Zum Erbe der Hochschule für Gestaltung Ulm

Geschrieben am 16.01.2011
Kategorie(n): News, Hfg Ulm, Offener Brief, Produktionsbedingungen, Kulturelles Erbe, Otl Aicher

Das Erbe der weltberühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm steht auf dem Spiel. Ein prominenter Kreis von Absolventen, Designern, Wissenschaftlern und Künstlern – unter ihnen eine Vielzahl ehemaliger Dozenten und Absolventen – hat sich in einem offenen Brief an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus und den Stuttgarter Landtag gewandt, um auf den Verlust jeglichen inhaltlichen Profils der privaten Stiftung HfG Ulm, den Einfluss privater Interessen ihrer Funktionsträger und die bauliche Entstellung im Rahmen zur Zeit stattfindender Sanierungs- und Umbaumaßnahmen aufmerksam zu machen.

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Offener Brief an die Landesregierung und den Landtag von Baden-Württemberg

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

sehr geehrte Mitglieder des Landtages von Baden-Württemberg,

das Erbe der weltberühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung steht auf dem Spiel. Die Schule war 1953 von Inge Aicher Scholl (Schwester von Sophie und Hans Scholl), ihrem Ehemann Otl Aicher und dem Bauhausschüler Max Bill gegründet worden und bestand bis 1968. Sie gilt international als die bedeutendste Design-Hochschule nach dem Bauhaus. Mit dem letzte Woche erfolgten Rücktritt der Intendantin und der unabhängigen Mitglieder des Fachbeirats des Internationalen Forums für Gestaltung IFG Ulm, dem unter anderem die renommierten Theoretiker und Designer Rudi Baur, Regula Staempfli und Rene Spitz angehörten, hat sich die schon seit Jahren schwelende Krise um die Pflege des Erbes der HfG Ulm drastisch zugespitzt. Das IFG Ulm ist für die inhaltliche Arbeit der HfG Stiftung zuständig.

Bereits im Jahre 1986 hatten Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher der Stiftung, welcher das Gebäude der ehemaligen HfG Ulm gehört, die Nutzung des Namen der Geschwister Scholl entzogen, weil ein inhaltliches Profil nicht mehr erkennbar war und die Stiftung offenkundig nur immobilienwirtschaftliche Ziele verfolgte. Gleichwohl tritt die "Stiftung Hochschule für Gestaltung" heute mehr denn je mit dem Anspruch auf, das Erbe der HfG Ulm zu bewahren und fortzusetzen und hat sich erst kürzlich mehrere Marken mit Bezug auf die HfG Ulm rechtlich gesichert. De facto verfolgt sie aber keine inhaltlichen Ziele, die dem Erbe in irgendeiner Weise gerecht werden, sondern will das Erbe nutzen, um kommerzielle Mieter für ihre zwischenzeitlich als "Design-Park" gebrandete Mietflächen anzulocken. Auf der Website heißt es unter dem Stichwort "Standort und Marke": "Darüber hinaus bietet die Möglichkeit der Nutzung der Systemmarke HfG Ulm den Mietern eine weltweit anerkannte Corporate Identity-Basis, die für jede einzelne Firma auf dem Campus einen Mehrwert an sich darstellt und der sich durch gemeinsame Marketingmaßnahmen noch potenzieren lässt. Diese Markenstrategie der Stiftung HfG Ulm stellt einen zusätzlichen Ertragsmehrwert dar."

Die private Stiftung ist der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig, der Verbleib von jahrzehntelangen Mieteinnahmen ist Außenstehenden unbekannt. Einige der Stiftungsratsmitglieder haben private Interessen. Sie bzw. ihre unmittelbaren Familienangehörigen unterhalten Miet- und Geschäftsbeziehungen zu dieser bzw. streben solche an. Zugleich hat die Stadt Ulm nicht versucht, mittels Fördermittel die Sanierung der Flächen für das HfG Ulm Archiv selber durchzuführen, was mit dem Abschluss eines langfristigen Pachtvertrages möglich gewesen wäre, sondern zahlt einen sehr hohen Mietzins für eine Fläche, die für das Archiv viel zu klein ist.

