Es war dieses unvergleichliche, so aufmüpfig-freundlich-unüberhörbar aufmunternd-laute Lachen, das mir mit großer Zuneigung für den Kollegen Thilo Hilpert in Erinnerung ist! Noch jede architektur- und städtebaulich angelegte Diskussionsrunde der späten 1970er- und frühen 80er-Jahre, als die sogenannte ‘68-Bewegung in ihre heiße Endphase eintrat, konnte Thilo Hilpert nach heftigstem verbalem Schlagabtausch befrieden, indem er – selbst dominant und streitlustig argumentierend – plötzlich laut zu lachen begann und so die Spannung löste, die festgefahrenen Argumentationsketten brach und das Gespräch auf eine weiterführende Ebene lenkte.
Kennenlernen durfte ich diese Haltung im Umfeld der Planungsdebatten zur Konzeption der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA-Berlin seit 1979 ff.), in denen der an der Hochschule der Künste Berlin (HdK) lehrende Hardt-Waltherr Hämer die unterschiedlichen und äußerst heftig problematisierten Überlegungen für umsetzbare Stadterneuerungsmodelle Westberlins koordinierte. Man debattierte bereits den Abschied von der Nachkriegsmoderne, propagierte die „Postmoderne“ und damit bereits Formen einer grundlegenden Ablehnung jener Moderntendenzen in der Bau- und Städtebauentwicklung der 1960er-Jahre, die vorzugsweise mit dem Namen Le Corbusiers und der 1933 auf dem Congrès International d‘Architecture Moderne /CIAM) erarbeiteten Charta von Athen verbunden wurde. In diesem Umfeld sollte der Architekt Thilo Hilpert zunehmend lautstark darauf hinweisen, dass das präzise Wissen über diese Texte in der damaligen Architektenschaft allerdings kaum entwickelt war. Und so ging er daran, diese Lücke zu füllen: ein wissenschaftlich-forschendes Unterfangen, das ihn schließlich zu einem international geschätzten Kenner neusachlich-funktionalistisch geprägter Projekte und der sie begleitenden sozialpolitischen Theoreme werden ließ.
„Die Großstadt-Utopien der Moderne“
Hilperts kritische Rekonstruktion jener Moderne-Geschichte ist uns in zahlreichen Untersuchungen, Projektdarstellungen und Schriften bekannt. Sie entstanden vielfach zu Beginn der 1980er-Jahre vor dem Hintergrund des inzwischen konturenlosen, gewinnorientierten Bauwirtschaftsfunktionalismus, der sich seit den 1960er-Jahren im ökonomisch zweckgebundenen Städte- und Wohnungsbau der BRD durchgesetzt hatte.
Vor diesem Hintergrund konnte sich die postmoderne Zeitenwende als Verlusterfahrung gerade im architektonisch-städtebaulich angelegten Entwurfsdenken und dessen Theoriebildung gleichsam modisch ausbreiten. Thilo Hilpert hat diese Tendenz der Postmoderne damals antagonistisch kommentiert, indem er u. a. feststellte, dass es im Umfeld der bundesdeutschen Architekt*innenbildung an profundem Wissen über städtebauliche Konzepte der europäischen Moderne-Entwicklung nach 1918 mehrere Fehlstellen gab. Das traf vor allem für die urbanistische Theoriebildung Le Corbusiers zu, dessen Schriften er in ihren zeithistorisch geprägten Varianten erstmals (neu übersetzt) vorlegte und im Duktus der kritischen Theoriebildung nach Theodor W. Adorno interpretierte. Dabei verortete Hilpert einen wesentlichen Aspekt der Postmoderne-Debatten in der Wiederholung einer Grundsatzerfahrung des 20. Jahrhunderts, wie sie der gleichfalls in seiner Heimatstadt Ludwigshafen aufgewachsene Philosoph Ernst Bloch in seinem 1962 wiederaufgelegten Buch Erbschaft dieser Zeit (1935) vorgelegt hatte. Für den Philosophen war die neusachliche, funktionale Stadtentwicklung der 1920-Jahre eine geradezu notwendige Reaktion auf die Krise der kapitalistisch-prosperierenden Industriestadt des 19. Jahrhunderts gewesen, die er am Beispiel Ludwigshafen als „häßliche Stadt“, die „roh spektakelt“, wo das „Geld kreist und die I.G. Farben dampfen“, kennengelernt und beschrieben hatte. Einen vergleichbaren Ansatz der Krisenerfahrung verfolgte Thilo Hilpert mit seiner Analyse des Postmodernismus zu Beginn der 1980er-Jahre.
