Bruno Taut: Architekturüberlegungen

Urfassung der Architekturlehre


Ergänzung zur ARCH+ 194 Architekturlehre

Am 3.12.1935 vermerkte Bruno Taut in seinem Tagebuch, das er während seines Exils in Japan in seinem kleinen Wohnhaus am Shorinzan-Tempel in Takasaki führte, auf Seite 771:

„Die Ahornblätter sind verwelkt. Gestern trieb sie der Wind zu mir ins Haus. – … – – Nun begann ich mit meiner großen Arbeit über Architektur: „Überlegungen“. Ich schreibe es nur für mich; sollte ich bald sterben, so mag es mein Nachlaß sein. Fertig: „Was ist Architektur?“, “Architektur und Gesellschaft“. Es ist selten schwer, aber auch selten befriedigend. Auch Selbstkritik, Feststellung von Verirrungen, auch eigenen. Wenn ich überlege: wie ganz anders wäre mein Leben verlaufen, wenn ich vor 15 Jahren so gedacht hätte. Nachgedacht, wie heute! Doch daß ich damals gerade so dachte, brachte alle praktischen Erfahrungen, Reisen, Studien mit sich und in großartiger Logik mein heutiges Denken. Ich bin dankbar. Wie leicht wiegt dagegen der allzunatürliche leise Heiminstinkt. – Dies ist jetzt meine eigentliche Arbeit, langsam, mit Bedacht. Die Arbeit sonst wird dagegen zum Spiel nebenbei.“

Als Bruno Taut diesen Eintrag schrieb, hat er gerade die Arbeit an seinem Buch „Das japanische Haus und sein Leben“ unterbrochen, um sich seinem neuen Projekt, den „Architekturüberlegungen“ zu widmen. Obwohl er während seiner Laufbahn als praktizierender Architekt in Berlin bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht hatte, nimmt er sich nun endlich die Freiheit, in einer zusammenhängenden Argumentation grundsätzlich über Architektur zu reflektieren. In seine „Überlegungen“ fließen die „praktischen Erfahrungen, Reisen, Studien“ mit hinein, die er im Laufe der letzten zehn Jahre in Deutschland, in der Sowjetunion und in Japan gemacht hat. 1937 kam die Türkei-Erfahrung hinzu, als er seine „Überlegungen“ dann zu Vorlesungen, der „Architekturlehre“, ausarbeitete. (Zur Entstehungsgeschichte der „Architekturüberlegungen“ im Zusammenhang mit der „Architekturlehre“ siehe auch das ausführliche Nachwort des Herausgebers zur „Architekturlehre“ in: ARCH+ 194 „Bruno Taut. Architekturlehre“, Oktober 2009.)

Taut, der erfolgreiche Architekt Berliner Siedlungen in der Weimarer Republik, war zum Ende des Jahres 1935, nach zweieinhalb Jahren Emigration in Japan, vom praktischen Bauen so gut wie abgeschnitten. Bauaufträge kamen über Entwurfsvorschläge nicht hinaus, durchführen konnte er schließlich einen Innenausbau, die Gesellschaftsräume der Hyuga Villa in Atami, und den Einbau von Schattendächern über den großen Fensteröffnungen der Villa Okura in Tokio (Architekt Gonkuro Kume), die er auch mit Möbeln ausstatten konnte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit dem Entwurf von Gebrauchsgegenständen und Möbeln, die in der kleinen Stadt Takasaki, nordwestlich von Tokio, handwerklich hergestellt wurden. Seine freie Zeit widmete er ganz dem Studium japanischer Kultur. Im Auftrag von Verlagen schrieb er in dieser Zeit drei umfangreiche Bücher: 1933 „Nippon mit europäischen Augen gesehen“, 1934 „Japans Kunst mit europäischen Augen gesehen“ und 1935 „Das japanische Haus und sein Leben“. Das letztere Werk, das er im Dezember 1935 nahezu fertig geschrieben hatte, sollte durch eine eingehende Analyse die kulturellen und klimatischen Voraussetzungen für das Bauen und Leben der Menschen in Japan offenlegen, um so den in Japan praktizierenden Architekten eine Grundlage für ihre Arbeit zu bieten.

In seinem japanischen Tagebuch notierte er immer wieder die Überzeugung: „Kunst als Qualität ist keine ästhetische Abstraktion, sondern die notwendige unentbehrliche Schaffung von Formen für das anständige Zusammenleben der Menschen. Je reiner und je direkter, freier von offiziellen Illusionen, umso höher die Qualität.“ (6.7.1934) Diese Einsicht ist vor allem auch angesichts der Entwicklungen im nationalsozialistischen Deutschland wie in der stalinistischen Sowjetunion zu verstehen. In der japanischen Kultur, vor allem im Wohnhaus und seinem Garten, sah Taut eine form-vollendete Beziehung zum Klima und zur Natur verwirklicht – eine Form, welche durchaus als zeitgemäßes Vorbild für die moderne Architektur dienen konnte.

Manfred Speidel

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