ARCH+ features 1: BARarchitekten

Geschrieben am 15.10.2010 von ngo
Kategorie(n): ARCH+ features, Produktionsbedingungen, Selbstinitiierte Projekte, Selbstbau, Baugruppen, Berlin

Mischen possible // Antje Buchholz, Jack Burnett-Stuart, Michael Matuschka und Jürgen Patzak-Poor (BARarchitekten) im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo (ARCH+)

Wir beginnen die Reihe ARCH+ features mit dem Büro BARarchitekten, das 2010 ein Projekt in der Oderberger Straße in Berlin fertig gestellt hat. Die Besonderheit dieses hybriden Gebäudes liegt dabei nicht in einer spektakulären architektonischen Geste, sondern in der zurückgenommenen Alltagsästhetik, dem urbanen Programm und dem Realisierungsmodell. Wir trafen uns mit Antje Buchholz, Jack Burnett-Stuart, Michael Matuschka und Jürgen Patzak-Poor in ihrem Büro, das sich seit der Fertigstellung im Neubau befindet, zu einem ausführlichen Gespräch.

 


Vortrag von BARarchitekten zum Thema "Modelle bauen" zum Start der Reihe ARCH+ features am 15.10.2010 im ehemaligen Ungarischen Kulturinstitut in Berlin-Mitte. Medienproduktion: architekturclips.de.

 

Auszug aus dem Interview

ARCH+: In den Ausgaben zur „Off-Architektur“ und zum „Situativen Urbanismus“ haben wir die Arbeitsweise Eures Büros BAR – Base for Architecture and Research – bereits vorgestellt. Bisher haben wir eher auf den Aspekt des Research fokussiert, auf Euren dokumentarischen Ansatz und Euer Interesse am urbanen Alltag. Wir haben uns für Euren Blickwinkel interessiert, der sich immer auf das Verhältnis von Einzelobjekt zur Stadt, von Nutzung zum Raum richtet. Mit der Fertigstellung Eures Projekts in der Oderberger Straße bietet sich nun die Gelegenheit, über die Umsetzung dieser Ansätze zu diskutieren, also über den anderen Teil des Büronamens, über Architektur. Neben berufspraktische Aspekte wie Eurer Vorstellung von einer „integrierten Praxis“ treten dabei auch architektonisch-räumliche Fragestellungen in den Vordergrund. Um Euren Ansatz besser verstehen zu können, wäre es interessant, wenn wir zunächst kurz Euren Werdegang nachzeichnen. Wie habt Ihr euch kennengelernt?

BAR: Während des Studiums: Antje, Jürgen und Michael trafen sich an der HdK (heute UdK) in Berlin, Jack und Jürgen an der Architectural Association in London, als dieser 1986/87 sein Austauschjahr dort verbrachte. Beide haben zufällig Dostojewskis „Idiot“ gelesen – eine gute Grundlage für die Verständigung … (Gelächter)
Jack schloss sein Studium an der AA 1990 ab, Jürgen im Jahr darauf an der HdK. Michael, der vorher Design in Essen und Wien studiert hat, wurde 1994 fertig. Nach seinem Studium zog Jack von 1991 bis 1996 nach Berlin. 1992 haben wir BAR gegründet, Antje stieß 1996 nach ihrem Diplom dazu.

Bei wem habt Ihr studiert?

Wichtige Bezugspersonen im Studium waren Peter Salter und William Firebrace. Bei beiden ging es darum, räumliche Konzepte aus der Beobachtung existierender Zusammenhänge zu entwickeln. Peter Salter hat starken Bezug auf den Landschaftsraum genommen, in dem wir zeitliche Prozesse der räumlichen Veränderung studiert haben. Gleichzeitig hat er einen sehr handwerklichen Aspekt in seine Lehre eingebracht, ein Teil der Studienprojekte bestand aus der Umsetzung von Prototypen, die bis zum 1:1-Maßstab reichten. Bei William dagegen ging es weniger um den Ort als um komplexe Strukturen und Handlungsabläufe.

Was meint „Beobachtung existierender Zusammenhänge“ konkret?

Für uns bedeutet es, die Beziehung zwischen dem gebauten Raum und den darin stattfindenden Prozessen, dem Gebrauch, den sozialen Verflechtungen und den zeitlichen Veränderungen zu erforschen. Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty unterscheidet den anthropologischen vom geometrisch konstruierten Raum. Den anthropologischen Raum am Beispiel von alltäglichen Situationen immer wieder zu analysieren, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit geworden. Ob es dabei um städtische oder landschaftliche Räume geht, wie bei Peter Salter, spielt zunächst keine Rolle. In unserer Architekturpraxis ist jedoch der Stadtraum zum zentralen Thema geworden.

