ARCH+ features 13: Geteilte Autorschaft

15. Juni 2012 um 20 Uhr im Tempelhofer Park, Berlin: John Bock, Florian Köhl und Nikolai von Rosen im Gespräch mit Matthias Lilienthal und Felix Stalder

Im Festivalzentrum der großen Weltausstellung 2012,
Zugang Oderstraße/Herrfurthstraße (Neukölln),
U8 Boddinstraße (12 min Fußweg)

Im Rahmen der "großen Weltausstellung 2012", veranstaltet vom HAU und raumlabor, fand eine interdisziplinäre Diskussion mit dem Architekten Florian Köhl (FAT Koehl Architekten) sowie den beiden Künstlern John Bock und Nikolai von Rosen statt.

 

 

Dieses Gespräch wurde anschliessend um die Perspektive des Theatermachers Matthias Lilienthal und des Theoretikers Felix Stalder (ZHdK) erweitert.

 

 

Wenn schon bauen, dann als Herausforderung

Eine Nachbetrachtung von Peter Strobel

Die 13. Ausgabe der ARCH+ features war Teil des Rahmenprogramms der „großen Weltausstellung 2012“, die das Theater Hebbel am Ufer und raumlaborberlin (ARCH+ features 3) auf dem Tempelhofer Feld in Berlin veranstalteten. Die Entfernungen auf den riesigen Freiflächen des ehemaligen Flughafens sind Teil des Ausstellungskonzepts. Aus dem Besuch wird schnell eine kleine Wanderung von einer Kunstinstallation zur nächsten – die Veranstalter empfehlen nicht umsonst, ein Fahrrad mitzubringen. Teil dieses Parcours ist ein Amphitheater, das die Gruppe „Umschichten“ aus recycelten Materialien errichtet hat. Auf dessen Bühne verzichteten die Teilnehmer an ARCH+ features 13 nicht nur auf ein Dach über dem Kopf, sondern auch auf die übliche multimediale Unterstützung. Statt Beamer und Leinwand kamen eine gezimmerte Drehbühne, Aushänge und Modelle zum Einsatz. 

Abwechselnd nutzten der Architekt Florian Köhl, der Künstler und Architekturtheoretiker Nikolai von Rosen und der Performance-Künstler John Bock dieses Instrumentarium, um ein gemeinsames Projekt vorzustellen: Ein Baugruppenhaus, in dem der Architekt für die Künstler sehr individuelle Wohnungen realisierte. Für sie? Oder vielmehr mit ihnen? Oder waren es umgekehrt die Bauherren, die ihre Vorstellungen mit Architektenhilfe umsetzten?
Die Sprache spiegelt die Beziehung; Nikolai von Rosen erzählt, wie Bauherren in den Dialog mit dem Architekten den Konjunktiv einbringen, die Möglichkeitsform: Was wäre, wenn? So öffnen sie dem Reich des Indikativs, des Faktischen und des Vorgegebenen, neue Perspektiven. Er sieht seine Wohnung nicht nur als Folge von Räumen, sondern als „Referenzmaschine“, bei deren Planung um unterschiedliche semantische Strukturen, um Bedeutungen, Bezüge und Sichtweisen gerungen wurde. So ging es dem Architekten vornehmlich um eine Treppe, dem Bauherren und künftigen Bewohner hingegen um das „Treppenmotiv“, das es zu intensivieren galt; darum, was eine Treppe bedeutet, was sie im Raum und mit den Menschen bewirkt. „Wenn schon bauen, dann wenigstens als Herausforderung“, fasst von Rosen seine Rolle als Bauherr zusammen.

Wo Lüstelei entsteht
Eine Herausforderung ist eine solche Sicht zweifellos auch für den Architekten. Ist er „schon vorher da und wird dann im Verlauf des Prozesses rausgedrückt“? John Bock, der diese Verdrängung in einer Performance so anschaulich wie vergnüglich darstellt, hat ebenfalls seine sehr eigene Sichtweise auf das gemeinsame Bauen. Er stellt den Künstler als Parasiten dar, der andockt, wo „Wesenspräsenzen im Regelwerk“ aufeinandertreffen. Dieser Begegnung entzieht der Parasit Fragmente, vornehmlich in Grenzbereichen, an den „wabernden Rändern“: „Wo Lüstelei entsteht, bin ich vor Ort!“ Die Bruchstücke verdaut der Parasit, bildet sie um und scheidet sie aus. Damit wirkt er ein auf seine Umgebung, setzt weitere Veränderungen in Gang, die idealerweise zu „Revolution und gesellschaftlicher Optimierung“ führen.

