Editorial
Der Sultan von Kairo sollte dazu bewegt werden, ein gigantisches Infrastrukturprojekt zu unterstützen, mit dem sie ihre Machtstellung wahren wollten: einen Kanaldurchstich durch die Landenge von Suez. Das Briefing, das der Rat der Zehn, das mächtigste politische Gremium der Republik Venedig, dem Gesandten in Kairo als Argumentationshilfe mit auf dem Weg gab, nimmt das Prinzip der Externalisierung vorweg, das seitdem das Verhältnis zwischen Europa und Afrika bestimmen sollte: „Eigentlich machen wir diesen Vorschlag zu unserem eigenen großen Nutzen und zum möglichen Schaden und zur Gefahr für den Sultan und seinen Staat, aber Ihr werdet Euch bemühen, ihn so zu unterbreiten, dass er angenommen wird, und Ihr werdet insbesondere deutlich machen, wie viele Vorteile dieser Kanal bringen wird“ (S. 176).
Der Plan wurde jedoch fallen gelassen und der Suezkanal erst im 19. Jahrhundert von den Kolonialmächten realisiert – ein Projekt, das über 100.000 Menschenleben kostete. Diese Geschichte, an die Ludovico Centis in dieser Ausgabe erinnert, verdeutlicht in nuce das, worum es in diesem Heft geht: Seitdem Europa sich in der Neuzeit anschickte, die Welt zum eigenen Nutzen zu erschließen und auszubeuten, setzte es seine Interessen vornehmlich mit Hilfe von Infrastruktur-Maßnahmen durch. Mit reibungslosen und beschleunigten Stoffströmen mehrte Europa immer wieder seinen Wohlstand auf Kosten anderer. Mit dem Konzept der Erschließung (S. 160) hängt wesentlich der Begriff der Externalisierung zusammen. Externalisierung bedeutet die Auslagerung negativer Folgen des eigenen (wirtschaftlichen) Handelns nach außen – was zunächst der Konstruktion eines Außen und eines Anderen bedarf, das unbedingt exkludiert werden muss (siehe den Beitrag von Stephan Lessenich, S. 2).
Dieses Heft handelt von Europa, von seinen Infrastrukturen (S. 100), Bildpolitiken (S. 60) und Grenzregimen (S. 198). Wenn wir von der europäischen Strategie der Externalisierung sprechen, dann müssen wir uns mit Afrika beschäftigen, das seit jeher jenes Außen und jenes Andere darstellt. Wir sollten nicht länger von Europa reden, ohne von Afrika zu sprechen, von dem strukturellen Rassismus der Europäer -*innen, der diese unheilvolle Beziehung im Laufe der Jahrhunderte prägte und prägt. Auch die Geschichte der europäischen Einigung bleibt von Anfang an in der rassistischen Logik gefangen, die in dem afrikanischen Kontinent nichts weiter als den zu erschließenden rohstoffreichen Garanten zu sehen vermag, der das Überleben Europas sichern soll. Auf das aus dieser fatalen Verknüpfung geborene geopolitische Konstrukt „Eurafrika“ (S. 14), das durch die Geschichte der europäischen Integration geistert, weisen Peo Hansen und Stefan Jonsson in dieser Ausgabe hin: „Tatsächlich war die EWG [der historische Vorläufer der EU] mitnichten ein postkoloniales Projekt, sondern von Anfang an unter anderem darauf gerichtet, eine rationale, ko-europäische Kolonialherrschaft über den afrikanischen Kontinent zu ermöglichen“ (S. 17).
Wir müssen also den Mythos vom Friedensprojekt eines postkolonialen Europa kritisch hinterfragen, um das inhärente Machtgefälle, den eingebauten Paternalismus, die strukturelle Ungleichheit zu überwinden, die in der politischen und wirtschaftlichen Beziehung zwischen der EU und Afrika weiterhin herrschen. In diesem Sinne zielt die Kritik an der europäischen Gegenwart auf die Zukunft, auf das, was werden könnte und nicht auf die verklärende Sicht einer angeblich heileren Vergangenheit. Dies grenzt unsere Kritik an Europa auch von der Europakritik der Neuen Rechten ab, die Europa auf identitäre Ursprungsmythen sowie reibungslose Marktbeziehungen reduzieren wollen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Proteste gegen Rassismus würden wir es uns in Europa zu einfach machen, wenn wir nur mit dem Finger auf Amerika zeigen. Eine solche moralische Entlastung ist zu billig zu haben. Schließlich ist Europa seit Jahrhunderten in dasselbe Unrecht verstrickt. Der strukturelle Rassismus europäischer Prägung wird in dieser Ausgabe raumpolitisch beschrieben – als infrastruktureller Rassismus. Es gilt, das falsche Bewusstsein offenzulegen, das eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Kolonialerbe Europas verhindert. Nur auf dieser Basis kann das europäische Projekt progressiv weitergedacht werden. Es gibt kein richtiges Europa im falschen.
Ich möchte Dennis Pohl für die Anregung zu diesem Heft über Europa als Infrastruktur danken, und für seine Mitarbeit bei der Umsetzung. Je länger wir uns mit dem Thema befassten, desto klarer kristallisierte sich heraus, dass wir über Europa hinausdenken müssen, um es als Projekt für die Zukunft zu retten. Ich danke dem ARCH+ Team, insbesondere Nora Dünser, Sascha Kellermann, Alexandra Nehmer und Lennard Flörke sowie Frederick Coulomb für den langen Atem bei dieser politisch wichtigen Ausgabe.