen an, dass sie sehr gute Schreinerarbeiten sind und die Gestalter ihr Handwerk beherrschen. Ob sie dafür Alt- oder Neuholz verwenden, spielt dabei eher eine sekundäre Rolle.

ALN: Interessant ist, dass diese Bewegung so etwas wie ein neues Handwerksethos befördert.

VA: Es gibt heute eine neue Bewegung, Manufakturen zu gründen, um dort Produkte zu entwickeln, immer weiter zu perfektionieren und auch selbst zu produzieren. Piet Hein Eek beispielsweise, der mit seinem Beam armchair with cushions in der Ausstellung vertreten ist, besitzt eine eigene Manufaktur. Das hebt die Qualität der Verarbeitung, die ausgesprochen sauber und präzise ist. Aber auch eine neue quantitative Dimension: In seiner gewaltigen Produktionshalle in Eindhoven bearbeitet Eek Unmengen aufgekauftes Altholz aus den Niederlanden. Jenseits der großen Hersteller treten auf diese Weise ganz neue Akteure auf, wie zum Beispiel Mieke Meijer mit ihrem Produkt NewspaperWood oder Hamed Ouattara, der eine Manufaktur in Burkina Faso besitzt und dessen Produkte inzwischen in aller Welt vertrieben werden.

ALN: Was glauben Sie, wie wird sich dieser Bereich in den kommenden zehn Jahren – das ist der Zeitraum, in dem diese Ausstellung touren wird – weiterentwickeln und verändern?

VA: Blicken wir zehn Jahre zurück, kann man feststellen, dass das Bewusstsein für dieses Thema stark gewachsen ist. Auch bei der Herstellung von Konsumgütern wird Nachhaltigkeit zu einer zentralen Kategorie. Wenn der Konsument merkt, dass die Wiederverwertung eine gewisse Verbreitung erhält, musealisiert wird – was auch zur Akzeptanz beiträgt –, dass die Objekte eine gewisse Wertigkeit haben, dass sie funktionieren und ästhetische Erwartungen erfüllen, werden sich diese Produktionsprozesse weiter etablieren. Dem Design kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Dabei ist dies nur ein Aspekt der Wiederverwertung. Ein anderer, auf den wir in der Ausstellung gar nicht eingehen, ist die großindustrielle Wiederverwertung – ich habe das ‚Verbreiung‘ genannt, weil die Materialien dabei in ihre Bestandteile zerlegt werden. Ein Beispiel ist der FC Bayern München – die Mannschaft spielt in Trikots, die aus Müll produziert werden. Das findet bereits Verbreitung, dazu kommen an anderer Stelle Jeans, die aus PET-Flaschen produziert werden. Druckerhersteller entwickelten eine Maschine, die Altpapier verarbeitet und damit 780 neue Blatt Papier pro Stunde produziert. Ich glaube, dass das parallele Entwicklungen sind, welche beide voranschreiten: Die Rohstoffrückgewinnung auf der einen und das kreative Umdeuten und Umnutzen auf der anderen Seite. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass sich Firmen wie Edra an solchen Produktionsketten wie für das Objekt Digestion n°1 beteiligen. Matali Crasset hat dafür Polsterbezüge aus den quaderförmigen karierten Kunststofftaschen, die heute global verbreitet sind, gefertigt.

ALN: Für die Gestaltung spielt es auch eine Rolle, die Arbeit und Energie, die bereits in das Material hineingeflossen sind, wahrzunehmen, sie höher zu werten und sie dementsprechend in anderer Weise weiterzunutzen. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat es einmal so beschrieben: „Immer größere Teile der Wirklichkeit verwandeln sich in Rohstoff für Produktionen – in Ausgangsmaterie für Abbildungen, Beziehungen, Umwandlungen. Alles, was Produkt war, kann wieder Rohstoff werden, um erneut als leidende Materie die Einwirkungen von Arbeit zu speichern.“ Für unseren Zusammenhang heißt das, dass Design eine Art von Energie ist, die gespeichert wird.

VA: Genau so ist es, es wird nicht nur die physische Qualität eines klassischen Materials wie Holz oder Porzellan genutzt, sondern auch jene Qualitäten, die ein alter Stuhl oder eine alte Hose innehat. Und diese finden sich wieder in einem neuen Zusammenhang und kommen in Form eines neuen Produkts auf den Markt.

ALN: Diese Energie transportiert auch eine Geschichte: eine Lokalisierung der Produkte, die in der Ausstellung ablesbar ist anhand von Spuren und Gestaltungsprämissen.

VA: Eigentlich eine Form moderner Folklore.

ALN: Wie bewerten Sie diesen Aspekt?