Mit dem Rücktritt der Intendantin und der Mitglieder des Fachbeirates der IFG Ulm GmbH hat die Stiftung Hochschule für Gestaltung nunmehr ihrer letzte verbliebene Legitimation verloren, das Erbe der HfG Ulm zu pflegen. Die IFG Ulm GmbH ist eine Tochtergesellschaft der HfG Ulm-Stiftung und ihr inhaltliches Feigenblatt, welches auch die Gemeinnützigkeit der Stiftung garantiert. Zentrale Gründe für den Rücktritt waren fehlende Transparenz und Interessenskollisionen bei der Stiftung HfG Ulm, fehlende inhaltliche Autonomie für die IFG Ulm, fehlende Einbindung in die Stiftung und die Intransparenz des HfG Geschäftsgebarens, repräsentiert durch den Geschäftsführer der IFG, der gleichzeitig auch Geschäftsführer der Stiftung ist. Zuvor war die Stiftung bereits von einer Vielzahl von Absolventen der HfG Ulm für ihren profillosen und verwertungsorientiertem Umgang mit dem Erbe der HfG Ulm scharf kritisiert worden.

Der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau hatte bereits letztes Jahr die Stiftung aufgefordert, eine Verständigung mit den ehemaligen Dozenten und Absolventen der HfG Ulm zu finden und auf eine Nutzung von Marken mit dem Namen der HfG Ulm für die Vermietungszwecke der Stiftung zu verzichten. Die inzwischen begonnenen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen am Gebäude der HfG Ulm haben große Besorgnis wegen ihrer ungenügenden Berücksichtigung denkmalpflegerischer Belange ausgelöst.

Um mehr als vierzig Jahre nach der Schließung der berühmten Hochschule eine adäquate Bewahrung und Pflege zu garantieren, schlagen die Unterzeichnenden folgende Änderungen vor:

- Die Übertragung der Markenrechte und des Eigentums an Archivgut an das HfG Ulm Archiv der Stadt Ulm

- Eine angemessene Förderung des HfG Ulm Archivs und eine stärkere finanzielle und personelle Unterstützung durch die Stadt Ulm und das Land Baden-Württemberg

- Die Erweiterung der für das Archiv vorgesehenen Flächen im Gebäude der ehemaligen HfG, um Sammlungsausbau und angemessene Ausstellungen zu ermöglichen

- Durch eine langfristige bzw. dauerhafte Überlassung dieser Flächen die Voraussetzung zu schaffen, dass die Stadt Fördermitteln für deren Sanierung akquirieren kann.

- Die Einbeziehung international anerkannter und unabhängiger Denkmalpfleger bei Sanierung und Umbau des Gebäudes 

- Den Übergang des Eigentums an den Bauten der HfG Ulm auf eine öffentliche Stiftung getragen von Stadt und Land unter Gewährung der Trennung von Amt und privatwirtschaftlichen Beziehungen und die internationale Besetzung der Gremien

Die Hochschule für Gestaltung Ulm gehört zum zentralen kulturellen Erbe Deutschlands im 20. Jahrhundert. Die gestalterische und gesellschaftliche Bedeutung dieser Institution ist dem historischen Bauhaus nahezu ebenbürtig und mit diesem Erbe in mehrfacher Weise verknüpft. Die Wahrung ihres Erbes ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die nicht den Profilierungsbedürfnissen und Verwertungsinteressen lokaler Unternehmer und Politiker überlassen werden darf. Die Pflege des Erbes der HfG Ulm muss ihrem unabhängigen emanzipatorisch-aufklärerischen und forschendem Geist verpflichtet bleiben. Dem Archiv kommt hierbei ein zentraler Stellenwert zu. Die Absolventen und Dozenten der Hochschule sind in die Pflege des Erbes angemessen einzubeziehen.