Hilperts sozialpolitisch unterlegte Analyse dieser Zeitenwende Postmoderne versus Moderne war dann 1982 in ARCH+ 65: Hausbau nachzulesen, jener „Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen“, die die Grundsatzthemen der damaligen Städtebauentwicklung mit einer wissenschaftlichen Absicht der konkreten politischen Einflussnahme veröffentlichte. In diesem Sinne hatte man kurz zuvor bereits eine Rede Jürgen Habermas‘ publiziert, der den Umfang der modernen Bau- und Städtebauentwicklung infolge der industriellen Revolution im Entstehen „neuer Lebenswelten“ verortet hatte. Ganz ähnlich hat dann kurz danach Thilo Hilpert aus dem Alltagsgeschehen einer US-amerikanisch geprägten modernen, urbanen Lebenswelt den Rückblick auf die Moderne-Konzeptionen der Akteure um Bruno Taut, Walter Gropius, Buckminster Fuller und vieler anderer angestoßen und die Sicht auf die verschiedenen, Utopie geleiteten Urbanisierungsprojekte jener Akteure aktualisiert. Zugleich aber war ihm klar, dass die Stadt-und Raumbildkonstrukteure der „Modern Times“ eine krisendurchtränkte, zukunftsskeptische Welterfahrung begleitet hatten. Umso mehr galt es, die kulturpolitisch motivierte Theoriekonzeption jener Modernisten in ihrer historischen Genauigkeit als eine Form des „Prinzip Hoffnung“ (Bloch) zu befragen. Musste man sie also nicht als tragfähige Utopiemodelle von einst in Erinnerung rufen?
„Zwischen Angsttraum und Flucht“
Dieser Impuls Thilo Hilperts hat die Debatten zur Internationalen Bauausstellungs-Konzeption in Berlin ab 1982 vielfach begleitet. Die damals postmodernistisch angelegten Theoriemodelle einer künftigen Stadtraumrekonstruktion, die im Berliner Umfeld der sogenannten IBA-Neu verhandelt wurden, meinten sich auf festgefügte Traditionsmodelle des vormodernen Städtebaus im Sinne des Wieners Camillo Sitte berufen zu dürfen. Diese Ansätze aber trafen zu Recht in Hilperts historisch-dialektischer Analyse auf Distanz. Schon zu Sittes Zeiten, so schrieb er damals, sei „in den Buchseiten der mittelalterlichen Stadt eine heile Welt“ nicht mehr zu finden gewesen. Letztlich sei dessen auf historische Muster zurückgreifende Idee damals allein auf dem Wissen jener ökonomisch bedingten, technischen Neu-„Formationen der Stadt“ begründet gewesen, die – so zeigte die später einsetzende Sitte-Forschung – sich gegen „Raumfiguren der Bodenspekulation“ zu wenden versucht hatte. In Ahnung dieser Grundlage hat Thilo Hilpert das „neue Umwelt-Bewusstsein“ der vielgestaltigen Stadtbaudiskurse der Moderne als Dokumente ihres utopischen Potentials und „Entwürfe einer neuen Epoche“ zurückgeholt.