VA: Früher, auf dem Dorf, hat man im Wald Holz geholt und daraus etwas geschnitzt. Heute nimmt man Wertstoffe und Produkte, mit denen wir groß geworden sind: Plastik zum Beispiel oder Haushaltsgeräte. Bei mir rufen sie eine Assoziation an das hervor, was mich während meiner vergangenen Lebensjahre umgeben hat – natürlich birgt das auch ein Erinnerungsvolumen. In den 1980er-Jahren habe ich ein Gedicht geschrieben: Meine Heimat ist die Autobahn. Ich bin damals jede Woche alleine von Düsseldorf nach Frankfurt gefahren, habe diese rot-weißen Baken gesehen. Das ist kein verklärter Heimat-Begriff mit Tannen oder Schwarzwald, sondern meine Heimat ist die A3 zwischen Frankfurt und Köln. Ich sehe darin ein immenses Identifikationspotential für die Gegenwart. Deshalb habe ich kein Problem mit dem Begriff Folklore.

ALN: Das stellt die Prämisse des modernen Designs auf den Kopf, universelle Dinge zu produzieren, die global verwendet werden. Die neue Strömung dagegen stellt sie wieder in einen bestimmten Kontext.

VA: Absolut. Das begann aber bereits in den 1960er-, 1970er-Jahren. In bestimmten Bereichen haben universelle Gestaltungsprinzipien natürlich ihre Berechtigung, aber sie können nicht alle emotionalen Wünsche und Kategorien bedienen. Während der großen Diskussion über das ‚Neue deutsche Design‘ in den 1980er-Jahren gab es einen wunderbaren Satz der Gruppe Kunstflug: „Nicht ein Design für alle, nein, viel Design für viele!“ Das findet sich heute wieder, wenn auch weniger ideologisiert.

 

Pure GoldDas Gemacht-sein der Dinge
Axel Kufus im Gespräch mit Anh-Linh Ngo

Anh-Linh Ngo: Das Thema Upcycling wurde von Volker Albus, der die Ausstellung kuratiert hat, gesetzt. Welchen Zugang haben Sie zu dem Thema?

Axel Kufus: Aus meiner Sicht wird Upcycling immer relevanter, denn es ist eine der Strategien, um Ressourcen länger im Kreislauf zu halten statt sie der rein thermischen Verwertung zuzuführen, die nur Energie und nicht mehr nutzbare Restsubstanzen hinterlässt. Dieses Jahr hatte Deutschland seine verfügbaren natürlichen Ressourcen bereits im April aufgebraucht. Global liegt der Zeitpunkt, an dem die Menschen so viel von den natürlichen Beständen der Erde erschöpft haben wie der Planet in einem ganzen Jahr generieren kann, derzeit am Anfang des Monats August. Der Zeitpunkt dieses sogenannten Earth Overshoot Day verschiebt sich jährlich nach vorne – allein schon aus diesem Grund muss sich dringend etwas ändern.

Design ist dabei ein Grundübel, das zum schnellen Verfall beiträgt – sei es durch den Einbau der Obsoleszenz, also der bewussten Verringerung der Lebenszeit eines Produktes, oder durch ständig neue Features und Formensprachen, die das Vorangegangene schnell alt aussehen lassen – wie es in der Mode sehr eindrücklich zu beobachten ist. Mit Design muss man genau an dieses „Alt-Aussehen“ anknüpfen und es zum Paradigma erklären, man muss diese abwertende Wegwerfhaltung, die jenen Strategien innewohnt, durch ein Upcycling und Upgrading, also eine Aufwärtsbewegung ersetzen. Bereits bekannte Strategien sind das repair – das man aus Japan als Wabi-Sabi kennt, welches dem Reparierten einen höheren Wert beimisst, weil es individualisiert ist; das customising, also die individuelle Anpassung, mit der ein Produkt mit der eigenen Persönlichkeit verwoben wird, vorhandene Spuren beibehalten oder eigene Spuren hinzugefügt werden. Es gibt eine Vielzahl an Strategien, Wertigkeiten über den Gebrauch zu erzeugen, um Produkte nicht mehr zu ver- sondern zu gebrauchen.