Dessau-Roßlau, den 26. November 2010

 

Unterzeichner:

Florian Aicher, Architekt, Rotis

Werner Aisslinger, Designer, Berlin

Prof. Claudia von Alemann, Absolventin der HfG Ulm, Filmregisseurin, Köln/Havanna

Prof. Giovanni Anceschi, Absolvent der HfG Ulm, Produkt- und Kommunikationsdesigner, Venedig / Mailand

Prof. Rudi Baur, zurückgetretenes Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, Zürich

Barry Bergdoll, Kurator Museum of Modern Art, New York

Dr. Jakob Bill, Präsident der Bill-Stiftung, Archäologe und Kunsthistoriker, Adligenswil, Schweiz

Prof. Gui Bonsiepe, Absolvent und ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Florianópolis (Brasilien), La Plata/Buenos Aires

Fritz-Jürgen Böttcher, Absolvent HfG Ulm und IUP Ulm, Dipl.-Ing. Architekt und Stadtplaner, Essen

Dr. Monika Buch, ehemalige Studentin der HfG Ulm, Künstlerin, Utrecht

Fritz Bühler, Absolvent der HFG Ulm, Architekt BSA,SIA, Biel-Bienne, Schweiz

Prof. Bernhard Bürdeck, Absolvent der HfG Ulm, Dozent an der Universität Frankfurt, Obertshausen

Prof. em. Reinhart Butter, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Ohio, USA

Franco Clivio, Absolvent und Assistent der HfG Ulm, Industrie-Designer, Dozent für Produktgestaltung, Erlenbach (Schweiz)

Michael Conrad, Absolvent der HFG Ulm, Produktdesigner, Ostfildern

Prof. Gerhard Curdes, Absolvent der HfG Ulm, Stadtplaner, Aachen

Roel Daru, Absolvent HfG Ulm, Design Morphologe, Amsterdam

Myriam Daru-Schoemann, Absolventin Ulm, Design Research, Amsterdam

Prof. Thomas Dawo, Student der HfG Ulm, Goldschmied, Düsseldorf

Christopher Dell, ehemaliges Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, Musiker und Komponist, Berlin

Peter Disch, Absolvent der HfG Ulm, Architekt, Novaggio Ticino (Schweiz)

Eberhard Ebner, Verleger, Ulm

Kai Ehlert, Absolvent der HfG Ulm, Berater und Gestalter, Präsident des Deutschen Designertages, Hamburg

Prof. Manfred Eisenbeis, Absolvent der HfG Ulm, Köln/Paris

Susanne Eppinger-Curdes, Absolventin der HfG Ulm, Gestalterin, Aachen

Hartmut Esslinger, Produktdesigner, Berlin

Rolf Fehlbaum, Vorsitzender Verwaltungsrat Vitra, Basel

Florian Fischer, ehemaliger Student der HfG Ulm, Kommunikations-Berater, Berlin

Bernd Franck, Absolvent der HfG Ulm, Grafikdesigner, Düsseldorf

Leonhard Fünfschilling, Absolvent der HfG Ulm, Architekt, Zürich

Prof. Roland Fürst, Absolvent und technischer Lehrer der HfG Ulm, Heidelberg

Prof. Dominique Gilliard, Absolvent und ehemaliger Assistent der HfG Ulm, Architekt, Lausanne (Schweiz)

Max Graf, Absolvent der HfG Ulm, Architekt BSA, St. Gallen (Schweiz)

Guus Gugelot, Designer, Hamburg

Marcel Herbst, Absolvent der HfG Ulm, Architekt und Berater, Zürich

Max Herzberg, Student der HfG Ulm, Architekt, Paris

Prof. Martin Hess, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Düsseldorf

Prof. Thilo Hilpert, Architekturhistoriker, Wiesbaden

Armin Höllwarth, ehemaliger Vorsitzender des Club Off Ulm e.V., Ulm

Prof. Günther Hörmann, Absolvent der HfG Ulm, Filmregisseur, Ulm

Prof. em. William S. Huff, Fulbright Stipendiat und Gastdozent der HfG Ulm, Pittsburgh (USA)

Alfred Jungraithmayr, Absolvent der HfG Ulm, Filmemacher, Frankfurt am Main

Prof. Michael Klar, Absolvent und ehemaliger Assistent der HfG Ulm, visueller Gestalter, Berlin

Prof. Alexander Kluge, ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Filmregisseur, München

Prof. Bernd Kniess, ehemaliges Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, Hamburg

Prof. em. Klaus Krippendorff, Absolvent der HfG Ulm, Kybernetiker, Philadelphia (USA)

Gerda Müller-Krauspe, Absolventin der HfG Ulm, Produktgestalterin, Frankfurt am Main.