Mitarchitektisierende Bauherren
So unterhaltsam die Performance ist, so präzise beschreibt sie den Vorgang der Aneignung, der Transformation und der Entstehung von Neuem. In den Worten des Moderators Anh-Linh Ngo: „Durch Hinzukommen weiterer Autoren wird die Aufgabe verändert. Das Haus wäre ohne die Künstler so nicht entstanden.“
„Ein neues Verhältnis zwischen Architekt und mitarchitektisierendem Bauherrn“ konstatiert Nikolaus Kuhnert von ARCH+, der darauf hinweist, dass der Architekt seine Rolle und sein Selbstverständnis in dieser geteilten Autorenschaft noch zu finden hat: „Wer hat den Architekten die Zähne gezogen“, fragt er provokativ, denn ganz selbstverständlich sprechen Bauherren, Künstler zumal, in der Ich-Form. Der Architekt Köhl dagegen bevorzugt das halb-anonyme, sich als Individuum zurücknehmende Wir, damit mal sein Büro, mal das Autorenkollektiv meinend, das er mit den Bauherren bildet.

Nutzer mit Expertenstatus
Der Architekturtheoretiker Felix Stalder von der ETH Zürich erkennt einen Trend, eine Bewegung, die das Verhältnis von Auftraggeber und Dienstleister verändert. Beide begegnen sich als Autoren auf Augenhöhe, der Nutzer beansprucht und bekommt zunehmend einen Expertenstatus, der bislang dem Architekten vorbehalten war.

Ist diese neue, geteilte Autorenschaft besonderen Umständen geschuldet, privaten Bauherren, gar der kreativen Kraft von Künstlern vorbehalten? Lässt sie sich auf Großprojekte, auf institutionelle Bauherren übertragen, wo Effizienz und Profitabilität eine viel stärkere Rolle spielen? Die Diskussion vor und mit dem Publikum prüfte die präsentierte Ausnahmesituation auf ihre Übertragbarkeit. Damit führte die Veranstaltung das Thema der letzten ARCH+ features fort: Dort plädierten Jan und Tim Edler von realities:united engagiert dafür, den Autorenbegriff jenseits des alles dominierenden Stararchitekten neu zu definieren. Bezogen sich die Edlers, ihre eigene Arbeit beispielhaft anführend, damit in erster Linie auf professionelle Planer und Gewerke, so führte die Diskussion auf dem Tempelhofer Feld endgültig in den viel weiter gespannten Bereich des „architektisierenden“ Laien.

Dinge zur Entfaltung bringen
Der Begriff der Autorenschaft, so das vorläufige Fazit, wird an mehr als einer Stelle in Frage gestellt, mit ihm die strenge Trennung von Disziplinen und Kompetenzen. Das vorgestellte Baugruppenprojekt ist ein Beispiel im kleinen Maßstab, die Inszenierung der „großen Weltaussstellung“, bei der Theatermacher und Architekten zusammenarbeiteten, ein größeres. Dass es bei diesen Dimensionen nicht bleibt, betont Anh-Linh Ngo abschließend. Konsequent fortgesetzt, erreicht das partizipative Prinzip die städtebauliche Größenordnung: „Wie lässt man in einer Stadt Freiräume zu und bringt damit Dinge zur Entfaltung?“ Oder, mit von John Bock, zur Revolution und gesellschaftlichen Optimierung.
 

ARCH+ features 13, John Bock, Florian Köhl, Nikolai von Rosen im Gespräch mit Matthias Lilienthal, Felix Stalder ARCH+ features 13, John Bock, Florian Köhl, Nikolai von Rosen im Gespräch mit Matthias Lilienthal, Felix Stalder


Themenstellung

Ausgehend vom Beitrag "Geteilte Autorenschaft" von Florian Köhl, den wir in ARCH+ 201/202: Berlin im letzten Jahr veröffentlicht haben, wollen wir neue Formen der kreativen Zusammenarbeit diskutieren. Damit setzen wir die Diskussion fort, die wir beim ARCH+ feature 12 mit realities:united und Andreas Ruby in München begonnen haben: Im Gegensatz zum marktkompatiblen Modell des Stararchitekten suchen jüngere Architekten nach neuen Arbeitsformen, die Autorenschaft intersubjektiv begreifen. Projekte werden nicht auf einen genialischen Autor reduziert, sondern verweisen auf eine Gruppe von Autoren, die sich projektspezifisch zusammensetzt. Kreative Prozesse werden somit durch das "Kuratieren" einer Gruppe definiert, deren Mitglieder alle unterschiedliche Fähigkeiten besitzen und diese Fähigkeiten in das Projekt einbringen. Zusammen mit den eingeladenen Gästen wollen wir im Rahmen der großen Weltausstellung 2012 diskutieren, welche neuen Aktions- und Bedeutungsräume sich für Architektur und Stadt eröffnen, wenn sie sich den zeitgenössischen Produktionsbedingungen stellt.

Mehr Infos zur großen Weltausstellung 2012
Hebbeltheater am Ufer (HAU)
raumlaborberlin

Einladung als PDF-Download

 

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