ALN: Damit nähern wir uns einem der zentralen Begriffe, den Sie im Katalog zur Ausstellung Pure Gold behandelt haben, den des Gebrauchs. Volker Albus erwähnte in seiner Einführung, dass Sicht- und Identifizierbarkeit der Ausgangsmaterialien eine wichtige Rolle spielen – die Gebrauchsspuren fließen in die Gestaltung ein. Ich möchte mit einem eher kritischen Aspekt beginnen: Im Nachhaltigkeitsdiskurs wird der Begriff Ressource fast immer falsch verwendet. Rohstoffe wie Erdöl, Gas und seltene Erden werden als Ressourcen bezeichnet, obwohl es sich dabei um Sourcen handelt, die ausgebeutet und verbraucht werden. Ressourcen dagegen sind Dinge, die innerhalb eines Systems bewirtschaftet werden – man muss sich um ihre Wiederherstellung kümmern, sie werden, wie Sie gerade gesagt haben, ge- und nicht verbraucht. Die Intention der Nutzung spielt im Ressourcenbegriff damit eine zentrale Rolle. Wie verstehen Sie diesen Begriff?

AK: Als Gestalter verwende ich lieber den neutralen Begriff der Substanzen. Wobei neutral nicht heißt, dass die Materialien unberührt sind, sondern bereits Teil eines großen Stoffstroms: Sie wurden schließlich mit viel Aufwand an- oder abgebaut und mit viel Energie von Hand oder mit Maschinen und Werkzeugen bearbeitet. Die nächste Energie, die in die Substanzen einfließt, ist eine symbolische und betrifft die Frage, welche Rolle wir ihnen in unserem Leben zumessen und welchen Nutzen sie für uns haben. Anstatt die Gegenstände wie bisher nach dem Gebrauch zum größten Teil einfach direkt in den Abfall zu geben, müssten wir anders mit ihnen umgehen. Ein Objekt, das seine eigentliche Funktion verloren hat, kann für weit mehr als die rein thermische Verwertung genutzt werden, wenn man neue Einsatzmöglichkeiten für es findet. Dann entsteht resourcing: eine Kultur, oder sagen wir, Aufmerksamkeit für das, was wir an Bestand längst haben, indem wir ihn durch Umnutzen, Weiternutzen und Rekombinieren neuen Bedeutungen, neuen Gebrauchswerten und neuen Symbolwerten zuführen.

ALN: Beim Upcycling geht es also nicht nur um den Umgang mit energetischen, sondern auch mit symbolischen Werten?

AK: Wenn man den Lebenszyklus eines Objekts betrachtet, der energetisch eher eine Abwärtsspirale darstellt, stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten wir als Gestalter haben, um diesen abwertenden Kreislauf zu irritieren und die den Objekten innewohnende Substanz wieder auf eine andere Höhe zu bringen. Mit welchen Energien und Strategien kann ich die Spirale aufhalten, und welche Impulse kann ich geben, um sie eine andere Richtung einschlagen oder Verzweigungen entstehen zu lassen. Das ist wichtig, weil das lineare Denken uns in die heutige, ausweglos scheinende Lage gebracht hat.

ALN: Dabei bleiben die Spuren – abstrakt ausgedrückt die Energien, die auf das Material eingewirkt haben – sichtbar, um Identifizierbarkeit zu erzeugen. Wie spielt das Arbeiten mit diesen Spuren dem Gestalter in die Hand?

AK: Manchmal ist diese Art zu arbeiten sehr naheliegend, weil man die Produkte nicht in eine flüssige Substanz, eine Schmelze oder einen Brei zurückführen muss; man muss nicht häckseln, mahlen oder einweichen. Erinnerungsspuren können als Herkunft, eigene Identität oder Quelle sichtbar bleiben und für die Narration, die jedem Objekt zu eigen ist, nutzbar gemacht werden. Umso schöner wird es, wenn daraus eine Erzählung entsteht, die mehrere Interpretationen zulässt. Anstatt beim Upcycling den dogmatischen Weg des erhobenen Zeigefingers zu gehen, sollten Möglichkeitsräume eröffnet werden, die das Spiel mit diesen Substanzen oder Relikten zulassen.

ALN: An den ausgestellten Objekten fällt vor allem ihr Gemacht-sein auf, die Bruchstellen sind nicht verleugnet, werden nicht verschliffen. Kann das eine Strategie sein, um ein neues Handwerksethos zu erzeugen?

AK: Interessant daran ist zum einen, dass die Prozesse lokal, dezentral und eigensinnig entstehen können – das heißt mit einem eigenen Vermögen ausgestattet, das eine individuelle Spur zulässt: Für den Bastler oder Maker kann das bedeuten, anstelle standardisierter Prozesse auf den jeweiligen Charakter der Substanz oder des Relikts einzugehen. Hierfür reichen die lokalen Möglichkeiten aus, und Präzision muss dabei keine Rolle spielen. Andererseits kann dem Ganzen auch – und daher ist die Bandbreite der Ausstellung interessant – mit großer Finesse begegnet werden. Wenn wir den Begriff Upcycling in die Google-Bildersuche eingeben, wird hauptsächlich Handgefertigtes angezeigt, das etwa mit zwei Dosen zusammengebastelt wird. Hierdurch entsteht möglicherweise eine Scheu davor, in reine Bricolage abzusinken anstatt die notwendigen Feinheiten des Produktes herauszuarbeiten – natürlich auch, weil wir von den ganzen Raffinessen des Designs verwöhnt sind. Die Kultur des Upcyclings ist aber immens vielfältig. Eine Ausstellung, die nicht erzieherisch argumentiert, sondern Finessen zeigt, kann zum Umdenken beitragen.