Prof. em. Joachim Krausse, Designtheoretiker, Dessau/ Berlin

Mateo Kries, Direktor/Programm des Vitra Design Museums, Weil am Rhein

Dr. Nikolaus Kuhnert, Herausgeber archplus, Berlin

Prof. Dr. h.c. Helmut Lachenmann, ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Komponist, Leonberg

Prof. Hans-Jürgen Lannoch, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Linkenheim/Nizza

Prof. em. Herbert Lindinger, Absolvent und ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Industriedesigner, Hannover

Prof. Klaus K. Loenhart, ehemaliges Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, München/Graz

Prof. em. Tomás Maldonado, ehemaliger Dozent und Rektor der HfG Ulm, Künstler, Designer und Theoretiker, Mailand

Thomas Mauch, ehemaliger Dozent an der HfG Ulm, Filmregisseur, Kameramann, Berlin

Monika Maus, Vorsitzende Club Off Ulm e.V., Ulm

Prof. Ian McLaren, Student der HfG Ulm, Grafikdesigner, England

Richard Meier, Architekt, New York (USA)

Dr. Daniel P. Meister, Absolvent der HfG Ulm, Abteilung Bauen, Architekt,Stadtplaner, Ulm

Prof. em. Bernd Meurer, ehem. Student und Mitarbeiter an der HfG Ulm, Designtheoretiker, Darmstadt

Prof em. Shutaro Mukai, Student und Mitarbeiter an der HfG Ulm, Designer, Designtheoretiker, Dichter, Tokyo,

Bertus Mulder, ehemaliger Student der HfG Ulm, Architekt, Utrecht

Rolf Müller, Student der HfG Ulm, visueller Gestalter, München

Walter Müller, Absolvent der HfG Ulm, Grafik-Designer, Frankfurt am Main

Prof. em. Mario Forné Munné, ehemaliger Studierender der HfG Ulm, Architekt, Argentinien

Alexander Neumeister, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, München

Prof. Philipp Oswalt, Direktor Stiftung Bauhaus Dessau

Renate Pfromm, ehemalige Studentin der HfG Ulm, Stadtplanerin, Kassel

Prof. em. Dieter Raffler, Absolvent der HfG Ulm, Dessau/Ulm

Prof. Dr. Edgar Reitz, ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Filmregisseur, München

Prof. em. Hans (Nick) Roehricht, Absolvent und ehemaliger Assistent der HfG Ulm, Gestalter, Ulm

Prof. em. Arthur Rüegg, Architekt, Zürich

Ernst Scheidegger, ehemaliger Dozent an der HfG Ulm, Zürich

Rolf Schroeter, Absolvent und Gastdozent der HfG Ulm, visueller Gestalter, Künstler, Zürich (Schweiz)

Prof. em. Peter Seitz, Absolvent der HfG Ulm, Grafikdesigner, Minneapolis, USA

Prof. Dr. h.c. Erik Spiekermann, Gestalter und Typograph, Berlin

Dr. René Spitz, ehemaliger Intendant des IFG Ulm, Ulm, Köln

Prof. Lothar Spree, Absolvent der HfG Ulm, Mediendesigner, Weimar / Shanghai

Prof. Regula Stämpfli, zurückgetretene Intendantin des IFG Ulm, Brüssel

Fritz Stuber, Absolvent der HfG Ulm, Architekt und Stadtplaner, Zürich

Jörg Stumpf, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Wernau

Prof. Peter Sulzer, Student und Gastdozent der HfG Ulm, Architekt, Gleisweiler

Nicholas Fox Weber (PhD), Direktor der Josef und Anni Albers Foundation, Bethany, USA

Margit Weinberg-Staber, Absolventin der HfG Ulm, Kunst- und Design-Publizistin, Zürich

Reinhold M. Weiss, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Chicago, USA

Prof. Ann Wolff, Absolventin der HfG Ulm, Designerin, Visby, Schweden

Alexandre Wollner, Absolvent de HfG Ulm, Grafiker, São Paulo, Brasilien

Shizuko Yoshikawa, Absolventin der HfG Ulm, Künstlerin, Unterengstringen bei Zürich

Dr. Roland Zaugg, Absolvent der HfG Ulm, Stadtplaner, Basel

Werner Zemp, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner/Künstler, Zürich
 

 

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