Das heißt, der dokumentarische Ansatz, der Eure Arbeit stark prägt, stammt aus der Zeit des Studiums?

Ja, wir haben im Studium erkannt, dass die Visualisierung der eigenen Beobachtung für uns von Bedeutung ist, weil sie die Suche nach einer eigenen Handschrift schärft und weil sich daraus für uns relevante Themen ableiten.
Wir haben uns auch für den Dokumentarfilm und verwandte künstlerische Gattungen interessiert. Daraus haben wir viele Anregungen geschöpft. Eines unserer ersten gemeinsamen Projekte war DAS BLATT. Es handelt sich um ein DIN A2 großes Blatt, auf dem wir jeweils ein BAR-Projekt oder eine alltägliche städtische Situation in Berlin dokumentiert haben. Dieses Blatt haben wir dann als Blaupause an Freunde oder Zeitschriften verschickt. DAS BLATT haben wir als einen Kommentar zur Nachwendezeit verstanden, als die großen Wettbewerbe in Berlin durchgeführt wurden. Zwischen 1992 und 1995 sind insgesamt zehn Blätter entstanden. Dieses Interesse für alltägliche Situationen konnten wir später, als wir Margaret Crawford und ihr Konzept des „Everyday Urbanism“ kennengelernt haben, theoretisch untermauern.

Ihr bezieht euch auch häufig auf Dieter Hoffmann-Axthelms Stadtdiskurs. Welche Rolle spielt Hoffmann-Axthelm für Euch?

Wir haben uns für seine stadttheoretischen Arbeiten interessiert und teilten seine Kritik an den Berliner Investorenprojekten und der Politik, die nach dem Fall der Mauer Projekte wie den Potsdamer Platz ermöglichte. Marcel Ophüls hat diese Entwicklung in seinem Berlin-Film „Novembertage“ gezeigt. Dieter Hoffmann-Axthelm hat unser Interesse für die Stadtstruktur und Jonas Geist für die Nutzungsstruktur des Berliner Mietshauses geweckt, Letzterer während des Studiums an der HdK. Jonas Geist hat später einen kurzen Text zu unserem ersten Projekt, dem Durchgangsbad geschrieben. Das Durchgangsbad von 1994 war das Ergebnis unserer Auseinandersetzung mit dem unmodernisierten Mietshaus. Wir haben das Bad als Möbel uminterpretiert, durch das man hindurchgehen kann, da es immer nur für kurze Intervalle genutzt wird. Wir haben das Durchgangsbad als alternativen Modernisierungsplan für den Badeinbau im Berliner Mietshaus entwickelt, um eine größere Flexibilität des Wohnungsgrundrisses zu erreichen.
Ein weiterer wichtiger Lehrer war Ludwig Leo, den wir erst nach unserem Studium bei verschiedenen Treffen kennengelernt haben. Die Durchdachtheit seiner Projekte und seine Kompromisslosigkeit in Bezug auf das Bauen haben uns sehr beeindruckt.

Mit dem Durchgangsbad habt Ihr sehr früh mit selbstinitiierten Projekten begonnen. Habt Ihr nach dem Studium zunächst noch für andere Architekten gearbeitet?

Wir haben uns eigentlich sofort selbstständig gemacht. Dass das nicht so einfach ist, haben wir natürlich zu spüren bekommen. Deshalb haben wir versucht, sehr genau die Arbeit anderer Architekten zu studieren. Es kam auch vor, dass wir für Wettbewerbe mit anderen Büros kooperiert haben, wie zum Beispiel mit Michael Wilkens von den Baufröschen in Kassel. Es gab auch Wettbewerbserfolge oder Projekte wie die Neustrukturierung und den Umbau der Ortschaft Sophienreuth in Oberfranken, wodurch wir über die Runden kamen. Aber unser Konzept war es, klein anzufangen. Wir haben mit Möbeln, dem Durchgangsbad und Wohnungsumbauten begonnen. Wir hatten eine kleine Werkstatt im Keller; die Kreissäge war immer dabei, sie existiert auch heute noch.

Das ganze Interview kostenlos lesen: ARCH+ features 1: BARarchitekten
Erschienen in ARCH+ 200 Kritik 

 

Mehr über BARarchitekten auf barwork.de

 

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