ALN: In welchem Verhältnis steht die Maker-Szene, in der das Machen und nicht das Gestalten im Vordergrund steht, zu diesem Argument der Finesse?

AK: Die Aufgabe dieser Ausstellung ist es, Vorbilder zu zeigen, die sonst nicht auf dem Museumssockel stehen. Wir wollen in den Hands-on-Workshops, die die Ausstellung auf ihrer Tournee begleiten, zunächst herausfinden, was sich bereits mit den einfachsten Utensilien machen lässt. Unser Pilot-Video kann man mit jedem Handy, das heißt mit einfacher Technologie, abspielen und das Gezeigte anwenden. Die nächste Stufe der Workshops widmet sich den Feinheiten, den Charakteren und möglicherweise auch der Eleganz der Projekte. Maker, die diese Workshops für ihre Pionierarbeit nutzen, können dabei eine ganz andere Klientel ansprechen, für die Design, in Form schon gezielt aufbereiteter Rezepturen, als Orientierung dienen kann. Hier gibt es noch viel Ausbaupotential.

ALN: Die Ausstellung handelt auch von einem ästhetischen Zugang, davon, Begehrlichkeit zu wecken. Wie stehen Sie zu Begriffen wie Ästhetik? Wie wird heute in der Designszene mit solchen, eine Zeit lang gemiedenen Konzepten, umgegangen?

AK: Für mich ist Ästhetik einer der wesentlichen Begriffe, so wie es auch die Eleganz ist, die ich etwas weiter interpretiere als im klassischen, klischeehaften Rahmen. Nämlich als Prozess, der Kräfte versammelt, aus denen Synergien entstehen. Die daraus resultierende Leichtigkeit im Prozess kann dazu führen, dass man am Ende sagt: So muss es sein! Für mich ist das mit einem hohen Anspruch verbunden. Die Herstellung eines industriellen Produkts können wir vielleicht als Top-down-Vorgang bezeichnen, im Gegensatz dazu verstehe ich Upcycling als einen Bottom-up-Prozess. Hier kann Design zeigen, dass es nicht nur von oben nach unten in Richtung Verbrauch geht, sondern auch von unten nach oben wirken kann. Das bringt das Upgrading auf den Punkt: Es ist dezentral, hat ein Lokalkolorit, das genutzt werden soll statt statisch verstanden zu werden. Es ermöglicht Projekte, die etwa in Bangkok mit bestimmten Akteuren entstehen, dann von Manila aus kommentiert oder in Südafrika weitergedacht werden. Darin sollen auch Anreize zu einem spielerischen Wettbewerb stecken, ob man das vorgestellte Projekt übertreffen kann.

ALN: Was ist Ihr Ziel am Ende der zehnjährigen Tournee dieser Ausstellung?

AK: Ich erhoffe mir, dass im Windschatten der Ausstellung Dinge lokalen Ursprungs entstehen, die als neue Exponate ergänzt werden. Gewisse Projekte sollen auch über Videos viral kommuniziert werden. Das ist eine zeitgenössische Form der Kommunikation, die für jeden zugänglich ist und an der sich jeder beteiligen kann. Elke aus dem Moore vom Institut für Auslandsbeziehungen hat diesen Gedanken, der bei einer Kunstausstellung schwer umsetzbar ist, sehr gefördert. Bei einer Ausstellung von Produkten ist es höchste Zeit dafür, ich hoffe, dass wir in zwei Jahren so weit sein werden. Die Konferenz „Trash it? Burn It? Use It!“, die ich begleitend zur Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg organisiere, fungiert dafür als erster Impulsgeber. Die Vernetzung der Maker-Szenen ist etwas extrem Wertvolles, das ich einerseits nutzen und andererseits befruchten möchte. Ich denke, im Upcycling steckt eine Fülle an Potentialen für den Gestaltungsdiskurs!

 

Pure Gold - Upcycled! Upgraded!

Eine Sonderausstellung des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg am Steintorplatz
15. September 2017 bis 21. Januar 2018

puregold.ifa.de

 

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