Offener Brief Berliner Architekten

Uns hat ein offener Brief Berliner Architekten erreicht, die sich an den Verleger des Verlags DOM publishers gewandt haben, um sich gegen eine Vereinnahmung ihrer Arbeiten in einem von DOM publishers geplanten und von Hans Stimmann herausgegeben Buch mit dem Titel "Stadthäuser" (engl. Titel: Townhouses) zu wenden. Da wir die Argumentation der beteiligten Büros im Kontext der neuen Reihe ARCH+ features, die sich mit den Produktionsbedingungen von Architektur auseinandersetzt, sehr aufschlussreich finden, publizieren wir hiermit den offenen Briefwechsel zwischen den Architektenbüros und dem Verleger, um der Debatte Raum zu geben.

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Zweiter offener Brief an den Verleger DOM publishers "Stadthäuser"

 

Sehr geehrter Philipp Meuser,

als Unterzeichner dieses zweiten offenen Briefs möchten wir uns einführend bei Ihnen als Verleger bedanken, dass sie uns zur Teilnahme am Buchprojekt "Stadthäuser", herausgegeben von Hans Stimmann (Erscheinungsdatum Frühjahr 2011) eingeladen haben. Wir werden dieser Einladung nicht nachkommen.

„Unsere Projekte basieren auf Eigeninitiative und stehen in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit der damaligen Stadtpolitik“, hatten wir Sie in unserem ersten offenen Brief wissen lassen und mit der Frage verbunden: „Warum soll nachträglich unter Vereinnahmung hierzu kritischer Architektinnen und Architekten diese Position fortgeschrieben und die gerade entstandenen vielfältigen neuen Positionen darin verallgemeinert werden?“

Die stadtpolitische Diskussion in Berlin in den neunziger Jahren und darüber hinaus war nicht der fruchtbare Boden für unsere Arbeit. Daher sehen wir uns auch jetzt in keinen Zusammenhang zu der damaligen Baupolitik, wie es in dem Buch dargestellt wird. Im Gegenteil: wir haben eine offene Diskussion über Themen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit, sowie den politischen Mut, Experimente zu wagen und neuen Ansätzen und Akteuren Raum zu geben, in dieser Zeit stets vermisst. Wir teilen nicht die pauschale Kritik an den Architekten der Moderne, sondern nehmen mit unserer eigenen Arbeit Bezug auf diese und sehen sie als eine der wichtigen Inspirationsquellen unserer Arbeit (BARarchitekten).

Wir verstehen Architektur als das Ordnen von sozialen Beziehungen durch Gebautes. Wer "Stadthäuser" – in der englischen Ausgabe "Townhouses" – gleichsetzt mit der "Wiedereinführung privaten Grund- und Hauseigentums" versteht dies auch so, allerdings mit dem Ziel sozialer Segregation, weil all jene exkludiert werden, die sich nicht mit Eigentumsrechten munitionieren können oder wollen. Wenn für dieses Ziel von politischen und administrativen Treuhändern eigens kleinparzellierte, zentrale Lagen für privilegierte "neue Stadtbürger" zur Verfügung gestellt werden, wird hier Stadt als Gemeinwesen bewusst abgeschrieben (brandlhuber+).

Unsere Architekturpraxis ist daraus entstanden, dass wir im Berlin um die Jahrtausendwende gezwungen waren, eigene neue Wege zu suchen, da unser Architekturansatz zu dieser Zeit in Berlin aktiv verhindert wurde. Wir glauben, dass eine Stadt von der Vielfalt seiner Akteure lebt. Wir haben interessante neue Wege gefunden, um kompromisslos unsere Vorstellung von Architektur zu realisieren. Idealerweise sollte eine Stadt die Vielfalt solcher außergewöhnlicher Leistungen unterstützen (deadline).

