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Feldforschung ist ein Teil meiner Arbeit als Stadtethnografin. Sie bringt mich an die unterschiedlichsten Orte – in Herrscherpaläste und Speisesäle von Botschaftsgebäuden, aber auch in Hinterzimmer von Planungsbehörden und in verstaubte Archive von Grundbuch­ämtern.

Ich besuche jene Architekt*innen, die nach der 1960 erfolgten Unabhängigkeits­erklärung Benins in der UdSSR studiert haben, und ich suche junge Start-ups auf, die von ehrgeizigen, in die Heimat zurück­gekehrten Afropolitans gegründet wurden. Ich beobachte, höre zu, mache meine Notizen und versuche mir ein Bild von den Produktionsbedingungen der gegenwärtigen Stadt zu machen. Wer bestimmt darüber, wie Städte wie Cotonou gemacht werden, wer hat dabei das Sagen?

Ich sah Oswald Adandes Arbeit zum ersten Mal in der Villa eines Expats. Sie hing an der Wand des behaglich klimatisierten Salons. Als Künstler entwirft Adande in seinem Werk eine afro-futuristische Vision der Stadt von morgen. Ich machte ihn am anderen Ende von Cotonou ausfindig, in einem recht beliebten Viertel. Er, seine Frau und zwei Söhne leben in einem Zwei-Zimmer-Haus, das zugleich auch Adandes Atelier ist. Früher besaß er eine eigene Werkstatt, eine Hütte, die ein Zimmermann für ihn auf einer Brachfläche gegenüber dem französischen Gymnasium gebaut hatte. Die Stadtverwaltung tolerierte die informelle Nutzung und verlangte im Gegenzug eine Gebühr von fast 100 Euro pro Jahr. In Folge einer Abrissverfügung für alle informellen Bauten der Stadt wurde auch seine Werkstatt demoliert. Seither arbeitet er von zuhause, meist auf den Stufen vor seinem Haus, in einem Gemeinschaftshof, den sich vier Familien teilen. Es ist ein geschäftiger Ort: Kinder spielen, Frauen flechten sich die Haare, Straßenverkäufer verpacken ihre Waren, um sie in der Stadt zu verkaufen, Hausfrauen holen Wasser, Nachbarn putzen ihre Motorräder. Adande sitzt draußen und bemalt seine Objekte, während das Stadtleben in den Hof hineinströmt. Es stört ihn, er kann sich bei all dem Lärm um ihn herum nicht konzentrieren.

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