Dass in jenen Jahren allerdings die ruinöse Dynamik der Umweltzerstörung die Großstädte und ländlichen Regionen ergriffen hatte, die sich wiederum in radikalen Veränderungen urbaner Lebensstile zeigte, war dem hoch sensiblen Hilpert nicht entgangen. Sie zeigte sich ihm seit den 1970er-Jahren in der Jugendkultur der Punks, deren Selbstvergewisserungs-Outfit auch für ihn eine neue, skeptisch erahnte Phase der Zeitkritik eröffnete. Hier zeigte sich abermals ein gesellschaftlicher Modernisierungsschub, dessen Erfahrung damals in der widerständigen Jugendkultur der kapitalistisch formierten Großstädte zum Ausdruck kam. Diese Erfahrung veranlasste Thilo Hilpert zumindest im Städtebau und der Architektur ein „anderes System ästhetischen Handelns“ einzufordern. Ansätze dessen fand Hilpert in den Arbeiten Frei Ottos. Hier sei ein konstruktiver Ansatz zu finden, der damals in ARCH+ vielfach und breit gestreut als Zeitenwende diskutiert wurde. In dieser Zeitschrift waren die Debatten bereits in Gang gesetzt worden, die eine grundlegende Veränderung der Bauproduktion und eine Stadtentwicklung forderten, die unter dem Thema der Nachhaltigkeit neu zu denken sei.
Nachlass aus den 1980er-Jahren
Thilo Hilpert hat seine Gedanken zur „Stadt als kulturelle Vision“ von 1982 bereits vor den unübersehbar gewordenen Entwicklungen der klimatischen Umweltveränderungen niedergeschrieben. Dieser Analyse sollte man dann 2015 in seinem gleichsam als Nachlass-Werk angelegten Buch Century of Modernity – Das Jahrhundert der Moderne wieder begegnen. In dieser reich bebilderten Veröffentlichung hat uns Thilo noch einmal durch die Urbanisierungs- und Architekturgeschichtsentwicklung seit 1900 geführt. Darin begegnet man den Architekturträumereien der Moderne ebenso wie ihren krisengeleiteten Widersprüchen und den Versuchen diese gleichsam auf erweiterter Stufenleiter zu lösen. Dass der Städtebau und die darin entwickelten Bauformen dabei stets als Funktionsträger der zeitlich prägenden gesellschaftspolitischen Prozesse wirken, dieser Grundsatz blieb die Basis eines Denkens, das Thilo Hilpert als herausragenden Vertreter der sogenannten „Generation 68“ repräsentierte. Wenn wir seine Gedanken heute wieder mit großem Gewinn lesen, so finden wir darin die Einzigartigkeit einer Bildung, die ihn als geistes- und kulturwissenschaftlich gebildeten Architekten motivierte. Thilo Hilpert war ein willensstarker Hochschullehrer und ein ungemein freundlich-selbstbewusster Kollege, mithin ein multikulturell orientierter Mensch, der die Aufbruchszeit der bundesrepublikanischen Neuorientierung auf einzigartige Weise mitgestaltet hat.
Im November 2025 verabschieden wir uns von diesem Hellsichtigen. Ich gedenke Thilo Hilperts mit hohem Respekt und einem begleitenden, dankbaren Lächeln.
Biografie (Schwerpunkte)
Thilo Hilpert, geb. 1947 in Köthen, gest. 2025 in Wien.
1951 Übersiedelung nach Ludwigshafen am Rhein, Vater Architekt
1967–72 Studium der Soziologie, Kunstgeschichte (Magister), später Promotion bei Hans Paul Bahrdt (Schwerpunkt Stadtsoziologie), Universität Göttingen
1972–78 Studium der Architektur an der TU Berlin und Beendigung an der Universität Kaiserslautern bei Albert Speer jr.
danach Assistent am Fachbereich Architektur der TU Berlin, 1983 Habilitation; Forschungen und Lehrtätigkeiten im Ausland
seit 1984 Professor für Architektur an der Hochschule Rhein Main-Wiesbaden
1999 Berufung in den Wissenschaftlichen Beirat Bauhaus/Dessau