Stadt ist dort, wo die Dichte von Innen- und Außenräumen zusammen Orte ergibt, in denen Handlung und Bedeutung zur Form wird. Jedes Haus ist einzigartig und Kommentar seines Kontextes. Architektur muss Aneignung ermöglichen und die Räume der Gegenwart für die Zukunft abbilden (ebers architekten).

Urbanität ist für uns die Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Modellen und Programmen innerhalb eines zu verhandelnden Regelraumes. Diese Form der Verhandlung fordert von allen Beteiligten neue Konzepte einer differenzierten und zieloffenen Stadtentwicklung. In unserer Architektur verhandeln wir den Regelraum durch das Bauen mit mehreren Bauherren. Damit schließen wir die Verantwortung aller Beteiligten für die Entwicklung der Architektur und die der Stadt ein (FAT KOEHL).

Wir erkunden das Substantielle von Materialien, konstruieren, experimentieren – in unserem speziellen Fall insbesondere mit dem nachwachsenden Material Holz – und stellen es in einen kontextuellen Bezug zu kulturellen, sozialen, technischen und ökonomischen Feldern. Wir interpretieren mit unseren Projekten soziale Räume im steinernen Blockrandberlin als gemeinschaftlich organisierten Zwischenraum (KADEN KLINGBEIL).

Unsere Architektur will einen Diskurs anstoßen, der Antworten zu aktuellen und zukünftigen Lebensrealitäten geben kann. Durch die bewusste Interpretation tradierter Bildwelten und aktueller Medienerfahrungen erschließen wir neue Räume und eine veränderte Sicht auf die Stadt. Dabei verstehen wir unsere Arbeiten keinesfalls als analoges Gegengift zu einer zunehmend beschleunigten Welt, vielmehr suchen wir nach sinnlichen Verbindungen, die digitale und analoge Wahrnehmung zusammenführen (ludloff+ludloff).

Sie baten uns, Ihre auf unseren ersten offenen Brief vom 4. November bezogene Antwortmail an den von uns gewählten Verteiler weiterzuleiten. Wir haben ihn diesem zweiten offenen Brief angehängt, um Ihrer Bitte nachzukommen. Den ersten offenen Brief haben wir der Vollständigkeit halber zuunterst nochmals angehängt.


Mit kollegialen Grüßen

BARarchitekten
brandlhuber+
deadline > office for architectural services
ebers architekten
FAT KOEHL ARCHITEKTEN
KADEN KLINGBEIL ARCHITEKTEN
ludloff+ludloff Architekten

 

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Antwort vom Verleger DOM publishers Philipp Meuser, vom 4.11.2010

 

Sehr geehrte Kollegen,

haben Sie Dank für Ihren Brief. Es steht Ihnen natürlich frei, unserer Einladung für das Buchprojekt nicht nachzukommen. Ich möchte Ihnen offen und ehrlich antworten. Ziel des Buchtitels ist, frei finanzierten innerstädtischen Wohnungsbau auf der Parzelle zu thematisieren. Ich sehe hier keinen Konflikt, ein Stadthaus-Ensemble wie etwa am Friedrichswerder oder an der Bernauer Straße und eine Baulückenschließung im Prenzlauer Berg oder in der Spandauer Vorstadt im selben Buch vorzustellen. Es geht doch gerade darum, dass dieser Bautypus heute unterschiedlich interpretiert sowie baurechtlich und finanzierungstechnisch unterschiedlich realisiert wird. Das alles soll im Buch behandelt werden. Und zum Thema Hans Stimmann: Er ist seit fünf Jahren ein Privatmann. Dass Sie ihn während seiner Zeit als Amtsperson nicht akzeptiert haben, sollte doch heute kein Hindernis darstellen, in einem seiner Bücher mit einem anspruchsvollen und gelungenen Projekt vertreten zu sein. Nach den zahlreichen Vorgesprächen mit ihm bei uns im Verlag kann ich Ihnen nur versichern, dass es hier weder darum geht, Sie und Ihre Projekte zu instrumentalisieren, noch Sie in irgendeiner Weise vorzuführen. Die Auswahl der Projekte erfolgte in Rücksprache mit uns als Verlag und Redaktion.

Nachvollziehen kann ich daher die ganze Aufregung um das Buch und seinen Herausgeber nicht. Wir bemühen uns als Verlag DOM publishers, ein ausgewogenes Programm zu gestalten, in dem ein Architekturführer Berlin-Mitte von Dorothee Dubrau oder Florian Mausbachs Hochhaus-Forderungen für Berlin ebenso Platz haben wie ein Audiobuch über Peter Zumthor oder ein Ausstellungskatalog zum "Ungebauten Berlin".

Selbstverständlich akzeptiere ich Ihre kollektive Entscheidung, möchte Sie aber zugleich bitten, von geschäftsschädigenden Aktivitäten Abstand zu halten. Darüber würde ich Sie noch gerne um eine kurze Rückmeldung bitten, ob wir Sie für zukünftige Anfragen ganz aus unserer Adressverwaltung streichen sollen oder ob sich Ihre Absage nur auf das vorliegende Buchprojekt bezieht. Sollte sich der eine oder andere Kollege dennoch für eine Teilnahme am Buch entscheiden, würde ich Sie bitten, uns bis kommenden Montag (8. November 2010) kurz Bescheid zu geben. Ich werde dies nicht als Illoyalität gegenüber Ihrem Kollektiv werten, sondern als aktiven Beitrag zu einer hoffentlich regen Auseinandersetzung in dieser hinsichtlich Architekturdiskussionen völlig eingeschlafenen Stadt.


Freundliche Grüße
Philipp Meuser

PS: Bitte schicken Sie diesen Brief auch an Ihren "Verteiler", den Sie zwar erwähnt, mir aber nicht zugänglich gemacht haben. Vielen Dank.

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DOM publishers
Caroline-von-Humboldt-Weg 20
10117 Berlin | Germany

Fon +49.30.20 69 69 30
Fax +49.30.20 69 69 32

info@dom-publishers.com
http://www.dom-publishers.com

 

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Offener Brief an den Verleger DOM publishers „Stadthäuser“, 4.11.2010

 

Sehr geehrter Herr Meuser,

besten Dank für die Zusendung der Einleitung des geplanten Buchs "Stadthäuser", Herausgeber Hans Stimmann, im Verlag DOM publishers (Entwurf, Stand: 22. August 2010), Erscheinungsdatum Frühjahr 2011. Insbesondere schätzen wir, dass Sie uns damit die inhaltliche Auseinandersetzung als Grundlage einer Beteiligung ermöglicht haben.

Unsere Projekte basieren auf Eigeninitiative und stehen in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit der damaligen Stadtpolitik. Warum soll nachträglich unter Vereinnahmung hierzu kritischer Architektinnen und Architekten diese Position fortgeschrieben und die gerade entstandenen vielfältigen neuen Ansätze darin verallgemeinert werden? Bitte streichen Sie uns aus der Liste der Beteiligten an o. g. Publikation, ggf. bereits übermittelte Unterlagen bitten wir zurückzusenden, Daten zu löschen.

Wir haben die Form des offenen Briefes gewählt, um eine Diskussion hierüber zu ermöglichen. Diesen Brief erhalten neben Ihnen noch andere Architekturbüros und für uns wichtige Akteure der Stadtgestaltung. Gerne stehen wir Ihnen und allen hiervon Kenntnis erhaltenden Kolleginnen und Kollegen für eine inhaltliche Auseinandersetzung zur Verfügung.


Mit freundlichen Grüßen

BARarchitekten info@barberlin.net
brandlhuber+ mail@brandlhuber.com
Jörg Ebers info@ebers-architekten.de
Ludloff+Ludloff Architekten mail@ludloffludloff.de
FAT KOEHL ARCHITEKTEN contact@fatkoehl.com

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